«Heiraten war mir zu konservativ. Bis zu jenem Abend auf Mallorca»

In der Schweiz ist die Ehe für alle noch nicht möglich. Es fehlten Beispiele, sagt Grünen-Politiker Philipp Schoch. Er hat seinen Mann in Deutschland geheiratet.

«Ich denke, es fehlen Fürsprecher auf Bundesebene»: Philipp Schoch und sein Mann während ihrer Hochzeit. Foto: Privat

«Ich denke, es fehlen Fürsprecher auf Bundesebene»: Philipp Schoch und sein Mann während ihrer Hochzeit. Foto: Privat

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«#happy», schreibt Philipp Schoch am 3. August auf dem Social-Media-Kanal ­Instagram nur. Glücklich! Es ist der Kommentar zu einem Foto, das ihn mit seinem Partner Christof Weinhardt zeigt, im Festanzug, lachend. Sie feiern ihre Ehe, die sie just am 1. August, am Schweizer Nationalfeiertag, geschlossen haben. Im deutschen Karlsruhe, vor knapp 100 geladenen Gästen.

Wenige Tage später berichtet die SRF-Sendung «10 vor 10» über die Gay-Hochzeit des früheren Baselbieter Grünen-Landrats. Schoch erzählt, warum er seinen Mann in Deutschland geheiratet hat: Die Ehe für alle, in den meisten europäischen Ländern bereits Realität, gibt es in der Schweiz noch nicht.

Schoch sitzt im Garten des Restaurants Mooi in Liestal. Seit dem Fernsehbericht ist fast eine Woche vergangen. Er habe die Sendung bei seinen Eltern in Pratteln geschaut, sagt er. Sie hätten nichts von seinem Auftritt gewusst. «Mein Vater lobt eher selten. Als er mich aber an diesem Abend im Fernsehen sah, sagte er: Das hast du gut gemacht.»

Die Worte seines Vaters und die vielen positiven Reaktionen auch von Menschen, die er nur flüchtig kennt, haben ihn darin bestätigt, dass es richtig war zu heiraten – und vor allem auch öffentlich darüber zu reden.

War es schon immer Ihr Wunsch zu heiraten?
Im Gegenteil. Ich habe die Ehe immer kritisiert und belächelt, dieses gesellschaftliche, von der Kirche geprägte Bollwerk. Heiraten war mir zu konservativ, und ich habe es für mich nie in Betracht gezogen. Bis zu jenem Abend auf Mallorca. Es war vor zwei Jahren. Christof und ich sassen an einem wunderschönen Ort, mit gutem Wein, alles war so romantisch, einfach perfekt. Wir waren uns beide einig: Hier müsste man eigentlich auf der Stelle heiraten.

War es das erste Mal, dass Sie mit Ihrem Partner, einem deutschen Staatsbürger, über die Ehe gesprochen haben?
Wir haben immer wieder über unsere Beziehung gesprochen, aber nie konkret übers Heiraten. Christof kommt aus einer klassischen Hetero-Beziehung, war bereits verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Diese Situation war für mich neu. Deshalb war ich auch der Meinung, dass, wenn Heiraten je ein Thema werden sollte, er derjenige sein müsse, der den ersten Schritt macht.

Vom Ehekritiker zum überzeugten Ehemann – was ist geschehen?
Das hat wohl mit Reife zu tun, mit der Frage, wo man im Leben steht. Es ging mir aber ebenfalls darum, ein Bekenntnis abzulegen: Wir sind auch vor dem Gesetz ein Paar, mit allen Rechten und Pflichten.

In der Schweiz haben gleichgeschlechtliche Paare bisher kein Recht auf ­Eheschliessung. 2007 wurde zwar das Partnerschaftsgesetz eingeführt, dieses unterscheidet sich jedoch in über 20 Punkten von der Ehe. Ein wichtiger Unterschied ist etwa die gemeinschaftliche Adoption, die in einer eingetragenen Partnerschaft nicht möglich ist.

Die Initiative «Ehe für alle» will die Ehe auch für Homosexuelle öffnen. Sie wurde 2013 von der grünliberalen Fraktion eingereicht. Ein entsprechender ­Gesetzesentwurf wird voraussichtlich Ende Monat in der zuständigen Kommission des Nationalrats diskutiert.

Philipp Schoch und Christof Weinhardt haben sich «aus Prinzip» für die Ehe und gegen eine eingetragene Partnerschaft entschieden. Wenn schon, dann richtig, mit allen Konsequenzen. Der deutsche Staat hat die Schweiz nicht über die Eheschliessung der beiden informiert, das Paar musste es selber tun. Eine im Ausland geschlossene Ehe zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts wird in der Schweiz als eingetragene Partnerschaft geführt.

