Herzlich willkommen im Abfallkübel von Basel

Um zu verstehen, worum es bei den Basler Wahlen geht, muss man das Armenviertel Kleinhüningen aufsuchen. Hier kollidiert die Bitterkeit der Alten mit dem Aufbruch der Jungen.

«Fast alles hier ist schlecht», sagt Georges Böhler – dabei liebt er Kleinhüningen, das er sein Dorf nennt. Foto: Christian Flieri

«Fast alles hier ist schlecht», sagt Georges Böhler – dabei liebt er Kleinhüningen, das er sein Dorf nennt. Foto: Christian Flieri

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Der Dorfkönig von Kleinhüningen wurde ausgeschafft. Jedenfalls fühlt es sich so an für ihn. Über siebzig Jahre hatte Georges Böhler in dem alten Patrizierhaus an der deutschen Grenze gewohnt, vor anderthalb Jahren musste er wegziehen; die Behörden brauchten die Villa Ottenbach neben dem Empfangszentrum, um Asylsuchende unterzubringen. «Diese Asylanten», sagt der 81-Jährige mit einer Stimme, in der Zorn, Bitterkeit und Unverständnis anklingen: «Sie kommen, weil die Regierung sie bei uns unterbringt.»

Böhler ist nicht Dorfkönig, sondern führt den Dorfverein Pro Kleinhüningen seit zwölf Jahren. Kleinhüningen sei eben kein Quartier, sagt er, sondern ein Stadtteil, früher ein Dorf. Und die Stadt behandelt sein Dorf schlecht. «Wir sind der Abfallkübel von Basel», sagt er, während er einem das Quartier zeigt. Am Morgen stauen die deutschen Pendler das Quartier voll, abends und am Samstag drängen die Basler ins Rheincenter, das günstige Einkaufszentrum in Weil am Rhein. Das ganze Jahr über fahren Lastwagen aus der Schweiz zum Verbrennungsofen für Sondermüll der Firma Valorec, die auch noch hier steht. Das Dorf ist von Silos, Werkschuppen, einem Gaslager und Tanks umstellt, von der Autobahn und der Eisenbahn durchschnitten, von den Hafenanlagen bedrängt. Das ehemalige Fischerdorf mutierte dank der Ciba zum Arbeiterdorf. Es hat 2800 Einwohner, fast die Hälfte davon Ausländer, dazu Alte und Arme. Die Kriminalität ist höher als in anderen Quartieren, man hört von Messerüberfällen und Raubangriffen. «Fast alles hier ist schlecht», sagt Böhler, der als Medizinaltechniker in der Welt herumgekommen ist, aber trotzdem seinem Dorf nachtrauert, wie es früher war, als er am Hafen spielte.

Für alles Schlechte macht Georges Böhler die rot-grüne Regierungsmehrheit und ihre ebenso gepolte Verwaltung verantwortlich, die seit zwölf Jahren die Stadt lenkt, wenn auch gegen ein bürgerlich dominiertes Parlament. Mit einem Machtwechsel im Regierungsrat würde sich einiges zum Guten wenden, sagt er. Seine grösste Hoffnung setzt der Wütende auf einen Ruhigen: Lorenz Nägelin, der als Kandidat der SVP mit den anderen Bürgerlichen zusammen kandidiert – das gab es noch nie.

Der Ruhige von der SVP

Wir haben am Claraplatz abgemacht, dem Zentrum von Kleinbasel, und vieles, was Kandidat Nägelin sagt, deckt sich mit den Ansichten des Wutbürgers aus Kleinhüningen. Der Einkaufstourismus schade dem Gewerbe, es gebe zu viel Kriminalität, die Leute hier fühlten sich nicht mehr sicher, Basel als Grenzkanton sei verletzlicher als andere. Und ja, zu Kleinhüningen müsse mehr geschaut werden.

