Hat der «Emir von Winterthur» die jungen Geschwister rekrutiert?

Sandro V. und ein Bekannter pflegten laut Ermittlern engen Kontakt zu einem Schweizer Mädchen und ihrem Bruder, die nach Syrien reisten.

In Winterthur propagierte einer der Angeklagten öffentlich eine extreme Islam-Auslegung – als Chef der Koranverteilaktion «Lies!». Foto: Marc Dahinden

In Winterthur propagierte einer der Angeklagten öffentlich eine extreme Islam-Auslegung – als Chef der Koranverteilaktion «Lies!». Foto: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist Sandro V. dafür verantwortlich, dass sich mehrere Islamisten aus Winterthur und Umgebung dem IS anschlossen, der blutrünstigsten Terrororganisation der vergangenen Jahre? Oder war er ein zwar missionarischer, aber letztlich eher harmloser Verfechter einer ultrakonservativen Koran-Auslegung? Darüber dürfte in einigen Monaten das Bundesstrafgericht urteilen.

Bereits verurteilt worden sind zwei junge Frauen und zwei junge Männer aus Winterthur, die nach Syrien gereist waren oder auf dem Weg dorthin festgenommen wurden. Nun aber sollen die mutmasslichen Motivierer und Rekrutierer Rechenschaft ablegen, also die Hintermänner.

Die Bundesanwaltschaft hat am Freitag mitgeteilt, dass sie zwei Männer wegen IS-Mitgliedschaft, IS-Unterstützung und anderer Vorwürfe angeklagt hat. Es sind zwei Familienväter, einer aus Frauenfeld, der als Koordinator der inzwischen geschlossenen An’Nur-Moschee amtete. Der andere ist Sandro V., der Hauptbeschuldigte aus Winterthur. Beide angeblichen Hintermänner verkehrten in der An’Nur-Moschee und sollen als IS-Jihadisten in Syrien gewesen sein beziehungsweise dies versucht haben. So weit bekannt, bestreiten beide Beschuldigten die Vorwürfe. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Hier sollen junge Menschen radikalisiert worden sein: Die An'Nur-Moschee wurde nach einer Razzia 2016 geschlossen. Foto: Keystone

Unbestritten ist, dass Sandro V. kurze Zeit in Syrien war. Umstritten ist aber, was er dort genau tat. Gemäss Medienmitteilung der Bundesanwaltschaft hielt er sich im Herrschaftsgebiet des IS auf, wo er sich der Kampftruppe Jaish al-Muhajirin-Wal-Ansar (Jamwa, Armee der Auswanderer und Unterstützer) angeschlossen hatte. Er trat die Reise nach einer jihadistischen Propagandaveranstaltung im Winterthurer Hotel Töss an. Ende 2013, als Sandro V. mutmasslich bei Jamwa war, schloss sich diese Kampfgruppe unter ihrem Anführer Abu Omar al-Shishani gerade dem IS an. Shishani stieg danach zu einem der höchsten Militärkommandanten des IS auf. Sandro V. hielt sich gemäss Justizunterlagen zum Teil bewaffnet und in Kampfmontur in der Region von Aleppo auf. Der damals bekennende IS-Sympathisant behauptete aber, er habe sich dort nur in der humanitären Hilfe engagieren wollen.

V. soll Kontakt zu Extremisten gepflegt haben

Ebenso umstritten ist die Beurteilung von V.s Wirken nach seiner Rückkehr in die Schweiz. Die Terrorermittler sehen im italienisch-schweizerischen Doppelbürger eine «salafistische Leitfigur», die ihre Syrien-Erfahrung und das dadurch gewachsene Ansehen nutzte, um ähnlich Gesinnte zum Gang zum IS zu motivieren. Starke Hinweise gibt es darauf, dass Sandro V. «in Kontakt mit mehreren verurteilten IS-Rekrutierern aus Europa» stand, wie es in der Anklageschrift heisst. Sichergestellte Nachrichten belegen, wie er sich unter anderem mit dem radikalen Wiener Prediger Mirsad Omerovic austauschte. Auch mit dem extremistischen Bosnier Bilal Bosnic stand V. in Kontakt. Beide IS-Rekrutierer hat er gemäss Justizunterlagen besucht, beide sind in ihren Ländern längst zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt worden.