Was hat sich seit der Heirat emotional in Ihrer Beziehung verändert?
Christof und ich führen eine Wochenendbeziehung; er lebt in Karlsruhe, ich in Pratteln. Als wir uns nach der Hochzeit zum ersten Mal wiedergesehen haben, haben wir am Samstag gemeinsam sein Auto gewaschen. Danach haben wir uns angeschaut und gesagt: So funktioniert also das Eheleben.

Was bedeutet für Sie Ehe? Bis der Tod euch scheidet. Ehe auf Zeit. Ehe zu dritt.
Es ist eine Herzensfrage. Christof und ich haben uns gefunden. Wir denken gleich, haben viele ähnliche Interessen. Unsere Wertvorstellungen sind dieselben. Und wenn alles stimmt, muss ich auch nicht überlegen: Will ich? Will ich für immer? Will ich noch mehr? Es ist selbstverständlich. Das hätte ich früher nicht für möglich gehalten. Weil ich der Ehe grundsätzlich kritisch gegenüberstand, aber auch, weil ich nicht einen Partner hatte, der mir dieses Gefühl gab.

Haben Sie als Politiker Homophobie erlebt?
Mir wurde nichts verwehrt, weil ich schwul bin. Als ich Landratspräsident wurde, habe ich mir überlegt, wie ich damit umgehen soll. Ich stand im ­Schaufenster und wollte offen sein. Bei meiner Wahlantrittsrede erwähnte ich Christof und dankte ihm. Von da an war für alle alles klar.

Philipp Schoch, 46 Jahre alt, gab sein Coming-out vor 16 Jahren. Er tat sich schwer mit dieser Frage und setzte sich deshalb ­selber einen Termin: seinen 30. Geburtstag. Er wollte diesen Tag mit all seinen Freunden feiern, auch mit homosexuellen. ­Dafür musste er aber zuerst mit seiner Familie über seine ­sexuelle ­Orientierung reden. Es war kein ein­facher Weg, aber es hat funktioniert. «Am Ende haben wir alle zusammen meinen Geburtstag ­gefeiert.»

Zu diesem Zeitpunkt war Schoch ­bereits Präsident der Grünen Baselland. Ein Jahr später wurde er in den Landrat gewählt, den er 2016 präsidierte. Unter seiner Leitung nahm der Wähleranteil der Partei von sechs auf 14 Prozent zu.

«Heiraten war mir zu konservativ», sagt Philipp Schoch, «ich habe es für mich nie in Betracht gezogen.» Foto: Kostas Maros

Als Präsident der Umweltschutz- und Energiekommission galt Schoch als ­einflussreicher Parlamentarier im ­Kanton. 2018 trat er als Landrat zurück. Heute leitet er die Notfallabteilung am Kantonsspital Baselland, ist Präsident des Wald-Verbands beider Basel und Nachhaltigkeitsbeauftragter für das ­Eidgenössische Schwingfest 2022 in Pratteln. Im Herbst kandidiert Schoch für den Nationalrat.

Ist die Schweiz bereit für die Ehe für alle?
Die Reaktion einiger Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Bericht von «10 vor 10» war: «Was, das ist in der Schweiz gar nicht möglich? Das wusste ich gar nicht.» Das zeigt, dass die Gesellschaft zu einem grossen Teil die Ehe für alle bereits akzeptiert hat.

Die Politik tut sich aber noch schwer.
Es fehlen Beispiele. Deshalb haben wir entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und ich denke, es fehlen Fürsprecher auf Bundesebene. Das soll kein Wahlslogan für meine Nationalratskandidatur sein. Das Klima und der Zustand unserer Wälder interessieren mich nach wie vor mehr als die Ehe für alle. Aber ich kann vielleicht dazu beitragen, dass die Initiative schneller umgesetzt wird. Dann ist die Sache erledigt, und wir haben mehr Zeit für wichtige Themen.

Eine Auswertung von verschiedenen Smartvote-Umfragen zeigt deutlich, dass die Ehe für alle in der ganzen Schweiz mehrheitsfähig geworden ist. Die Zustimmung hat vor allem auch in der bürgerlichen Mitte zugenommen.

«#Yes!», heisst es unter einem anderen Hochzeitsfoto auf Philipp Schochs Instagram-Profil. Ein befreiendes Ja, ein Ja zur Ehe.

Erstellt: 23.08.2019, 14:14 Uhr

Ehe für alle – kurz erklärt

Die Schweiz ist eines der letzten westeuropäischen Länder, die die Ehe ausschliesslich heterosexuellen Paaren zugestehen. Das soll sich mit der ursprünglich von den GrünIiberalen ein­gereichten parlamentarischen Initiative «Ehe für alle» ändern. Gleich­geschlecht­liche Paare, die ihre Partnerschaft bisher nur eintragen lassen konnten, würden gleich­gestellt, etwa auch in Bezug auf Adoptionen oder das Bürgerrecht. Ausser der SVP sind alle Parteien dafür. (cix)

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