So weit alles klar, so klingt der Sound seiner Partei. Interessant ist weniger, was der Kandidat sagt, als vielmehr, wie. Er redet leise, hört zu, kann lachen; auch seine politischen Gegner finden ihn anständig. Dass er zur SVP ging, hat mit ihrer Haltung zur EU zu tun, «die EWR-Debatte hat mich überzeugt, dass das die richtige Partei für mich ist». Nägelin weiss auch, was für ihn das richtige Departement wäre: Justiz und Sicherheit – und für den Amtsinhaber Baschi Dürr das Regierungspräsidium. Bei der Polizei kommt der Freisinnige Dürr zurzeit brutal dran, Nägelin traut es sich trotzdem zu. Und er fühlt sich kompetent. Der Rettungssanitäter und diplomierte Betriebswirtschafter hat unzählige Notfälle erlebt, ist mit der Ambulanz ausgerückt. «Ich weiss, wie es in den Wohnungen aussieht, bin nahe bei den Menschen und kenne den Schichtdienst mit Nachtarbeit», sagt er. Und er habe als Einsatzleiter und Oberstleutnant auch Führungserfahrung. Je länger wir reden, desto mehr klingt das Interview wie ein Bewerbungsgespräch.

Lorenz Nägelin hat Erfahrung im Polizeidepartement. Er arbeitete dort als Teamleiter für die Sanität. Und verkrachte sich dabei mit Baschi Dürr, mit dem er jetzt in die Wahlen zieht. Dürr ordnete Nägelins Zwangsversetzung an. Das war im Juli 2013. Zwei Jahre später entschied das Appellations­gericht, die Strafmassnahme sei unzulässig gewesen. Nägelin mag nicht mehr über die Sache reden. «Das ist längst gegessen», sagt er.

Zurück nach Kleinhüningen und zum Hafen, dem Tor zur Nordsee; man muss nur noch bis Rotterdam fahren. Hier sollen Tausende von neuen Wohnungen entstehen, die Stadt möchte die schöne Lage am Rhein nutzen. «Dreiland» nennt sich das Projekt, das die benachbarten Gemeinden auf französischer und deutscher Seite miteinbezieht. «Wir wollen die Industriezone zum Wohnen und für die Wirtschaft nutzen, beides braucht die Stadt dringend», sagt der Stadtentwickler Thomas Kessler. Zugleich gehe es darum, einem lange vernachlässigten Stadtteil mehr Lebensqualität zu geben.

Ein Quartier wird umgebaut

Das aber glauben wenige im Quartier, sie haben zu viele Versprechen gehört. «Der Paragraf 55 in unserer Verfassung garantiert Mitwirkung», sagt Heidi Mück, die im Namen der Partei BastA! hoffnungsfroh und chancenlos für den Regierungsrat kandidiert: «Ich warte noch heute auf seine Umsetzung.» In ihrem Quartier werde das grösste Gelände der Stadt verplant, ohne dass die Bewohner angemessen informiert und beteiligt würden. Sie habe nichts gegen neue Projekte, «aber wir verlangen ein organisches Wachstum».

In diesem Punkt würde ihr sogar der Dorfkönig von Kleinhüningen zustimmen. Solange er entscheiden darf, was genau «organisch» heissen soll.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2016, 21:16 Uhr

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Die Bürgerlichen drängen auf eine Wende

Zwölf Jahre lang hat eine rot-grüne Mehrheit die Stadt regiert, und selbst Linke räumen ein, dass ihr das nicht nur gutgetan hat. «Es fehlt der Angriffsgeist, und der Wahlkampf bleibt in der Defensive», sagt Roland Stark, der ehemalige Präsident der SP. Zwar schickt seine Partei ihre drei Bisherigen Christoph Brutschin, Eva Herzog und Hans-Peter Wessels in die Wahl, von der Grünen Elisabeth Ackermann flankiert, doch stehen sie diesmal einem geschlossenen bürgerlichen Quartett gegenüber. Damit wollen die Bürgerlichen am Sonntag die Mehrheit zurück­gewinnen.

Ob es ihnen gelingt, ist völlig offen, es wird sicher zwei Wahlgänge geben. Unangenehm präsentiert sich die Lage für Baschi Dürr (FDP), den amtierenden Polizeichef. Er hat Probleme in seinem Korps. So hatten manche seiner Leute ihren Dienstwagen für private Zwecke genutzt. «Darauf hätte ich früher reagieren müssen», sagt Dürr auf Anfrage. Dass zuletzt noch eine Sex-Affäre bekannt wurde, die einen Polizisten und eine Kollegin im Korps betrifft, macht seine Ausgangslage nicht einfacher, obwohl Dürr rasch mit der Suspendierung des Beamten reagiert hat. Im Parlament dürfte die bürgerliche Mehrheit weiter zulegen. (jmb)

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