Häusliche Gewalt: Migrantinnen sind zu wenig geschützt

30-jährige Ausländerinnen werden doppelt so oft Opfer von schwerer Gewalt in der Partnerschaft als gleichaltrige Schweizerinnen.

Im Kanton Zürich werden jährlich rund 1000-mal sogenannte Gewaltschutzmassnahmen angeordnet, um Frauen oder Männer vor ihren Partnern zu schützen. Foto: PD

Im Kanton Zürich werden jährlich rund 1000-mal sogenannte Gewaltschutzmassnahmen angeordnet, um Frauen oder Männer vor ihren Partnern zu schützen. Foto: PD

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Wenn der Staat Beziehungsdelikte verhindern will, hat er vor allem ein Mittel: Kontaktverbote. Allein im Kanton Zürich werden rund 1000-mal pro Jahr sogenannte Gewaltschutzmassnahmen angeordnet, um Frauen oder Männer vor ihren Partnern zu schützen: Kontaktverbote, Rayonverbote oder Wegweisungen aus der gemeinsamen Wohnung. Die Massnahmen sind drastische Einschnitte in das Leben eines Paares, wie ein betroffener Mann dem TA schildert. Er wurde nach einer Drohung verhaftet, verbrachte zwei Tage im Gefängnis und durfte die Familie drei Monate nicht mehr sehen.

Die Polizei hat nicht die Mittel, um zu kontrollieren, ob ein Kontaktverbot tatsächlich eingehalten wird. «Wenn ich gewollt hätte, hätte ich meine Frau einfach umbringen können», sagte der Betroffene dem TA. Dennoch sagen Experten, dass die Massnahmen viele Gewalttaten verhinderten.

«In der Schweiz unternimmt man sehr viel, um Beziehungsdelikte zu verhindern», sagt der Basler Psychiater Marc Graf. Doch nicht alle Gesellschaftsschichten profitierten gleichermassen von den Gesetzen: «Es gibt viele Migrantinnen, die gar nicht wissen, was sie tun können, um sich zu schützen.» Frauen, die das Haus nicht verlassen dürfen, kein Deutsch sprechen und über kein ­eigenes Geld verfügen, hätten nicht die Möglichkeit, bei einem Beziehungskonflikt frühzeitig einen Mediator oder einen Anwalt zu finden, der ihnen hilft.

Migrantinnen besser informieren

«Für eine Frau mit Bildung und eigenen finanziellen Mitteln ist das Risiko, Opfer zu werden, viel kleiner», sagt Graf. Die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik unterstreichen diese Aussagen. 30-jährige Ausländerinnen beispielsweise werden doppelt so oft Opfer von schwerer Gewalt in der Partnerschaft als gleichaltrige Schweizerinnen.

Bei der Opferhilfeorganisation Weisser Ring hofft man, dass bald elektronische Fussfesseln eingeführt werden, um die Durchsetzung von Kontaktverboten zu überwachen und weitere Verbrechen zu verhindern. «Am besten wäre es, wenn beide Personen einen Chip tragen würden, damit Alarm geschlagen wird, wenn sie sich zu begegnen drohen», sagt Carlo Häfeli, der Präsident von Weisser Ring. Das Bundesamt für Justiz hat im Sommer eine Gesetzesänderung angekündigt, die Gerichten erlauben würde, elektronische Fussfesseln anzuordnen. Der entsprechende Artikel werde zurzeit «extern evaluiert».

Zudem prüfen Bund und Kantone mehrere Massnahmen, damit Migrantinnen besser über das Beratungsnetz informiert werden. Auch die Einrichtung einer nationalen Helpline für Betroffene von häuslicher Gewalt wird geprüft. Laut Marc Graf braucht es für den besseren Schutz von Migrantinnen neben Integration auch Zivilcourage: «Im Zweifel lieber einmal mehr nachfragen als wegschauen.»

Erstellt: 05.12.2014, 22:16 Uhr

Interview

«Migrantinnen sind eher Opfer»

Marc Graf

Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist Direktor der Forensisch-Psychiatrischen Klinik an der Universität Basel.

Trennungen sind oft mit Streit und Aggressionen verbunden. Wie weiss man, ob jemand tatsächlich zur Tat schreitet?
Ein Familiendrama entwickelt sich selten aus heiterem Himmel. Meistens schaukelt sich der Konflikt langsam auf. Wenn man merkt, dass es bei den Diskussionen um alte Kränkungen geht, wenn das Problem eine Eigendynamik annimmt, dann sollte man Hilfe bei Paartherapeuten oder Mediatoren holen. Erfahrene Therapeuten prüfen, ob Risikofaktoren für eine Gewalttat vorliegen.

Was sind Risikofaktoren?
Zum Beispiel psychische Störungen wie Narzissmus, Psychosen oder Schizophrenie. Auch die Verfügbarkeit von Waffen, suizidale Äusserungen und übermässiger Konsum von Alkohol, Schlafmitteln oder Aufputschmitteln gelten als Risikofaktoren. Zudem sollte die Vergangenheit angeschaut werden: Ist die Person früher schon gewalttätig geworden? Gab es Tierquälereien?

Sind Kontaktverbote sinnvoll?
In der Regel ist eine Kontaktsperre sehr nützlich. Das Brechen des Verbotes ist eine Straftat, bei der die Staatsanwaltschaft, ohne zu zögern, mit Sicherheitshaft reagiert. Da werden auch Forensiker beigezogen, um abzuklären, wie gefährlich jemand ist. Aber natürlich stimmt es: Wenn jemand entschlossen ist, den anderen umzubringen, dann kann man das nicht verhindern. Ausser die Person taucht ganz unter.

Ein Problem ist, dass verhängte Kontaktverbote nicht überwacht werden können. Würden elektronische Fussfesseln die Sicherheit erhöhen?
Nur wenn diese bestimmte Voraussetzungen erfüllen: nicht einfach abnehmbar, verlinkt mit einem GPS-Monitoring, um ein Eindringen in gesperrte Bereiche sofort zu erkennen, und gut definierte sowie eingespielte Prozesse für die sofortige Intervention durch die Polizei. Solche Versuche laufen im Moment, diese zeigen, dass das System grundsätzlich funktioniert, aber in der Anwendung anspruchsvoll ist.

Wird in der Schweiz genug ­unternommen, um Morde wie in Wilderswil zu verhindern?
Man macht bereits sehr viel. Heute arbeiten Polizei, Psychiatrie, Staatsanwalt und Erwachsenenschutz viel stärker zusammen als früher. Trotzdem kann man immer nur mit Risikokategorien arbeiten: Wir können Menschen in Risiko­kategorien einteilen und wissen, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass jemand in dieser Kategorie gewalttätig wird. Wie das Individuum tatsächlich handelt, kann man nicht voraussagen.

Man tut also das Möglichste?
Es kommt sehr darauf an, welche Schicht wir anschauen. Es gibt viele Frauen in der Schweiz, die gar nicht wissen, was sie tun können, um sich zu schützen. Migrantinnen, die keinen Kontakt nach draussen haben, die kein Deutsch sprechen und über kein eigenes Geld verfügen: Wie sollen diese Frauen einen Mediator oder einen Anwalt finden, der ihnen hilft? Für eine Frau mit Bildung und eigenen finanziellen Mitteln ist das Risiko, Opfer zu werden, viel kleiner.
(Mit Marc Graf sprach Simone Schmid)

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