Hintergrund

Hat Roger Köppel befangene Schreiber?

Für «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel sind Inhaber von PR-Agenturen und Nationalratskandidaten im Impressum kein Problem. Peter Studer, Doyen des Journalismus, meldet Widerspruch an.

Mit Kritik konfrontiert: Roger Köppels Mitarbeiter führen PR-Agenturen oder planen eine politische Laufbahn.

Mit Kritik konfrontiert: Roger Köppels Mitarbeiter führen PR-Agenturen oder planen eine politische Laufbahn.

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Jeden Montag diskutieren SF-Talker Roger Schawinski und «Weltwoche»-Chef Roger Köppel auf Radio 1 über aktuelle Wochenthemen. Die Diskussionen sind im Normalfall heftig und konfrontativ. Das letzte Radioduell allerdings war selbst für regelmässige Zuhörer ungewöhnlich laut, denn Schawinski zweifelte kraftvoll an Köppels journalistischer Integrität, weil dieser ein unkritisches Porträt über Coop-Chef Hansueli Loosli abgedruckt habe. Was Schawinski aus der Fassung brachte: Der Verfasser des Artikels, René Lüchinger, schreibt auch als PR-Texter für den Detailhändler.

Kein Interessenkonflikt

Die Frage ist berechtigt: Kann ein Journalist kritisch und unabhängig über Firmenchefs schreiben, wenn er zugleich für jene PR macht? Köppel sieht keine Verletzung journalistischer Prinzipien. Im Fall Lüchinger könne man nicht nachweisen, dass kritische Aspekte bewusst ausgelassen wurden. Der Verfasser des Artikels sei ein langjähriger und verdienter Journalist, der ein Porträt über einen erfolgreichen Wirtschaftsführer schrieb. Man muss es fürs Erste so hinnehmen.

Köppel sorgt allerdings erneut für Kopfschütteln im Journalistenlager: Peter Keller, Redaktionsmitglied der «Weltwoche», kandidiert offiziell als SVP-Vertreter für den Nationalratssitz von Nidwalden. Der Historiker will nach Bern, und sein Chef unterstützt ihn ganz offen dabei. Auf Anfrage sagt Köppel gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Milizsystem und Föderalismus sind Säulen der Schweiz. Es muss daher auch erlaubt sein, dass Journalisten politisch tätig sind.» Weiter argumentiert er: «Es gibt keinen Widerspruch zwischen einem guten Parlamentarier und einem guten Journalisten. Beide wollen Missstände und Probleme aufdecken und beheben. Wichtig ist die Transparenz.» Köppel verweist zudem auf den langjährigen NZZ-Chefredaktor Willy Bretscher, der 1951 bis 1967 dem Nationalrat angehörte.

Köppels Argumente überzeugen wenig, wenn man bedenkt, dass Keller in der letzten «Weltwoche»-Ausgabe bereits eine scharfe Abwahlempfehlung einzelner Parlamentarier abgab. Dabei sagte Köppel nach der Anstellung Kellers im Jahr 2008, dass sein Redaktor nicht über Parteipolitisches schreiben würde, denn Keller war damals kantonaler SVP-Pressechef und ehemalige Redenschreiber im Auftrag von Christoph Blocher.

Beispiel Matthias Aebischer

Während Köppel die politischen Ambitionen Kellers unterstützt, gab ein anderer Journalist jüngst seinen Arbeitsplatz wegen einer politischen Karriere auf. Matthias Aebischer, langjähriger SF-Journalist, wurde von seinem Arbeitgeber vor die Wahl gestellt: Entweder für die SP politisieren oder moderieren – beides zusammen geht nicht. SRG-Mitarbeitende, die in ihrer Funktion journalistisch tätig sind, dürfen zwar einer Partei angehören, jedoch kein politisches Amt ausüben. Der 43-Jährige entschied sich für die Kündigung.

Peter Studer: Strikte Trennung

Die SRG und die sogenannten Forumszeitungen wie der «Tages-Anzeiger» – heute die weitaus grössere Gruppe als parteinahe Zeitungen – haben hier ein Glaubwürdigkeitsproblem, sagt Peter Studer, früherer Chefredaktor von SF und «Tages-Anzeiger». Ihr Publikum erwartet eine parteipolitisch unvoreingenommene Haltung. Der auf Freiwilligkeit beruhende Schweizer Presserat, dem alle Journalisten- und Verlegerverbände angehören (Studer hatte ihn präsidiert), sagt in seiner Richtlinie 2.4. recht apodiktisch: «Die Ausübung des Journalistenberufs ist grundsätzlich nicht mit der Ausübung einer politischen Funktion vereinbar.» Werde eine solche ausnahmsweise doch wahrgenommen, sei beides strikt zu trennen und die formelle Zugehörigkeit dem Publikum mitzuteilen. Studer hat bei seinem Eintritt in den Journalistenberuf seine politischen Ämter und die Mitgliedschaft bei der FDP aufgegeben (1964), weil er auch den «Schein der Befangenheit» einer Partei gegenüber vermeiden wollte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.09.2011, 12:51 Uhr

Auch in einer Doppelrolle: Gerhard Schwarz

Der ehemalige Wirtschaftschef der «NZZ», Gerhard Schwarz, hat seit Monaten einen neuen Arbeitgeber. Als Direktor von Avenir-Suisse steht er für die Interessen des Thinktanks ein, welcher von führenden Schweizer Unternehmen finanziert wird. Gleichzeitig ist er aber weiterhin als «NZZ»-Autor unter seinem bekannten Kürzel G.S. tätig.

Auf eine Deklaration verzichtet Chefredaktor Markus Spillmann bewusst, wie er Tagesanzeiger.ch/Newsnet in einem Mail schreibt: «Bei seinem Austritt habe ich mit ihm vereinbart, dass wir die Marke G.S. in einer spezifischen Form - als regelmässiger Kolumnist - weiter verwenden, aber nur in dieser Form.» Spillmann stellt klar, dass wenn Schwarz in seiner Funktion als Avenir-Suisse-Direktor in der Zeitung auftrete, er namentlich erwähnt und mit Autorenzeile geführt würde. Das inhaltliche Konfliktpotenzial zwischen G.S. und der «NZZ» bezeichnet Spillmann als gering.

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