Hintergrund

Grüner Angriff auf die Erdwärme

Die teuren Geothermie-Projekte brachten bisher keinen Erfolg. Nun wollen linke Politiker einen Teil davon in die Solar- und Windenergie umleiten.

Förderte 2009 nicht das erhoffte Potenzial zur Energiegewinnung zutage: Die Erkundungsbohrung beim Zürcher Triemli.

Förderte 2009 nicht das erhoffte Potenzial zur Energiegewinnung zutage: Die Erkundungsbohrung beim Zürcher Triemli. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Es ist ein Kampf um beschränkte Subventionen, ausgetragen auf dem Feld der erneuerbaren Energien. Gegen 32'000 Projekte aus den Bereichen Fotovoltaik, Wasserkraft, Wind und Biomasse warten derzeit auf Gelder aus der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV), einem Förderinstrument, das die Konsumenten und die KMU über höhere Strompreise berappen müssen. Der vom Parlament beschlossene Zuschlag beträgt seit dem 1. Januar maximal 1,5 Rappen auf jede Kilowattstunde, 0,5 Rappen mehr als zuvor. Trotz dieser Erhöhung reicht das Geld nicht für alle Projekte. Bloss 12'000 erhalten in den nächsten drei Jahren Subventionen. Erhöht das Parlament die Fördermittel nicht, geht der grosse Rest leer aus. Doch die KEV steht unter Druck: Bürgerliche Politiker sehen in ihr ein Subventionssystem mit schädlichen Anreizen und wollen sie zurückfahren.

Energiepolitiker aus dem rot-grünen Lager suchen deshalb neue Finanzierungsquellen – und sind fündig geworden: Im KEV-Topf sind 150 Millionen Franken reserviert, mit denen der Bund bis zur Hälfte der Bohrkosten von gescheiterten Geothermie-Projekten vergütet; so sieht es das Energiegesetz vor. Garantien liegen für zwei Projekte vor: St. Gallen (24,1 Millionen Franken) und Lavey-les-Bains VD (8,8). Geld ist noch nicht geflossen. Das könnte sich aber bald ändern. In St. Gallen hat sich diesen Monat nach den jüngsten Untersuchungen Ernüchterung breitgemacht, weil in der Tiefe zwar heisses Wasser vorhanden ist, aber nicht in genügend grosser Menge, um mit dessen Dampf Turbinen antreiben und so Strom wirtschaftlich gewinnbringend generieren zu können.

Solarstrom für 50'000 Haushalte

Nach gescheiterten Projekten in Basel und in Zürich fehlt der Geothermie in der Schweiz weiterhin ein durchschlagender Erfolg. Der Zürcher Nationalrat Bastien Girod will dem Geothermie-Topf deshalb 100 Millionen entnehmen und für erprobte Technologien wie Fotovoltaik oder Wind verwenden. «So könnten wir die KEV-Warteliste rascher abbauen.» Die Geothermie-Forschung werde davon nicht tangiert, betont er. Die Mittel dazu seien bereits gesprochen, entsprechende Lehrstühle an der ETH besetzt. Girods Idee findet in den Reihen der Grünen Anklang. Co-Präsidentin Regula Rytz ist überzeugt, dass die Fraktion dahinterstehen wird. Die Grünen rechnen damit, dass so bis zu 50 000 Haushalte neu mit Solarstrom beliefern werden könnten.

Dem Vorschlag der Grünen erwächst jedoch Widerstand von Politikern aus der Mitte und aus dem rechten Spektrum, welche in der Geothermie eine grosse Chance sehen: als CO2-freie Bandenergie, die wenig Platz brauche. Hans Killer, Präsident der nationalrätlichen Energiekommission (Urek), spricht sich wie Energiepolitiker der FDP dezidiert gegen eine «Zweckentfremdung» der Gelder aus. Geothermie habe viele Risiken, auch finanzielle, räumt der SVP-Nationalrat ein. Gerade deshalb beurteilt er es aber als nötig, die Gelder im Fonds zu belassen. So liessen sich die Risiken abfedern, was die Gefahr mindere, dass diese Technik «mit riesigem Potenzial» von vornherein unattraktiv gemacht werde.

Nationalrätin Kathy Riklin warnt vor einem «Gärtchendenken». «Wir dürfen die Geothermie keinesfalls benachteiligen», sagt die CVP-Politikerin, die im Vorstand der Schweizerischen Vereinigung für Geothermie sitzt.

Leuthard erwägt Kompromiss

Bis 2035 rechnet der Bundesrat mit einer Produktion von rund 1,4 Terawattstunden Strom pro Jahr, 2050 sollen es 4,4 sein – genug, um eine Million Haushalte zu versorgen. Dass dies ein ambitioniertes Ziel ist, bestreitet Riklin nicht. Für einen Gewinn hält sie es aber bereits, wenn sich dank Geothermie Wärme gewinnen lässt. So könne man Ölheizungen ersetzen, was dem Klima zugutekomme.

Support erhalten die Grünen hingegen von der SP. In deren Reihen findet sich mit Alt-Nationalrat Rudolf Rechsteiner einer der härtesten Kritiker der Schweizer Geothermie-Pläne. Rechsteiner fordert, die Schweiz solle ganz auf «neue Abenteuer in der Geothermie verzichten». Mehrheitsfähig ist diese Position in seiner Partei aber nicht. Nationalrat und Urek-Mitglied Roger Nordmann fände es sinnvoll, die Geothermie-Gelder künftig flexibel zu handhaben. Man könnte sie bei Bedarf für die Einmalvergütung kleiner Fotovoltaik-Anlagen verwenden, wie er sagt. «Ist der Berg abgebaut, kann man die Rückstellung Geothermie wieder aufbauen.» Gemäss TA-Informationen wälzt Energieministerin Doris Leuthard (CVP) Pläne, die in diese Richtung gehen. Das federführende Bundesamt für Energie (BFE) äussert sich auf Anfrage dazu nicht.

Sicher ist hingegen: Der Bundesrat will die Deckung der Förderrisiken im Rahmen der Energiestrategie 2050 ausbauen. Künftig sollen pro Jahr maximal 60 Millionen Franken zur Verfügung stehen. Das Geld dafür stammt wiederum aus der KEV, die der Bundesrat von 1,5 auf maximal 2,3 Rappen pro Kilowattstunde anheben will. 0,1 Rappen sollen in Geothermie-Projekte fliessen. Der Bundesrat wird künftig jedes Jahr entscheiden, mit wie viel Geld der Geothermiefonds geäufnet werden soll, wie BFE-Sprecherin Marianne Zünd sagt. «Besteht keine Nachfrage, wird auch kein Geld fliessen.»

Erstellt: 04.03.2014, 20:42 Uhr

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