In Winterthur und Umgebung warb Sandro V. auch öffentlich für eine extreme Islam-Auslegung – unter anderem als schweizerischer «Emir» (zu Deutsch: Befehlshaber) der Koranverteilaktion «Lies!». Das gab er in einem Chat preis. Zusammen mit dem Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi gründete er die islamistisch geprägte Kampfsport-Gruppe MMA Sunna. Eine Handvoll Kämpfer aus der Gruppe, unter ihnen Gashi, reiste nach Syrien und kam dort um.

Kontakt zu minderjährigen Geschwistern

Überlebt haben die zwei Winterthurer Geschwister, die Sandro V. von klein auf kannte. Beide konnten nach einem Jahr beim IS in die Schweiz zurückkehren. Nach dem Verschwinden der beiden Minderjährigen Ende 2014 hatten deren Angehörige Sandro V. und seinen Mitbeschuldigten aus dem Thurgau schwer belastet. Letzterer wurde just in dieser Zeit mit viel Geld in Mazedonien von der Polizei aufgegriffen. Handydaten-Auswertungen zeigten, dass das 15-jährige Mädchen und sein ein Jahr älterer Bruder sich stark mit den mutmasslichen Rekrutierern austauschten. Konkrete Beweise, dass die beiden Angeklagten die Ausreise der Teenager organisiert hatten, ergaben sich daraus aber nicht.

Sandro V. selber war davor in die Schweiz zurückgekehrt. Festgenommen wurde er aber erst Anfang 2016. Die Vorwürfe der Rekrutierung und Terrorpropaganda, die ihm nun gemacht werden, gehen auf die Zeit dazwischen zurück. Aufmerksam geworden waren die Schweizer Behörden durch Hinweise der italienischen Dienste, dass Sandro V. und ein zweiter Winterthurer, der wie V. bei der Koranverteilaktion «Lies!» tätig war, in Kontakt mit dem bosnischen Extremisten und Prediger Bilal Bosnic standen. Zum Verhängnis wurde Sandro V. am Ende der konkrete Verdacht, dass er in einem Winterthurer Fitnesszentrum mit verbotenen Anabolika handle. Dies war der Auslöser für eine Hausdurchsuchung. Als dabei Hinweise auf IS-Sympathien und auf die Reise nach Syrien gefunden wurden, übernahm die Bundesanwaltschaft den Fall, und V. verschwand für längere Zeit in Untersuchungshaft.

Erstellt: 25.10.2019, 16:11 Uhr

Artikel zum Thema

Gefährlichster Schweizer Jihadist konnte sich freikaufen

Erstmals in Gefangenschaft redet jener Genfer, der als gefährlichster Schweizer beim IS galt. Dank Lösegeld sei er bei einer ersten Gefangenschaft in Syrien freigekommen. Mehr...

Stunden vor dem Attentat schickte er ein Bomben-Emoji

Der Waadtländer Damien G. kannte die Hintermänner des Bataclan-Anschlags in Paris. Eine Spurensuche in Syrien. Mehr...

Bundesgericht bestätigt Verurteilung von Winterthurer Imam

Während einer Predigt in der An'Nur-Moschee rief ein Somalier zu Gewalttaten auf. Mittlerweile wurde er ausgeschafft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Blog

Blogs

Sweet Home Der grosse Sweet-Home-Geschenkeratgeber

Geldblog Medacta enttäuscht die Anleger

Paid Post

Wie zahlen sich Investitionen in Analytics und KI aus?

Analytics und künstliche Intelligenz (KI) stehen bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Das bedeutet aber nicht, dass die Investitionen auch zu einem geschäftlichen Mehrwert führen.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...