Hat die Schweiz genügend Boden, um alle satt zu machen?

Die Schweiz müsse ausreichend Nahrungsmittel produzieren, fordern Politiker. Heute entscheidet der Schweizerische Bauernverband, ob er dazu eine Initiative lancieren wird.

Theoretische könnte die Schweiz ein Land sein, das sich selbst versorgt: Kartoffelernte in Kerzers.

Theoretische könnte die Schweiz ein Land sein, das sich selbst versorgt: Kartoffelernte in Kerzers. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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600 Quadratmeter braucht der Mensch. Diese Fläche garantiert ihm die nötige Menge an Getreide, Kartoffeln, Gemüse, Raps, aber auch Milch und Fleisch, die er zum Überleben braucht. So hat es das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung in der Theorie ausgerechnet. Für die acht Millionen Menschen in der Schweiz wäre demnach eine Fläche von 480 000 Hektaren nötig. So viel Landwirtschaftsland ist in der Schweiz vorhanden (siehe Text unten rechts). Theoretisch könnte die Schweiz also ein Land sein, das sich selbst versorgt. Trotzdem liegt ihr Selbstversorgungsgrad brutto nur bei 64 Prozent.

Der Rest der Nahrungsmittel wird importiert. Berücksichtigt man, dass für die Nahrungsproduktion im Inland auch Futtermittel aus dem Ausland verwendet werden, so kommt man auf den Nettoselbstversorgungsgrad, der 56 Prozent beträgt. Er ist seit Anfang der 1990er-Jahre gesunken, weil immer mehr Futtermittel importiert wurden. Ein Ziel der Agrarpolitik des Bundes ist deshalb, dass im Inland mehr Futter produziert wird. Brutto hingegen soll die Nahrungsmittelproduktion bis 2017 laut Bundesrat nur rund 1 Prozent ansteigen. Berechnet wird dieser Anstieg in Kalorien oder Joules, auch für den Selbstversorgungsgrad wird für Produktion und Verbrauch der Energiewert erhoben.

Äcker sind ein kostbares Gut

Über die Selbstversorgung ist in der Politik eine heftige Debatte entbrannt. Begründet wird sie mit einem sorgenvollen Blick ins Ausland: Weltweit nimmt die Bevölkerungszahl zu und die fruchtbare Landfläche ab. Nahrung werde zum kostbaren Gut, sagen Agrarpolitiker und verweisen auf das unerfreuliche Phänomen des Landgrabbings: Private, aber auch Regierungen kaufen Agrarfläche in anderen Ländern, mehrheitlich in Afrika, um damit die Ernährungssicherheit der eigenen Bevölkerung zu garantieren. So beugen sich denn sowohl die Jungsozialisten als auch die SVP über das Thema Ernährungssicherheit. Auch der Bauernverband mischt sich ein: Die Agrarpolitik des Bundes liefere zu wenig Antworten auf die weltweite Verknappung von Lebensmitteln. Der Verband will Gegensteuer geben, und heute entscheiden die Delegierten, ob die Initiative «Für Ernährungssicherheit» lanciert wird, wie dies der Vorstand geplant hat. Er will damit einen neuen Artikel in die Verfassung schreiben, der die einheimische Nahrungsproduktion stärken und das Kulturland besser sichern soll.

Nur Zuckerrübe und Kartoffel?

SVP-Politiker sind schon vorgeprescht und haben gleich selbst eine Unterschriftensammlung angekündigt. Mit der Landwirtschafts- und Ernährungsinitiative will die SVP einen möglichst hohen Selbstversorgungsgrad auf Verfassungsebene garantieren. Davor warnt hingegen Bauernpräsident und CVP-Politiker Markus Ritter. «Für einen hohen Selbstversorgungsgrad müsste man folglich auf allen Flächen, die irgendwie ackerbaulich genutzt werden können, Zucker, Kartoffeln und Getreide anbauen und dafür die Produktion von Fleisch und Milch deutlich reduzieren», sagte er gegenüber dem «Schweizer Bauern». Das dürfte kaum im Sinne der Fleischproduzenten sein – aber auch kaum im Sinne der Konsumenten.

Tatsächlicher Kalorienbedarf

Tatsächlich müsste sich die Schweiz stark einschränken, würde sie sich mit der vom Bund errechneten Selbstversorgung begnügen. Der theoretische Flächenbedarf basiert auf einem Energiebedarf von 2300 Kilokalorien pro Tag und Person. Damit würde der Mensch zwar auskommen, doch verbrauchen Schweizerinnen und Schweizer derzeit viel mehr, nämlich rund 3300 Kilokalorien pro Person und Tag. Nicht nur der Energieverbrauch müsste gedrosselt werden, sondern auch die Ernährung umgestellt: Fleisch käme viel weniger, vegetarische Kost hingegen bedeutend mehr auf den Tisch.

Erstellt: 20.11.2013, 16:05 Uhr

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