Hans Geiger und die bockige SVP-Basis

Bereits in fünf Kantonen sagt die SVP Ja zu Ecopop. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein früherer Wirtschaftsprofessor, der sich nur zu gerne mit der Parteispitze anlegt.

Erhält viel Zuspruch bei seinen Referaten vor der Parteibasis: Hans Geiger, SVP-Mitglied und Unterstützer von Ecopop.

Erhält viel Zuspruch bei seinen Referaten vor der Parteibasis: Hans Geiger, SVP-Mitglied und Unterstützer von Ecopop. Bild: TA

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Die aktuell grösste Sorge der SVP-Spitze trägt Glatze, fährt 5000 Kilometer Velo im Jahr (früher waren es doppelt so viele), steht auf den Film «Terminator 2» und hat ein Problem mit dem Bevölkerungswachstum in der Schweiz.

Hans Geiger (71), ehemaliger Wirtschaftsprofessor, Generaldirektor bei der Credit Suisse und SVP-Mitglied seit 1979, ist der profilierteste Unterstützer von Ecopop in der Volkspartei. Seit Wochen tingelt der Mann durch die Schweiz und versucht, die Basis der SVP für ein Ja zu gewinnen. In Zürich scheiterte er nur knapp. Im Baselbiet und im Aargau hat er es geschafft: Beide Sektionen sagten nach einem Referat von Geiger Ja zu Ecopop. Damit sind es mit Schwyz, Solothurn und Luzern bereits fünf Kantonalparteien, die von der nationalen Parole abweichen. In Eiken, wo die Aargauer SVPler diesen Mittwoch die Parolen fassten, war die Entscheidung besonders deutlich: Die Partei sagt mit 93 zu 59 Stimmen Ja zu Ecopop. «Da habe ich etwas aufgedreht», sagt Hans Geiger am Tag darauf am Telefon und tönt dabei genau so.

Biblischer Revisionsbedarf

Kurze, prägnante Sätze, gerne etwas provozieren. «In der Bibel heisst es: Seid fruchtbar und mehret euch», sagt Geiger. «Aber wir haben es übertrieben. Alleine in meiner Lebenszeit hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdreifacht. Der göttliche Auftrag aus der Schöpfungsgeschichte ist revisionsbedürftig!»

Mit solchen Sprüchen trifft Geiger einen Nerv. Und er zeigt ein grundsätzliches Problem der Parteileitung auf: In Sachen Ecopop mag die Basis der Parteispitze nicht folgen. 64 Prozent der SVP-Wähler werden laut der ersten Umfrage von GFS Bern ein Ja einlegen. 70 bis 80 Prozent, wenn es nach der Einschätzung von Geiger geht. Um ein Zeichen zu setzen, es «denen da oben in Bern» (ein Ausspruch, den man an den SVP-Delegiertenversammlungen tatsächlich und häufig hört) endlich zu zeigen. Dass man weniger Zuwanderung will, dass es nun reiche. Und dass die eigene Initiative endlich umgesetzt werden solle.

Der Unmut in der Basis ist so gross, dass jetzt selbst Christoph Blocher in die Debatte eingreift. Bisher hat er sich in Sachen Ecopop still verhalten, nun ruft er seine Leute zur Mässigung auf. «Ein Denkzettel für den Bundesrat könnte ­gefährliche Folgen haben», sagt er im ­Interview mit dem TA. Blocher kann auch den Wunsch vieler Parteikollegen nach einer möglichst knappen Ablehnung nicht verstehen. Das sei ein «riskantes Spiel». Der SVP-Vordenker wird nun aktiv in den Abstimmungskampf einsteigen. Mehrere Interviews sind geplant und ein (erneuter) Auftritt in der Talksendung von Roger Schawinski. Vor allem die wirtschaftlichen Folgen machen Blocher Sorgen.

Wisssenschaft hier, Politik da

Und genau das, die Klage wegen der wirtschaftlichen Folgen, mag Hans Geiger nicht mehr hören. Dabei hat der ehemalige Wirtschaftsprofessor auf dem Finanz-Blog «Inside Paradeplatz» selbst einmal prognostiziert, ein Ja zu Ecopop könne gemeinsam mit einem Ansteigen der Hypothekarzinsen zu einer neuen Bankenkrise führen. «Ecopop wird zum Banken-Albtraum» hiess der Beitrag. Ein Widerspruch zu seiner persönlichen Haltung sei das nicht, sagt Geiger. Das eine sei eine wissenschaftliche Analyse, das andere seine politische Meinung. Er sei damals schon für Ecopop gewesen. Ihm gefällt die Schlichtheit der Initiative und dass es bei einem Ja nichts zu interpretieren gebe. «Das sagt ja selbst der Bundesrat.»

Sorgen über die Konsequenzen eines Ja macht sich Geiger nicht. Die Schweiz würde ohne bilaterale Verträge etwas schlechter dastehen, das schon, «aber Europa hat die Verträge viel nötiger als wir». Auch sei die Begrenzung der Zuwanderung gar nicht so extrem, wenn man mit Bruttozahlen rechne. Jährlich verlassen rund 90'000 Personen die Schweiz, was laut Ecopop eine Zuwanderung von brutto 106'000 Personen erlauben würde. Und das sei nur ein Drittel weniger als heute.

Alte Wunden

Geiger wird dieses Argument heute Abend auch in der «Arena» von SRF vorbringen, wo er gegen Bundesrätin Simonetta Sommaruga und Alt-SVP-Nationalrat Peter Spuhler antritt. Er freut sich auf den Auftritt, die grosse Bühne. Es ist ein Gefühl, das er schon einmal hatte. 2007 nominierte ihn die Zürcher SVP als Ständeratskandidaten, einstimmig. Nach nur drei Monaten servierte ihn die Parteispitze aber wieder ab und ersetzte ihn mit dem damaligen Parteipräsidenten Ueli Maurer. «Geiger hat die eigene Basis zu wenig mobilisiert», sagte Maurer damals – und verlor die Wahl kläglich.

Ist das Engagement gegen die eigene Parteispitze eine späte Genugtuung für die Absetzung? Geiger lacht nur. «Ich habe doch keine Rachegelüste.» Und dann, nach einer kurzen Pause: «Aber da vorne zu stehen und zu gewinnen, das ist schon ziemlich toll.»

Erstellt: 30.10.2014, 22:46 Uhr

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