Bombe in der Reitschule

«Heil Hugo»

Trotz «diversen, handfesten Indizien» für einen Bombenanschlag will die Bundesanwaltschaft einen Neonazi nicht anklagen. Doch jetzt muss sie. Warum?

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Das Bundesstrafgericht erteilt der Bundesanwaltschaft eine Lektion in Staatskunde: Die Untersuchungsbehörde sei «nicht dazu berufen, über Recht oder Unrecht zu richten». Der Satz, der sitzt, steht in einem Entscheid, dessen Sperrfrist am Dienstagmittag abgelaufen ist.

Das Gericht sieht es nicht gerne, wenn Staatsanwälte ihm die Arbeit abnehmen. Die belehrenden Worte betreffen einen brisanten Fall. Vor sieben Jahren legten unbekannte Täter eine Brandbombe mit Zeitzünder in das linke Berner Kulturzentrum Reithalle. In der Tatnacht waren vielleicht 1000 Besucher an einem Festival anwesend, vielleicht waren es 2000, genau weiss das niemand. Wie durch ein Wunder kam niemand zu Schaden.

Der Verdacht fiel auf K. S., einen jungen Rechtsextremen aus einem Berner Dorf. Doch Anfang 2014 stellte die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen den Waffenliebhaber ein, obwohl ihr nach Ansicht der Richter «diverse, handfeste Indizien» vorlagen. Jetzt muss sie die Ermittlungen wieder aufnehmen. Dies ist eine erneute Wende in einem ohnehin schon turbulenten Fall. Die «Wochenzeitung» (WOZ) hat das Hin und Her bei den Ermittlungen im Frühjahr nachgezeichnet. Tagesanzeiger.ch/Newsnet liegen nun umfangreiche Akten vor.

«Scheisse Drähte. Geh weg»

Es geht gegen Mitternacht zu am 4. August 2007, einem Samstag, als sich in der Reithalle Gasgeruch ausbreitet. Das 2. Antifascist Festival ist im vollen Gang, die schottischen Anarcho-Punker Oi Polloi spielen auf. Einige Besucher verlassen den Konzertsaal, andere tanzen weiter. Veranstalter und Tontechniker suchen nach der Quelle. Beim Mischpult entdeckt ein Gast einen tarnfarbenen Rucksack. «Fuck the USA» hat jemand mit einem Filzstift daraufgekritzelt. Der Rucksack riecht nach Benzin. Ein Sicherheitsmann schnappt sich ihn. Durch einen Notausgang eilt er ins Freie. Er öffnet den Reissverschluss und sieht drei grosse Petflaschen. «Vermutlich Aquella, mit wenig Kohlensäure», schreiben Forensiker später. Es ist aber kein Mineralwasser aus der Migros drin.

Zu sehen sind auch Kabel. «Scheisse Drähte. Geh weg», sagt ein Begleiter gemäss einem Zeugen zum Sicherheitsmann. Um 23.53 Uhr wird die Polizei alarmiert. Dann gibt es einen lauten Knall, eine Stichflamme, der Feuerball auf dem Trottoir ist vier, fünf Meter hoch. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Sprengsatz der Marke Eigenbau drinnen explodiert wäre.

«Mal ne Bombe reinlegen»

Die Staatsanwaltschaft III Bern-Mittelland nimmt Ermittlungen auf. In rechtsextremen Internet-Foren wird die Tat gefeiert, bevor erste Medienberichte erscheinen. «Das versüsst einem den Sonntagmorgen», schreibt ein Unbekannter unter dem Pseudonym «Eidgenosse88». Er fügt hinzu: «C 18 Terrormaschine Sieg Heil.» C 18 steht für Combat 18 (Adolf Hitler), die terroristische Abteilung der Rechtsradikalenvereinigung Blood and Honour.

Monate zuvor hatte «Eidgenosse88» bereits geschrieben: «Anarchietage Winti: Da könnte man mal ne Bombe reinlegen» und «Anschläge sind eh am besten mit Zeitzünder».

Nach einem halben Jahr stellt die Berner Staatsanwaltschaft ihr Verfahren ergebnislos ein. Es hätten sich keine Hinweise auf mögliche Täter ergeben.

«Alle nötigen Komponenten»

Zwei Jahre vergehen. Dann liefert sich K. S. indirekt selber der Justiz aus. Am 28. Dezember 2009 stellt der junge Berner ein Gesuch für den Erwerb zweier Faustfeuerwaffen. Obwohl er erst 20 Jahre alt ist, ist er der Polizei bestens bekannt: aus Ermittlungen wegen Körperverletzungen und Rassismus – und weil er sich «in gewalttätigen und rechtsextremen Kreisen» bewege, wie es in den Ermittlungsakten heisst.

Auch dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) ist K. S. als «gewaltbereiter Mann» aus dem Milieu der Rechtsradikalen aufgefallen. Im Internet sind Bilder von ihm zu finden, auf denen er mit Waffen posiert. Der NDB empfiehlt, das Gesuch des jungen Berners abzulehnen.

