Analyse

Hermann: Entscheid zu SVP-Initiative fällt in der Mitte

Nicht an einer Stadt-Land-Trennlinie werde sich die Migrationsvorlage entscheiden, sagt Politgeograf Michael Hermann. Was denn?

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Es dürfte knapp werden bei der heiss umstrittenen Masseneinwanderungs-initiative der SVP. Das legen zumindest die Trendstudien des Büros GFS Bern im Auftrag der SRG nahe, die jüngst einen Zuwachs im Ja-Lager verzeichnet haben. Den Eindruck eines Stimmungsumschwungs verstärken noch Personen wie der Berner SP-Doyen Rudolf Strahm, der auch im linken Lager Migrationsskeptiker vermutet. Vollzieht sich gerade ein Rechtsruck? Vertieft sich der Stadt-Land-Graben? Überstimmt das konservativ-ländliche Lager am Sonntag die urbanen Ballungsräume?

«Stopp!», sagt Politgeograf Michael Hermann. Die Abstimmung entscheide sich nicht an einer lokalisierbaren Grenze zwischen Stadt und Land. Überhaupt habe sich der Stadt-Land-Graben bis Ende der 1990er-Jahre vertieft, seither aber nicht mehr. Das zeige die Analyse nationaler Abstimmungen. Das weltoffen-urbane Lager und das konservativ-ländliche seien etwa so aufgestellt wie 2009, als fast 60 Prozent der Stimmbürger einer Weiterführung der Personenfreizügigkeit zustimmten.

Die Mobilisierung ist entscheidend

Aber könnte es nicht sein, dass sich nun im links-urbanen Lager – wie das Rudolf Strahm vermutet – mehr Leute vom Dichtestress und von Bedrohungsgefühlen in der Arbeitswelt zu einem Ja zum SVP-Begehren bewegen lassen als üblich? Michael Hermann glaubt nicht, dass die Konstellation der politischen Lager am Wochenende auf den Kopf gestellt wird. Entscheidend werde sein, wie gut das konservative Lager seine Anhänger mobilisieren könne.

Nun stellt aber die erwähnte GFS-Studie überraschende soziale Verschiebungen zugunsten der SVP-Initiative fest: Nicht wie üblich im Tieflohnbereich ist die Zustimmung zur Initiative am höchsten, sondern bei mittleren Einkommen zwischen 5000 und 7000 Franken. Und Leute mit mittlerer Ausbildung neigen stärker zu einem Ja als solche mit tiefer Ausbildung.

Verdoppelte Bemühungen

Ja, es habe Verschiebungen gegeben, sagt Hermann. Aber nicht im linken Lager und nicht bei gut Gebildeten und Verdienenden. Sondern bei den Mittewählern von FDP und CVP. Dass dort gemäss GFS-Studie der Anteil der Unentschiedenen am höchsten ist, erstaunt Hermann nicht. Schon die Minarettabstimmung sei nicht von Linksabweichlern, sondern im Mittelager entschieden worden, insbesondere durch eine überraschend hohe Zustimmung junger Frauen.

Auch am Wochenende dürfte die Entscheidung laut Hermann in der politischen Mitte fallen. Die weltanschauliche Scheidelinie zwischen dem urban-weltoffenen und dem ländlich-konservativen Lager gehe mitten durch dieses Wählermilieu. Zentral bleibe aber, wie gut die politischen Lager ihre Anhänger mobilisierten. Dazu tragen nicht zuletzt die Wahlanalytiker bei. Wenn sie einen knappen Wahlausgang voraussagen, verdoppeln die Parteien ihre Bemühungen.

Erstellt: 04.02.2014, 11:14 Uhr

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