Interview

«Hässlicher Riesenzwerg Schweiz»

Schriftsteller Adolf Muschg findet unser Land herzlos im Umgang mit jenen Ausländern, die kosten. Asylbewerber seien «Humankapital», sagt er auch. Unsere «Freunde von morgen, die wir brauchen können».

«Man kann mit Flüchtlingen spielen, Sport treiben, musizieren, Lebensgeschichten austauschen»: Adolf Muschg in seinem Haus in Männedorf.

«Man kann mit Flüchtlingen spielen, Sport treiben, musizieren, Lebensgeschichten austauschen»: Adolf Muschg in seinem Haus in Männedorf. Bild: Nicola Pitaro

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Das Badiverbot von Bremgarten AG für Asylbewerber erinnere an die Apartheid, und die Schweizer seien Rassisten, tönt es aus dem Ausland. Haben wir das verdient?
Wir beschränken uns gern auf unser kleines Planquadrat. Umgekehrt vergrössern die Medien ein lokales Missgeschick zum nationalen Debakel. Ich plädiere für mehr Verhältnismässigkeit. Es ist nicht fair, den Schwarzen Peter in Bremgarten zu deponieren. Aber es wäre eine Chance, sich klarzumachen, dass Bremgarten überall ist. Sich zu fragen, wie man mit dem globalen Problem Migration sensibler umgehen kann.

Sensibler?
Fantasievoller, beweglicher, auch zum eigenen Vorteil. Rayons haben zwei Seiten; man sperrt nicht nur die andern aus, man sperrt auch sich selber ein. Statt Ressentiments anzuheizen und Klischees festzuklopfen, sollte man Zusammenhänge sehen.

Welche?
Die Not in wachsenden Teilen der Erde fällt nicht vom Himmel. Sie ist das Resultat zunehmend ungleicher Verteilung des Weltwirtschaftsprodukts. Die Schweiz gehört immer noch zu den Hochbegünstigten – wie sollte sie da keinen Sog auf die Benachteiligten entwickeln? Die aber gibt es auch bei uns, und gerade sie lehnen die Zuwanderung ab, weil sie fürchten zu verlieren, was sie auch ohne sie nicht haben: Sicherheit.

SP-Nationalrat Andreas Gross findet, die Schweiz sei «unfähig im Umgang mit Fremden». Wie sehen Sie das?
Was wir nicht gewohnt sind, ist der Umgang mit Fremden, die etwas kosten. Wir müssen noch entdecken, dass wir damit in die eigene Zukunft investieren. Die Flüchtlinge sollten wir als – ein hässliches Wort – Humankapital behandeln. Sie können Freunde von morgen sein, welche die Schweiz in einer veränderten Welt sehr gut brauchen kann. Das Bankgeheimnis ist ein Wert von gestern.

Haben wir ein Realitätsdefizit?
Nicht einmal das ist eine Schweizer Spezialität. Das Grosshirn kann die Welt globalisieren und digitalisieren, so viel es will, das sogenannte Bauchgefühl bleibt für den Nahbereich programmiert. Da sind wir immer noch die alten Affen. Gibt das Revier keine Grenzen her, ziehen wir sie selbst, notfalls mit Gewalt.

Das kleine Planquadrat Schweiz wirkt sinnvoll, weil überschaubar.
Aber Heimat lässt sich teilen, genauso wie Identität. Verschliessen wir uns, so verlieren wir selbst am meisten. Die globalisierte Welt verlangt eine neue Mitgliederkultur. Ich kenne in Deutschland Städte, wo sie aktiv trainiert wird, in gemischten Gruppen Einheimischer und Zugewanderter. Warum soll das in Bremgarten nicht möglich sein?

Toleranz als Staatsaufgabe?
Als praktizierter Bürgersinn. Man kann mit Flüchtlingen spielen und Sport treiben, in der Fussball-Nationalmannschaft geht das auch. Man kann mit ihnen musizieren, sie in den Garten zum Grillieren einladen. Das Beste läuft über die Kinder. Man kann sich gegenseitig fragen, Lebensgeschichten austauschen.