Die Polizei erfährt, dass K. S. bereits illegal Waffen angeschafft hat, die sie nun konfiszieren will. Bei Hausdurchsuchungen stossen die Beamten aber auf mehr, als sie erwartet haben: auf ein stattliches Arsenal. Die Liste der beschlagnahmten Gegenstände umfasst 50 Posten – darunter Langgewehre, Karabiner, ein Sturmgewehr, eine Pumpaction, eine Kalaschnikow, Pistolen, Munition, Schlagringe, Schalldämpfer und jede Menge Material, das es zum Bombenbau braucht. Der Wissenschaftliche Forschungsdienst der Stadtpolizei Zürich wird zur Expertise beigezogen. Die Sprengstofffachleute schreiben, dass «alle nötigen Komponenten (Pyrotechnika, Anzündmittel, Auslösevorrichtung)» konfisziert worden seien, «welche zur Herstellung eines funktionsfähigen USBV benötigt werden». Eine USBV ist eine unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung, wie sie in der Reithalle deponiert wurde. Das Bundesstrafgericht ortet «Ähnlichkeiten mit derjenigen des Anschlags».

«Bi ja selber schuld»

Bei der «Huusdurchsuchig mit 6 Bulle und 2 Hünd», wie K. S. selber in einer SMS schreibt, findet sich eine Skizze mit einer Anleitung zum Bombenbau und Ammonium-Nitrat.

Im Verhör wird K. S. gefragt: «Wofür wollten Sie diesen Dünger verwenden?» «Ich wollte etwas basteln, damit es im Garten knallt.» «Warum interessieren Sie sich für Sprengstoff?» «Weil es mich schon immer interessiert hat, wenn es ‹chlepft und tätscht›.»

Gebastelt habe er immer gerne, gibt er zu Protokoll, schon als Bub habe er «Feuerwerkskörper am Schulzeug befestigt». Das beschlagnahmte Material habe er sich für «Eigenkonstruktionen am 1. August oder Silvester» beschafft.

Nun ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen K. S. wegen Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht, Verursachens einer Explosion, versuchter schwerer Körperverletzung und versuchter Sachbeschädigung. Das Handy von K. S. wird abgehört. In einer abgefangenen SMS listet K. S. die Vorwürfe gegen ihn auf und schreibt: «Bi ja selber schuld.» Er rechnet mit einer Haftstrafe.

Die Lage des einzigen Verdächtigen verschlechtert sich weiter. DNA-Spuren von ihm werden an zwei nicht gänzlich zerstörten Bombenteilen gefunden. Das Erbgut an einem grauen Rohr aus dem Rucksack ordnet ein Fachmann «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» dem jungen Berner zu. Allerdings finden sich weitere menschliche Spuren, bei denen es ausgeschlossen ist, dass sie von K. S. kommen – so ein Handballenabdruck.

«Heute bin ich neutral»

K. S. verweigert fortan Aussagen zum Anschlag. Er beantwortet nur noch Fragen zu seiner Person. Früher sei er «eher rechts eingestellt» gewesen, sagt er, «heute bin ich neutral». Zu einem «Gesinnungswechsel» sei es während der Rekrutenschule gekommen. K. S. ist gemäss eigenen Aussagen bei der Militärpolizei zum «Elite-Grenadier» ausgebildet worden.

In einem Verhör gibt er zu, dass er zuvor unter dem Pseudonym «Eidgenosse88» Beiträge in Rechtsradikalenforen publiziert hat. Das seien Tempi passati. Weshalb er denn in abgefangenen SMS Kollegen weiterhin mit «Heil Hugo» oder «Heil Dir» grüsse? Das seien Witze und seltene Ausnahmen bei einzelnen Freunden von früher. Für die Bundesanwaltschaft reicht die Beweislage nur für einen Strafbefehl wegen Verstössen gegen das Waffen- und gegen das Betäubungsmittelgesetz. K. S. wird rechtskräftig zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 70 Franken verurteilt. Die Probezeit beträgt drei Jahre. Bezahlen muss er eine Busse von 400 Franken.

Bei den schwereren Anschuldigungen stellt der Staatsanwalt des Bundes das Verfahren ein – auch weil es nicht den geringsten Hinweis gibt, dass K. S. am Tatort war. Dagegen rekurriert der Rechtsvertreter der Reithalle, Matthias Zurbrügg – mit Erfolg. Das Bundesstrafgericht erinnert daran, dass ein Staatsanwalt nach dem Grundsatz «in dubio pro duriore» (im Zweifel für das Härtere) anklagen muss, wenn eine Verurteilung wahrscheinlicher scheint als ein Freispruch. Selbst wenn sich die beiden Prognosen die Waage halten, ist bei schweren Delikten eine Anklage nötig. Die Festivalorganisatoren zeigen sich in einem Communiqué «zufrieden mit der Gutheissung der Beschwerde», aber sie bezeichnen «die Tatenlosigkeit der Justiz» als fatal. Nun prüft die Bundesanwaltschaft «den Entscheid der Beschwerdekammer und das weitere Vorgehen» gegen K. S. Es bleibt ihr fast keine andere Wahl, als den bereits entlasteten Beschuldigten doch noch anzuklagen.

Erstellt: 19.08.2014, 12:18 Uhr

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