«Herr Doktor, warum senden Sie mir Tabletten?»

Die Verteilung der Jodtabletten sorgt für Verwirrung – nicht nur wegen Greenpeace.

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Bis Ende November erhalten rund 4,6 Millionen Personen in der Schweiz eine Packung Jodtabletten zugestellt. Diese sollen bei einem Zwischenfall in einem Atomkraftwerk vor der Aufnahme von radioaktivem Jod und damit vor Schilddrüsenkrebs schützen. Einigen Adressaten ist dies aber offenbar nicht klar: Ärzte und Apotheken berichten von besorgten Patienten und Kunden, die sich erkundigen würden, was sie mit diesen Tabletten tun müssten.

«Wir haben bereits einige Anfragen erhalten», sagt Maria Neuhäusler von der Bahnhof-Apotheke im Zürcher Hauptbahnhof. Meist handle es sich dabei um fremdsprachige Kunden. Dem Vernehmen nach soll es auch Arztpatienten geben, welche sich bei ihrem Hausarzt erkundigten, wieso dieser ihnen Tabletten zugesendet habe und wann sie diese einnehmen müssten.

BAG erhielt keine Hinweise von Ärzten

Ob es sich um mehr als Einzelfälle handelt, ist bislang nicht abzuschätzen. Ein Blick zurück zeigt, dass die Apotheken bereits bei der letzten Jodtablettenverteilung im Jahr 2004 eine gewisse Aufklärungsarbeit leisten mussten. «Die Leute waren verängstigt, überfordert und schlecht informiert», zitierte damals der «Bund» die Mitarbeiterin einer Berner Apotheke.

Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) und bei der für die Verteilung zuständigen Geschäftsstelle heisst es, man habe von Ärzten keine diesbezüglichen Rückmeldungen erhalten. «Wir gehen davon aus, dass der Versand nur einzelne wenige vor ein Problem stellt», sagt Daniel Storch vom BAG.

Vorinformation auf Deutsch

Informiert haben die Behörden über den Versand mit einem vorgängigen Schreiben an alle Empfänger. Bis Ende November erhält jede im Umkreis von 50 Kilometern um die Atomkraftwerke wohnhafte Person eine Packung mit 12 Tabletten per Post zugestellt. Auf einem darin enthaltenen Informationsblatt wird ebenfalls über Absender, Inhalt und Zweck der Tabletten informiert. Zudem liegt der Packung der übliche Beipackzettel bei.

Von den drei Dokumenten ist allerdings nur das Informationsblatt auch in Fremdsprachen abgefasst. Neben Englisch sind dies Portugiesisch, Serbisch, Albanisch und Türkisch. Das vorgängige Schreiben hingegen wurde nur auf Deutsch und Französisch versendet; der Beipackzettel wie gesetzlich vorgeschrieben auf Deutsch, Französisch und Italienisch.

Man habe durchaus die Erkenntnisse der letzten Verteilaktion berücksichtigt, heisst es bei BAG und Geschäftsstelle. Diese unterschied sich allerdings kaum von der jetzigen; bereits damals wurde ein achtsprachiges Infoblatt mitgeschickt und eine Telefonhotline eingerichtet.

Greenpeace-Aktion verunsichert

Als nicht hilfreich hat sich beim aktuellen Versand eine Aktion von Greenpeace erwiesen. Die Umweltschutzorganisation versandte ein Schreiben an die Haushalte, das vorgab, ebenfalls von der Geschäftsstelle Kaliumiodid-Versorgung zu stammen. Es weist darauf hin, dass die Jodtabletten nur gegen gewisse Folgen von radioaktiver Verstrahlung schützen, und dies nur, wenn sie rechtzeitig eingenommen werden.

Während dies zwar manche Empfänger lustig fanden ...

... fehlte anderen das Verständnis dafür gänzlich.

Etliche Empfänger des Schreibens wurden durch die PR-Aktion aber offenbar verwirrt. Tony Henzen von der Geschäftsstelle sagt, vor allem auf den Greenpeace-Brief hin seien bei der Hotline sehr viele besorgte Anfragen eingegangen. Ausgewertet wurden die Anfragen laut Henzen bislang nicht. Die Geschäftsstelle behält sich rechtliche Schritte vor, ebenso das BAG. Dessen Rechtsabteilung wird Anfang Woche prüfen, welche Schritte Aussicht auf Erfolg haben.

Ruhelosigkeit und Ausschläge als Nebenwirkungen

Sollte jemand die Tabletten einnehmen, weil er ihren Zweck nicht versteht, sollte dies im Normalfall keine schwerwiegenden Folgen zeitigen. Als Nebenwirkungen zu erwarten sind etwa Kopf- und Bauchweh, Ausschläge oder Ruhelosigkeit. Schädlich könnte die Einnahme aber für Personen mit Schilddrüsenproblemen sein.

Diese sollten sich denn auch tatsächlich bei ihrem Hausarzt erkundigen, ob sie die Tabletten im Katastrophenfall einnehmen sollten – laut BAG allerdings erst, wenn sie sowieso einen Termin vereinbaren müssen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.11.2014, 17:05 Uhr

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