Mehr Interesse für Asylbewerber?
Ja, bis man sich sogar traut, mit ihnen zu streiten, in aller Freundschaft. Aber erst soll und muss man vielleicht gar nichts, man darf. Man darf den Neuen aus Afrika und Nahost, statt den Tarif durchzugeben, das Dorf zeigen. Sie an der Reuss zu einem Fest einladen, von Sorgen reden, Regeln ausmachen, auch was das Baden betrifft; alles auf Augenhöhe, wie man so sagt. Auch die Neuen haben Sorgen. Und Regeln, auf die sie Wert legen. So beginnt kein Idyll, sondern eine Partnerschaft.

Dass Ausländer nicht in die Badi sollen, was schwingt da mit?
Ein Ort, wo man sich fast nackt begegnet, ist symbolkräftig. Aber da hätten die Muslime wohl einige Tabus mehr zu beachten als wir. Auch der Schulhof ist ein sensibler Ort, da könnte sich ja die eigene Tochter in einen Schwarzen verlieben! Am liebsten reservieren wir unsere Fantasie für Ressentiments. Wir könnten sie besser verwenden.

Waren wir Schweizer je offener?
Im 19. Jahrhundert versprach man sich von der Zuwanderung etwas Lebenswichtiges. Die Schweiz nahm demokratische Flüchtlinge gescheiterter Revolutionen auf. Dabei war sie ein armes Land. In Zürich leistete man es sich, die neu gegründeten Hochschulen in vielen Fächern nur mit Ausländern zu besetzen. An meiner geistes- und sozialwissenschaftlichen Abteilung gab es neben Deutschen, Italienern und Franzosen einen Schweizer, Jacob Burckhardt.

Jetzt sind die Deutschen wieder da.
Weil man sie braucht, namentlich im Gesundheitswesen. Sie geben sich alle Mühe, nach unseren Regeln zu spielen. Zuwanderer aus anderen Weltgegenden, die sich diese Mühe scheinbar nicht machen, sind uns noch weniger lieb. Aber da ist es wie auf dem Schulhof: Ich kann den Aussenseiter aus dem Spiel lassen, oder ich kann ihm zeigen, wie es funktioniert – und riskiere vielleicht, dass er es besser kann als ich.

Am Bahnhof Solothurn campierten Asylbewerber aus Protest gegen ihre unterirdischen Unterkünfte. Darf man Menschen unter Tag logieren?
Ob daraus ein Symbol wird, hängt vom Kontext ab. Besteht ein Bombenrisiko, bin ich froh um den Bunker. Als Disco kann er cool sein. In einer ohnehin aussichtslosen Lebenssituation ist er ein Loch, unerträglich.

Erntet die Schweiz Schelte, weil sie generell unbeliebt geworden ist?
Aus dem sicheren Wert ist wieder einmal ein hässlicher Riesenzwerg geworden, der in der Ecke auf seinem Schatz sitzt, nur unter grösstem Druck das Kleinstmögliche herausgibt, kein Herz zeigt im Umgang mit Leuten, die nichts bringen. Man kann nicht beides haben: sich gegen die Welt gewinnbringend neutralisieren und geliebt werden.

Bleiben wir also ein Sonderfall?
Welches Land, von Island bis Kosovo, wäre kein Sonderfall? Als Alleinstellungsmerkmal der Schweiz ist der Begriff unbrauchbar. Erinnern Sie sich an das Branding des Flughafens Zürich, «Unique»? Das müssen andere sagen. Als Eigenlob ist es rettungslos provinziell.

In Rassismus-Statistiken steht die Schweiz im europäischen Vergleich recht anständig da. Sind wir Schweizer überhaupt Rassisten?
Wir sind es nicht mehr oder weniger als andere. Keine Statistik bildet die Realität ab, keine trifft die Tatsachen da, wo sie etwas bedeuten. Weder Sie noch ich leben oder sterben nach der Statistik.

