Heilmittel Cannabis

Marihuana ist ein wirksames Mittel gegen Schmerzen und Muskelkrämpfe. Das Bundesamt für Gesundheit erwartet einen Anstieg an Gesuchen, das Rauschmittel als Medikament zu nutzen.

Hanfsamen – die Urzelle, aus der das organische Schmerzmittel gezogen wird. Foto: Essenin

Hanfsamen – die Urzelle, aus der das organische Schmerzmittel gezogen wird. Foto: Essenin

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Man stellt sich das irgendwie fröhlich vor: Bei grossen Schmerzen bringt der Arzt einen Joint, man sitzt auf dem Spitalbalkon und hat es lustig. In Tat und Wahrheit ist es alles andere als lustig, wenn am Zürcher Universitätsspital zu Cannabis gegriffen wird: Die Extrakte aus der Pflanze werden dann verabreicht, wenn Patienten an starken Schmerzen leiden und andere Medikamente nicht wirken. «Wir verschreiben Cannabinoide zum Beispiel bei Schmerzen, die vom Nervensystem selbst verursacht werden», sagt Konrad Maurer, der leitende Arzt des interdisziplinären Schmerzambulatoriums.

Eine neue Studie belegt nun, was Maurer in seiner Praxis schon seit Jahren beobachtet: Cannabis wirkt. Die Substanzen aus der Pflanze lindern chronische Schmerzen. Sie helfen auch gegen Krämpfe bei multipler Sklerose. Etwas weniger deutlich sind die Studienergebnisse bei anderen Krankheiten. Aber auch dort gibt es Hinweise, dass Cannabis hilft, beispielsweise gegen die Nebenwirkungen einer Chemotherapie oder gegen Gewichtsverlust bei Aidskranken. Insgesamt hätten die Substanzen aus Cannabis ein «vielversprechendes Heilmittelpotenzial» – sagt niemand Geringeres als das Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Resultate mit Signalwirkung

Wer in der Schweiz Patienten mit Cannabis behandeln will, braucht eine Bewilligung des BAG. «Wir prüfen jedes einzelne Patientendossier», sagt Markus Jann, Leiter der Sektion Drogen beim BAG. Um die Gesuche nach dem aktuellen Wissensstand beurteilen zu können, hat man die erwähnte Studie in Auftrag gegeben – es ist eine sogenannte Metastudie, bei der die Resultate verschiedener Untersuchungen zusammengefasst werden. Insgesamt flossen die Ergebnisse von 79 klinischen Studien mit mehr als 6000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein.

Die Resultate beinhalten nichts überraschend Neues. Dass die Wirkstoffe aus der Hanfpflanze gegen Schmerzen und Krämpfe wirken, ist schon seit längerem bekannt. «Aber wir haben jetzt eine ­systematische Übersicht über die Forschungsergebnisse und mehr Sicherheit, um die Entscheide zu fällen», sagt Jann. An der Bewilligungspraxis des BAG änderten die Ergebnisse nicht viel.

Auch wenn es keine bahnbrechenden Forschungsneuigkeiten sind: Die BAG-Studie dürfte Signalwirkung haben. «Wir nehmen an, dass sich aufgrund der Ergebnisse mehr Ärzte überlegen werden, Cannabis bei ihren Patienten einzu­setzen», sagt Jann. Noch immer sei die Pflanze als Droge stigmatisiert – obwohl ihre Extrakte immer häufiger in der Schulmedizin verschrieben würden. In den letzten drei Jahren trafen beim BAG insgesamt 2800 Gesuche von Ärzten ein, die Patienten mit Cannabis behandeln wollten. Tendenz steigend.

Bewilligungspflichtig ist eigentlich nur das psychoaktive Tetrahydrocannabinol (THC), einer der rund 400 Inhaltsstoffe von Cannabis. Zur Behandlung von multipler Sklerose gibt es mittlerweile ein von Swissmedic zugelassenes Medikament auf THC-Basis. Zur Behandlung von Schmerzen werden meist THC-Tinkturen verwendet, welche von Apothekern im Auftrag der Ärzte her­gestellt werden. In der ganzen Schweiz haben fünf Apotheken eine Bewilligung, solche Präparate herzustellen.

Vorsicht bei Jugendlichen

Im Fachblatt «Jama», in dem die BAG-Studie veröffentlicht wurde, warnen Ärzte vor einer voreiligen Interpretation der Daten. Die Wirkung der unterschiedlichen Cannabis-Inhaltsstoffe sei noch viel zu wenig erforscht, vor allem auch die Nebenwirkungen bei langfristiger Anwendung und für Heranwachsende. Cannabinoide wirken auf einen bestimmten Abschnitt des menschlichen Nervensystems, auf das sogenannte Endocannabinoid-System. Dieses System spielt eine wichtige Rolle bei der Gehirn­entwicklung, und es gibt Hinweise, dass Cannabis-Exposition bei Heranwachsenden zu dauerhaften Veränderungen im Gehirn führt. Vorsicht sei geboten, schreiben die Kommentatoren, und vor allem: Studien, Studien, Studien.

Im Klinikalltag stellt man fest, dass gewisse Menschen sehr gut auf Cannabis reagieren – und andere überhaupt nicht. Im Zürcher Schmerzambulatorium arbeitet man pragmatisch: «Wir geben ­Patienten ein Dosierungsschema und schauen, was hilft und was nicht», sagt der Arzt Maurer. Man müsse sich Cannabis übrigens nicht als ein klassisches Schmerzmittel vorstellen, das die Schmerzen stillt. Das Rauschmittel wirke vielmehr als sogenannter Schmerz­modulator. «Mit anderen Worten: Mit THC wird einem der Schmerz etwas ­egaler», sagt Maurer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2015, 23:24 Uhr

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