Hey, wir haben auch Inseln

Die Schweiz liegt nicht am Meer. Und doch hat unser Land in Seen und Flüssen viele Inseln. Neun Inselgeschichten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dies Land ist immer wieder für eine Überraschung gut. Am Thurweg das Toggenburg hinab entdeckt man zwischen Nesslau und Krummenau im Fluss eine Mini-Insel, darauf ein Gotteshüsli, zugänglich über einen Steg. Sitzt man in der Inselikapelle, hat man vor sich die Muttergottes. Auf beiden Seiten aber sieht man durch die Fenster das rapide Wasser und fühlt sich wie auf einem spirituellen Schiff.

So weit eines der Inselerlebnisse, das die Schweiz bietet. Helgoland oder Guernsey oder Elba hat sie nun nicht vorzuweisen. Und doch stellt sich auch auf hiesigen Kleingebilden wie den Brissago-Inseln im Lago Maggiore, der Chaviolas-Insel im Silsersee oder dem Bauschänzli in Zürichs Limmat schnell das Insel-Feeling ein: das Prickelgefühl der Losgelöstheit vom Festland und also vom Alltag.

Dass die Schweiz eine Insel in der Europäischen Union ist, ist immer wieder zu hören; der Satz hat sich eingeprägt. Regelmässig auch erklingt das Lamento von der Hochpreisinsel Schweiz. Doch eben, die Schweiz ist nicht nur eine Insel – sie hat, in Flüssen und Seen, auch Inseln. Dies zeigen die neun folgenden Beispiele.


Île de la Harpe (VD)
Übersetzen und heiraten
Rolle am Genfersee hatte das Problem, dass das Ufergelände durch den Wellenschlag langsam abgetragen wurde. Zum Schutz schüttete man eine künstliche Insel auf. Während die Arbeiten liefen, starb 1838 der allseits beliebte Politiker Frédéric-César de la Harpe, ein Kämpfer für die Unabhängigkeit der Waadt von den Bernern. Sein Name ging auf die neue Insel über, auf der ihm zu Ehren auch ein Obelisk platziert wurde. Die 80 Meter vom Ufer legt man schwimmend zurück. Oder per Boot.


Neptun- und Lorelei-Inseln (UR)
Archipel Neat
Die zwei Inselgruppen in der Südspitze des Urnersees sind recyclierter Gotthard. Sie bestehen aus 2,4 Millionen Tonnen Aushubmaterial vom Bahn-Basistunnel, das im Reussdelta in den See geschüttet wurde. Auf Neptun herrscht Naturschutz. Auf Lorelei, den Badeinseln, trifft man halb Uri. Offenbar mögen auch Fauna und Flora das Neuland 20 bis 50 Meter vom Ufer entfernt, 200 Pflanzen- und 70 Vogelarten haben sich neu angesiedelt.


Stroppelinsel (AG)
Naturnahe Sperrzone
Wo sich die Limmat nah Turgi in der Aare auflöst, liegt die Stroppelinsel. Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte ein reicher Mann die Insel und liess auf ihr eine Villa bauen. Später übernahm eine Zwirnerei vom nahen Festland. Heutzutage steht auf der Aueninsel mit der grossen Lichtung als Herzstück bloss noch ein Stall. Dafür tummeln sich Biber, auch beobachtet man Eisvögel. Kleinspechte, Pirole. Nichts wie hin! Wobei: Die Stroppelinsel gehört heute Pro Natura und ist Sperrzone. Man muss eine Führung abwarten.


Schloss Bottmingen (BL)
Mit eigener Tramhaltestelle
Bottmingen im Leimental: Die Insel ist das Schloss und das Schloss die Insel. Ein quadratischer Weiher umfasst das Bauwerk, weswegen man auch von «Weiherschloss» spricht. Der Mittelalterarchitektur ist Barock aufgepfropft. Die Anlage ist dem savoyischen Burgentypus verwandt, dem Carré Savoyard mit Rundtürmen in den Ecken. Wer hinwill, um sich das anzusehen und im Restaurant zu tafeln: Tram Nr. 10 führt von Basel SBB hin – dies ist ein Schloss mit eigener Tramhaltestelle.