Sie sind 1934 geboren, haben viele Jahrzehnte Schweiz miterlebt. Wie sieht es mit dem Rassismus in der Langzeitperspektive aus?
Ich meine, es hätte seit den Neunzigerjahren, nach dem Ende des Kalten Krieges, eine deutliche Entkrampfung gegeben. Ein Film wie Daniel Schmids Schweizsatire «Beresina» von 1999 wäre 20 Jahre früher ein Fall für den Staatsschutz gewesen. Dann generierte der globalisierte Markt eine ganz eigene Zwangsherrschaft. Mit ihrem Druck kamen die Sündenböcke zurück – also auch der Rassismus vieler Spielarten. Der grosse Bruder Sicherheit benützte den Generalverdacht Terrorismus zum Aussortieren der neuen Bösen. Für den schweizerischen Hausgebrauch war das Swissair-Grounding fatal, ein absolutes Schadenereignis für die Selbstachtung. Über Nacht erlebte man dabei auch den Zynismus «unserer» Banken hautnah.

Was hat das mit Rassismus zu tun?
Es breitete sich das dumpfe, im Kern berechtigte Gefühl aus, um den eigenen Wert betrogen zu sein. Dagegen bildete sich der Widerstand psychologisch enterbter, sozial disqualifizierter Gruppen, die wieder eine Heimat suchten. Blochers SVP verstand sie ihnen zu bieten, die intakte, vermeintlich autonome Schweiz. Eine solche Fiktion kommt ohne Feindbilder nicht aus. Die am leichtesten identifizierbaren waren neben der EU die «Asylanten». Nationale Selbstgratulation und Angst vor dem Fremden sind zwei Seiten derselben Medaille.

Kann es die unrassistische Gesellschaft geben?
Restlos wohl nicht. Menschen haben zwei ganz wichtige, einander widersprechende Bedürfnisse. Sich abgrenzen. Und kommunizieren. In der Biologie gibt es den Kompromiss der Membran, der durchlässigen Wand. Die Schweiz heute «mauert», ein Zeichen schwachen Selbstvertrauens. Wir müssen lernen, dass wir uns nicht so dicht machen müssen, wie wir glauben. Etwas öffnet sich in mir, wenn ich den anderen als anderen wahrnehme. Der Feind ist nur so dunkel, weil ich meinen Schatten auf ihn werfe. Gehe ich ihm aus dem Licht, erkenne ich sein Gesicht. Warum tue ich das nicht gleich? Weil der Schatten auch mein Leid, mein verletztes Gefühl ist, das ich den andern fühlen lassen will.

Sie haben eine Wohnung in Berlin. Wie rassistisch ist Deutschland?
Dass Fremdenfeindlichkeit auch innerhalb der EU gedeiht, sah man eben: Plötzlich war Griechenland nicht mehr das geliebte Urlaubsland, sondern der hässliche Schuldner. Umgekehrt kriegte Frau Merkel ein Hitler-Schnäuzchen aufgemalt. In Bochum hat die Personenfreizügigkeit eine ganze Roma-Siedlung aus Rumänien bewirkt. Die unerwünschte Nachbarschaft weckt das Schlimmste in den Ansässigen. Und das Beste.

Was ist das Beste?
Man erinnert sich, dass man als Kind gern wild und ungebunden gewesen wäre; oder dass man für Carmen und Flamenco schwärmt. Nun begegnet einem das Original und ist in seiner Not und Zumutung verdammt unbequem. Eine Chance und gar Verpflichtung, die eigene Zivilisation neu zu buchstabieren, von Grund auf. Und sich dabei die Hände schmutzig zu machen. Und nicht zu verzweifeln, wenn die Integration nicht nach unseren Massstäben läuft.

Was kann ein Intellektueller gegen Rassismus überhaupt ausrichten?
Ja, was? Die erste Möglichkeit ist das Beispiel, das man selber gibt, als Person, für sich und niemand anders. Das heisst auch: gegen sich und seine Gewohnheiten. Denn natürlich bin ich, wie jedermann, ein «geborener» Rassist. Zivilisation muss gelernt sein, es ist eine harte Schule. Spektakulärer sind zweitens die öffentlichen Äusserungen wie in diesem Interview. Aber sie sind vergleichsweise gratis und kaum je geeignet, den zu überzeugen, der es nicht schon ist. Dass «die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen» – der schöne Satz von mir ist sogar in die Bundesverfassung geraten, aber er ist auch nichts weiter als eine Erklärung guter Absichten. Ihr Wert zeigt sich in der «Verfassungswirklichkeit». In der Praxis, nicht der bundesgerichtlichen, der alltäglichen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2013, 10:39 Uhr

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