Helmut Hubachers Abrechnung

Der ehemalige SP-Präsident Helmut Hubacher arbeitet sich in einem neuen Buch an Christoph Blocher ab. Hubacher reist rasant durch das 20. Jahrhundert und zeigt: Altersmilde ist er nicht geworden.

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Wäre das Buch noch nicht gedruckt, Helmut Hubacher hätte das Manuskript nach der Rücktrittsankündigung von SVP-Nationalrat Christoph Blocher wahrscheinlich noch einmal in den Kübel geworfen. So wie er es am Abend des 9. Februar getan hatte nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative der SVP und er mit seinem Buch noch einmal von vorn begann.

Der 88-Jährige hat seinen Verlag ziemlich auf Trab gehalten. Selbst die Wirren um den Kampfjet Gripen haben es noch in «Hubachers Blocher» geschafft, das morgen erscheint. Nur der Rücktritt seiner Hauptfigur – den muss sich der ehemalige SP-Präsident (1975–1990) für ein nächstes Buch aufbewahren.

Die Lektüre lohnt sich auch ohne die aktuellste Wende im Fall Blocher. Hubacher rast in dem ihm eigenen Stil der kurzen Hauptsätze durch das 20. Jahrhundert. Er beginnt mit der Lobpreisung der grossen Errungenschaften der Sozialdemokratie (die 48-Stunden-Woche, die AHV, das Frauenstimmrecht), wehrt sich gegen den Vorwurf an die SP, während seiner Präsidentenzeit kommunistische Regimes unterstützt zu haben, rechtfertigt sich für seine berühmte Reise in die DDR im Jahre 1982 («Als ob wir eine Art Pilgerfahrt gemacht hätten!») und kommt schliesslich zur Hauptperson seines Buches.

Keine einstudierten Texte

Blocher sei ihm schon als junger Nationalrat aufgefallen. «Der Neue von der SVP dozierte nicht einstudierte Texte, sondern argumentierte aus dem Bauch heraus. Unverschämt frech und ungewohnt hart. ‹Endlich wieder einmal ein Gegner›, meinte mein Sitznachbar Walter Renschler.»

Das Lob für Blocher bleibt nicht das einzige. Man spürt auf jeder Seite des Buches, wie Hubacher von dem Mann aus Herrliberg zur gleichen Zeit abgestossen und angezogen wird. All die harschen Vorwürfe gegen die SP, der Wille zur Macht, Blochers Geschäfte in China und Südafrika – das verabscheut Hubacher zutiefst. Gleichzeitig spürt man auch Bewunderung für die Art und Weise, wie Blocher mit seiner SVP die politische Schweiz in den vergangenen 30 Jahren nachhaltig durcheinander­gewirbelt hat.

Betrunkene Diplomaten

Aufgelockert wird Hubachers Ringen mit der Figur Blocher durch Episoden aus seiner eigenen politischen Zeit. Er erzählt von Diplomaten, die nach dem Nein zum EWR im Jahr 1992 in Brüssel nur noch betrunken verhandeln konnten, schildert eine trostlose Geburtstagsfeier der ehemaligen SP-Grösse Walther Bringolf 20 Jahre nach dessen Abschied aus der Politik («Statt gemütlich zu feiern, plagte uns Bringolf mit seinem Seelenschmerz über den misslungenen Versuch, Bundesrat zu werden») und haut mit Lust auf den politischen Gegner ein. Christoph Mörgeli ist einer von «Blochers Papageien», Ueli Maurer ein «politischer Leichtmatrose», und der ehemalige Bundesrat Samuel Schmid gehöre zu jener Sorte von Politikern, die «Politik darstellen, die tun, als ob sie führen und regieren könnten, aber bei nicht allzu schweren Aufgaben stolpern».

Die Schrift ist Rechtfertigung, Abrechnung, Anekdotensammlung, Vermächtnis. Und ein verzweifelter Versuch zu verstehen, wie es Christoph Blocher geschafft hat, die Schweiz «in Geiselhaft» zu nehmen. Zum Schluss des Buches gibt sich Hubacher, der früher SBB-Stationsbeamter, Gewerkschaftssekretär, Basler Grossrat, Nationalrat und SP-Präsident war, selbstkritisch. Blocher habe es geschafft, den Linken einen Anti-Blocher-Reflex anzuhängen, der ihm seine Arbeit kolossal erleichtere. Es sei «kein schmerzfreier» Denkprozess, zugeben zu müssen, Blocher habe nicht alles falsch gemacht.

«Unverbesserliche Humanisten»

Und genau so sei es: Blocher habe nicht alles falsch gemacht, sein Abstimmungserfolg vom 9. Februar sei nicht einfach das Resultat eines in die Irre geführten Souveräns. «Bei der Zuwanderung haben wir ein Problem, und was für eines.» Der Hang der Wirtschaft, fertig ausgebildete ausländische Fachkräfte zu rekrutieren, statt sie selber auszubilden. Die Verdrängung von älteren, lohnmässig teureren Schweizern durch jüngere, lohnmässig billigere Ausländer: Alles «Mosaiksteinchen», die für Hubacher zum Erfolg der Zuwanderungsinitiative beigetragen haben.

Gerade die Linke sei in diesem Thema gefordert, schreibt der ehemalige SP-Präsident. Die Wirtschaft habe sich in der Vergangenheit nicht übermässig mit der Integration ihrer ausländischen ­Beschäftigten gekümmert, das überlasse man den Gemeinden, den Städten, der Politik. «Und weil wir Linken unverbesserliche Humanisten sind, trägt die SP oft die Hauptlast.» Dafür werde die Partei seit der knappen Ablehnung der Schwarzenbach-Initiative im Jahr 1970 bestraft. Ein Teil der Arbeitnehmerschaft werfe der SP vor, die Partei kümmere sich mehr um die Ausländer als um die Schweizer.

«Die SP hat durch ihre Ausländer­politik einen Teil der schweizerischen Arbeitnehmer verloren. Ausgerechnet an die SVP.»

So gewinnt man nicht

Hubacher plädiert für eine etwas selbstkritischere Haltung der Partei. Die Gefahr, dass die SP dadurch plötzlich eine fremdenfeindliche Politik mache, sei in etwa so gross wie das Risiko, dass der Bundesrat das Bundeshaus verkaufe. Lösen müsse man sich, rät Hubacher, von eigenen Befindlichkeiten und der Angst vor Blocher. Je älter er werde, desto mehr beschäftige ihn der Anti-Blocher-Reflex, «der uns blockiert, unabhängig von Angstschuld zu entscheiden, statt behutsame Einwände zuzulassen und Fragezeichen gleich als Verrat am Sozialismus auszulegen».

Er befürchte, schreibt Hubacher zum Schluss, «so können wir gegen Blocher nicht gewinnen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2014, 23:43 Uhr

Hemut Hubacher: «Hubachers Blocher». Zytglogge-Verlag, 2014. 227 Seiten, ca. 29 Franken.

Das Buch erscheint am Dienstag, 27. Mai.

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