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Heisse Depeschen schicken die Botschafter per Diplomatenkoffer

Schweizer Botschafter schicken streng geheime Dokumente noch immer auf Papier an das Aussendepartement. Ein Datenleck wie in den USA dürfte es kaum geben.

Schweizer Botschaft in Berlin: Heikle Papiere werden per Kurier in die Zentrale nach Bern geschickt.

Schweizer Botschaft in Berlin: Heikle Papiere werden per Kurier in die Zentrale nach Bern geschickt. Bild: Keystone

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Wäre ein Datenleck im Ausmass der Wikileaks-Affäre auch in der Schweiz möglich? Eine delikate Frage für das Aussendepartement von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey. Es brauchte für die Bearbeitung fast einen Tag. Dann die verklausulierte Antwort: «Das EDA unterhält keine solch grossen Datenbanken mit diplomatischer Korrespondenz wie die USA.» Und: «In digitaler Form werden lediglich offene und niedrig klassifizierte Dokumente aufbewahrt.»

Im Klartext: Das EDA rechnet nicht mit einem Desaster, wie es derzeit in den USA im Gange ist. Der Informationsschutz sei «ein Anliegen, das auf höchster Ebene verfolgt wird», sagt die Departementssprecherin. Dies geschehe in enger Zusammenarbeit mit der Abteilung Informations- und Objektsicherheit des VBS. Vertrauliche Informationen könnten «abhörsicher» übermittelt werden, und es sei «nicht möglich, diese in grosser Anzahl zu verbreiten oder unkontrolliert abfliessen zu lassen».

Übergabe am Flughafen

Vor allem aber: Um die Gefahr von Lecks zu minimieren, setzt die Schweizer Diplomatie nach wie vor auf nicht elektronische Kommunikationsmittel, das heisst auf Papier. So schicken die Botschafter für Depeschen der höchsten Geheimstufe noch immer einen Kurier beziehungsweise den «valise diplomatique» auf den Weg. Wie das funktioniert, beschreibt der frühere Spitzendiplomat Franz Blankart wie folgt: «Ein Mitarbeiter der Botschaft übergibt den Koffer beispielsweise auf dem Berliner Flughafen einem Vertrauensmann auf der Swiss-Maschine, und gleich nach der Landung in Zürich übernimmt ihn ein EDA-Beamter.»

Auch in der Bundesverwaltung werden Dokumente mit hoher Geheimhaltungsstufe «ausschliesslich in physischer Form, das heisst auf Papier», aufbewahrt, wie das EDA betont – und zwar «in entsprechend gesichertem Mobiliar». Gibt es mehrere Exemplare des Dokuments, so werden sie nummeriert. Und Zugang zu den Schriftstücken haben nur Personen, die sich einer Sicherheitsprüfung unterziehen.

Mails werden verschlüsselt

Dennoch verläuft die Kommunikation mit den Botschaften und EDA-intern weitgehend auch per Telefon und E-Mail. Je höher die Klassifikationsstufe («intern», «vertraulich», «geheim»), umso aufwendiger sind die Schutzmassnahmen gegen unlegitimierten Zugriff. So werden die Mails bereits ab Stufe «intern» verschlüsselt. Das heisst: Es werden unleserliche Texte produziert, die nur mit einem entsprechenden Decodierungssystem zu einem «Klartext» umgewandelt werden können – wobei der Schlüssel im Extremfall vor jedem Buchstaben ändern kann.

Dass es in der Schweiz je zu flächendeckenden Enthüllungen kommen wird, hält auch Franz Blankart für «unwahrscheinlich». Doch das Risiko sei wegen des Trends zu immer mehr elektronischer Kommunikation gestiegen. Andererseits hätten die Depeschen seit dem «Fall Jagmetti» an Brisanz verloren: Die Diplomaten seien «sehr vorsichtig» geworden. «Leider», fügt Blankart hinzu, denn dadurch hätten die Berichte auch an Aussagekraft eingebüsst. Albert Stahel, Dozent für Strategische Studien an der Universität Zürich, hält ein Leck im Wikileaks-Ausmass gar für «unmöglich».

Dies nicht nur deshalb, weil die Kommunikation technisch besser abgesichert sei als in den USA: «Unsere Diplomaten pflegen auch eine andere Kultur.» Mit Informationen «aus den Niederungen der Diplomatie», die für eine skandalträchtige Enthüllung interessant sein könnten, hielten sie sich zurück. Wenn es trotzdem vermehrt zu Indiskretionen komme, dann wegen der schwindenden Ethik vieler Bundesbeamter: «Loyalität wird für Staatsangestellte immer mehr zum Fremdwort.»

Erstellt: 01.12.2010, 22:09 Uhr

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