«Heftiges Schlagen geht für Eltern heute nicht mehr»

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) haben viel zu tun – auch, weil die Zahl der Kindsmisshandlungen steigt. Kinderarzt Markus Wopmann erklärt die Gründe.

Psychische Gewalt wird heute als solche erfasst: Das lässt die Zahl der registrierten Fälle steigen. (Symbolbild)

Psychische Gewalt wird heute als solche erfasst: Das lässt die Zahl der registrierten Fälle steigen. (Symbolbild) Bild: Britta Pedersen/Keystone

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Die Statistik der Kindsmisshandlungen sieht dramatisch aus. Jedes Jahr ein neuer Höchststand. Werden Eltern immer gewalttätiger?
Die Frage nach den Gründen stellen wir uns immer wieder. Seit wir die Erhebung machen, also seit 2009, gab es manchmal eine Stagnation, dann wieder eine deutliche Zunahme. Am Anfang waren es 785 Fälle in einem Jahr, mittlerweile sind wir bei 1575 Fällen. Es ist insbesondere eine Zunahme auf dem Papier. Sie ist darauf zurückzuführen, dass neu in einigen Kantonen die Kinderschutzgruppe automatisch zum Einsatz kommt, wenn in Fällen von häuslicher Gewalt Kinder involviert sind. Wenn sie Zeugen werden von Gewalt zwischen den Eltern, wenn sie selber die Polizei anrufen beispielsweise.

Es ist also keine reelle Zunahme der Gewalt an Kindern?
Dafür gibt es keine Anzeichen. Die Fälle von psychischen Kindsmisshandlungen steigen, aber das hat mit der Erfassung zu tun. Wenn ein Kind miterlebt, wie eine Mutter eine Bierflasche auf dem Kopf des Vaters zertrümmert oder wie der Vater die Mutter würgt und zu Boden drückt, dann ist das psychische Misshandlung des Kindes. Das wird heute als das erfasst.

Die Kesb-Statistik sieht ähnlich aus wie diejenige zu Kindsmisshandlungen. Die Fallzahlen steigen. Das hängt mit der besseren und engeren Zusammenarbeit der Behörden zusammen. Heute schalten mehr Behörden schneller die Kesb ein, es gibt mehr Gefährdungsmeldungen. Aber wie wir heute gelesen haben, werden die Kinder in 90 Prozent der Fälle nicht fremdplatziert, sondern die Familien werden begleitet. Das ist sehr positiv.

Wie muss man sich so einen Fall vorstellen, der vom Kinderarzt zur Kesb gelangt?
Sagen wir, ein Kind ist bei uns in der Kinderklinik stationär wegen eines Leidens. Dann kommt die behandelnde Arztperson zum Schluss, dass ein Fall von Kindsmisshandlung vorliegt. Es gibt verdächtige Muster. Beispielsweise, wenn ein Säugling einen Arm gebrochen hat und die Eltern sagen, er sei vom Wickeltisch gefallen. Typischerweise verletzen sich Babys dann am Kopf, sie brechen sich nicht den Arm oder das Bein. Auffällig sind auch spezifische Abdrücke am Körper, die von einem Gegenstand herrühren. Wir besprechen solche Fälle intern und entscheiden uns für einen der drei Wege: mit den Eltern das Gespräch suchen, eine Gefährdungsmeldung an die Kesb machen oder Strafanzeige erstatten. Wir wägen das sorgfältig ab, in Anbetracht der Gesamtumstände.

Sie sind seit rund 30 Jahren in ihrem Beruf. Ist die Gesellschaft gegenüber Kindern gewalttätiger geworden oder friedfertiger?
Ich habe das Gefühl, dass die groben Misshandlungen, wie heftiges und systematisches Schlagen, schwere Verbrennungen oder Brüche, zahlenmässig abgenommen haben. Das Zweite: Die übrigen Formen der Gewalt, sexuelle und psychische, haben nicht ab-, aber wohl auch nicht zugenommen. Man spricht heute einfach mehr darüber, und das ist gut. Die Abnahme der schweren Kindsmisshandlungen führe ich darauf zurück, dass wir heute ein besseres Netz von Sicherungs-, Hilfe- und Betreuungsmassnahmen haben. Es greift, bevor eine Situation komplett aus dem Ruder läuft. Positiv ist auch, dass sich die Einstellung zu Körperstrafen in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Ab und zu einen Klaps oder eine Ohrfeige finden viele Eltern immer noch okay. Aber wiederholtes oder heftiges Schlagen geht für die meisten Eltern heute nicht mehr. Da hat es ein Umdenken gegeben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.08.2017, 18:34 Uhr

1575 Fälle von Kindsmisshandlungen im Jahr 2016

Die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie führt seit 2009 jedes Jahr eine Erhebung der Kindsmisshandlungen an Schweizer Kinderkliniken durch. Die neuste stammt von Ende Mai 2017. Demnach wurden im vergangenen Jahr 1575 Fälle registriert. Das bedeutet eine Zunahme von rund 200 gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt sind die Fälle seit 2009 stetig gestiegen, vorübergehend haben sie stagniert. Im letzten Jahr waren 367 Fälle (23,3 Prozent) im Bereich körperliche Misshandlung anzusiedeln, 319 (20,3 Prozent) waren Vernachlässigung, 581 (36,9 Prozent) psychische Misshandlung, 306 (19,4 Prozent) sexueller Missbrauch. In 2 Fällen handelte es sich um das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. 44 Prozent der Betroffenen sind Knaben, 56 Prozent Mädchen. Knapp die Hälfte aller misshandelten Kinder sind jünger als sechs Jahre. (bl)

Markus Wopmann, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche, Kantonsspital Baden.

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