Bälliz, Thun (BE)
Shoppen inmitten der Aare
Was genau bedeutet «Bälliz», kommt es vom keltischen «Bellitio» gleich Pappel? Lange ist es jedenfalls her, seit im Mittelalter das Thuner Quartier entstand. Heutzutage ist die lang gezogene Insel in der Aare ein entspanntes, weil verkehrsfreies Shoppingviertel. Eine Flaniermeile mit der Bällizgasse als zentraler Achse und immer neuen Blicken auf die manchentags ziemlich bewegte Aare. Auch der Freienhof, die älteste Wirtschaft der Stadt aus dem 15. Jahrhundert, liegt auf der Insel.


Barchetinseln (TG)
Huch, was treibt denn da?
Barchet- oder Barchent: Der raue Flanellstoff ergibt gute Bettwäsche. Der Barchetsee hat schwimmende Inseln, die von der Strömung und vom Wind hin- und hergeschoben werden. Einst wollten Leute hier zwecks Barchetfabrikation Hanfstängel wässern. Sie stachen Stücke des schwimmenden Pflanzengeflechts aus, das den Zugang zum Wasser behinderte; so entstanden die Schwimminseln. Man erreicht sie und den See zu Fuss von der Station Ossingen in weniger als einer Stunde.


Lützelau (SZ)
Ab auf den Shuttle!
Die Insel im Zürichsee hat einen Campingplatz samt Restaurant. Kursschiffe steuern sie nicht an. Doch gibt es seit einiger Zeit den Lütz-Shuttle, der in der warmen Zeit von der Rapperswiler Schifflände aus zu fixen Zeiten bei guten Verhältnissen hinfährt. Der Ausflug macht besonders Spass, wenn das Wetter unter der Woche wechselt, also nicht allzu viel Volk unterwegs ist. Auf der Lützel­­au Felchenknusperli essen: eine der grossen kleinen Freuden der Zürichsee-Region.


Säumerinsel, Giornico (TI)
Insel mit Grotto
In Giornico in der unteren Leventina findet sich eine Insel im Fluss Tessin. Die «Isola dei due ponti» heisst so wegen der beiden Steinbrücken, die sie erschliessen; ein anderer Name lautet «Säumerinsel» und bezieht sich darauf, dass der Übergang Teil der alten Gotthard-Säumerroute war. Die Insel ist bewohnt, einst gab es auf ihr eine Mühle, eine Schmiede und eine Sägerei. Heutzutage lockt das Inselgrotto, das eigentlich immer voll ist.


Isla, Caumasee bei Flims (GR)
Gott sei Dank ist das Wasser warm
Der Caumasee liegt südlich von Flims in einer Waldsenke, eine Standseilbahn führt hinab. Am legendär türkisgrünen See gibt es ein Saisonrestaurant. Die Insel in der Mitte ist recht gross und mit Nadelbäumen bestanden. Erreichbar ist sie mit dem Ruderboot oder Pedalo. Der Caumasee liegt zwar auf knapp 1000 Metern, ist aufgrund unter­irdischer Quellen aber wesentlich wärmer als der durchschnittliche Schweizer Bergsee; und also kann man sich die Insel auch erschwimmen.


Inspiration/Quelle: «Die schönsten Inseln der Schweiz». Cornelia Meyer / Fotos Felix Jungo. Herausgegeben vom Schweizer Heimatschutz, 16 Fr. für Nichtmitglieder, 8 Fr. für Mitglieder. Auch im Buchhandel erhältlich. Das kleinformatige Buch behandelt 33 Schweizer Inseln.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.04.2017, 23:17 Uhr)

Artikel zum Thema

Warum nicht Wandern in der Südsee?

Video Der starke Franken, rekordtiefe Flugpreise, aber auch neue Destinationen und Trends beflügeln die Reiselust der Schweizer. Mehr...

Wandern mit Kleinkindern: Eine gute Idee?

Mamablog Auf den ersten Blick scheint das Unternehmen aussichtslos, zumal unser Autor selbst nicht gerne durch die Berge geht. Doch dann passiert etwas Überraschendes. Zum Blog

Biber erobern Zürich

Indizien häufen sich, dass vermehrt Biber aus dem Aargau in den Kanton Zürich wandern. Der scheue Nager ist zum Beispiel auf der Werdinsel beobachtet worden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Auf Abfall gebettet: Ein Arbeiter einer Wertstoffdeponie in Peschawar, Pakistan, ruht sich auf einem riesigen Berg Plastikmüll aus. (17. August 2017)
(Bild: Fayaz Aziz) Mehr...