Hier sollen gestresste Manager zu besseren Menschen werden

In Laax ist für 250 Millionen Franken ein exklusives Achtsamkeitszentrum geplant – in einer Landwirtschaftszone. Kritiker sprechen vom Ausverkauf der Heimat.

Endloses Licht: Das Zentrum «Anaram» oberhalb von Laax soll Ruhe für gestresste Entscheidungsträger bringen. Visualisierung: PD

Endloses Licht: Das Zentrum «Anaram» oberhalb von Laax soll Ruhe für gestresste Entscheidungsträger bringen. Visualisierung: PD

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Die Welt retten. Kleiner geht es offenbar für Pino E. Zünd nicht, wenn er vom Bauprojekt spricht, das ob Laax in den Hang hinein gebaut werden soll. Der Immobilienmakler ist Teil einer gut zwölfköpfigen Gruppe, die in den Bündner Bergen ein Achtsamkeitszentrum für die globale Managerelite errichten will. «Anaram», endloses Licht, heisst es. Es soll Ruhe für gestresste Entscheidungsträger bringen, Ruhe, um etwas zu finden, was viele auf dem Weg an die Spitze verloren zu haben scheinen: sich selbst. «So wollen wir diesen einflussreichen Menschen dazu verhelfen, ­bessere, sozialere und nachhaltigere Entscheide treffen zu können», sagt Zünd durchs Telefon.

Der Rheintaler ist gerade in Bali, doch in diesem Moment ganz bei seinem Projekt in den Bergen. Er bezeichnet es als «absolute Herzensangelegenheit». Zünd spricht von einer volkswirtschaftlichen Sensation, von einem Paradigmenwechsel in jenen Kreisen, die die Welt massgeblich beeinflussen. Natürlich ist das verrückt, sagt er und lacht dabei fröhlich durch den Hörer. Aber bereits Apple-Gründer Steve Jobs habe ja gesagt, dass nur verrückte Weltverbesserer diese auch tatsächlich verbessern.

Von einem hoch motivierten Unterländer, der gut reden könne, erzählen jene, die an der Laaxer Gemeindeversammlung im vergangenen Dezember dabei gewesen waren. Zum neunten und letzten Traktandum – «Mitteilungen und Varia» – trat ein im Dorf Unbekannter in der Aula des Schulhauses Grava zügig nach vorne und stellte im Namen der Initianten die Idee von Anaram vor.

Genörgelt wird nur im kleinen Kreis

Seit dem denkwürdigen Auftritt von Pino E. Zünd ist in der Surselva einiges in Bewegung geraten. Über das 250-Millionen-Franken-Projekt, das selbst für das dynamische Laax aussergewöhnlich ist, wird intensiv diskutiert – und ­gestritten. Offen zu seiner Kritik will im Dorf aber keiner stehen. Man tuschelt nur, nörgelt im kleinen Kreis über das seltsam wirkende Esoterikzentrum.

Doch niemand will hier ein Verhinderer sein. Zu sehr sind die Menschen hier mit der Entwicklung des Ortes verbunden. Zu sehr profitieren hier alle von den Innovationen, die Laax zu einer der reichsten Gemeinden in Graubünden gemacht haben. Aber klar ist: Der Standort gibt zu reden. Das Maiensäss weit oberhalb der Skistation, wo das Zentrum entstehen soll, liegt in der Landwirtschaftszone. Der Zonenplan müsste geändert werden. Dieser würde aus Boden, der derzeit drei Franken pro Quadratmeter kostet, plötzlich überaus wertvolles Bauland machen.

Das Maiensäss, wo «Anaram» entstehen soll, liegt in der Landwirtschaftszone (hier von der Gegenseite fotografiert). Foto: Nicola Pitaro

Die sechs betroffenen Landbesitzer, darunter auch ein bekannter Zürcher Wirtschaftsanwalt, haben bereits ihre Zustimmung zum Vorprojekt gegeben. Sie würden mit einem Schlag ein Vermögen erhalten. Was schnelles Geld für wenige in einem Dorf wie Laax bewirkt, lässt sich derzeit nur erahnen. Die ­Behörden jedenfalls weisen beflissen darauf hin, dass zwei Drittel des ­Verkaufspreises dank Gewinnsteuer und Ausgleichszahlung direkt wieder zur Allgemeinheit zurückfliessen. Zudem verspricht das Zentrum, 200 Stellen zu schaffen. Starke Argumente in einer Gemeinde mit knapp 2000 Einwohnern.

Und trotzdem gibt es auch jene, die vom Ausverkauf der Heimat sprechen, die das von einem alten Fichtenwald umschmeichelte Naturidyll bewahren wollen. Nicolas Zogg von den Bündner Grünen spricht stellvertretend für diese Fraktion. Er sagt: «Ein solches Projekt hat in einer Landwirtschaftszone nichts zu suchen. Wir werden die weiteren Schritte zusammen mit den Umweltverbänden sehr kritisch im Auge behalten. Denn wir wollen nicht, dass die Bergwelt an den Meistbietenden verscherbelt wird – schon gar nicht unter dem Deckmantel der Achtsamkeit.»

Es steht viel auf dem Spiel

Der Kampf um die Bergidylle ist jahrhundertealt. Seit Hoteliers Ende des 19. Jahrhunderts begannen, riesige ­Belle-Epoque-Gebäude in die unberührte Natur zu stellen, wird um jeden Quadratmeter Bauland in den Alpen gerungen. Es geht dabei immer um die gleiche Frage: Wie viel Entwicklung erträgt eine Region, die so sehr Kapital aus ihrer unberührten Natur schlägt?

Für Urs ­Wagenseil, Co-Leiter an der Hochschule Luzern, im Institut für ­Tourismus, ist diese Frage von grundlegender gesellschaftlicher Relevanz. «Denn eigentlich geht es ja darum, ob wir periphere Bergtäler als Lebens- und Wirtschaftsraum nutzen wollen oder nicht.» Ohne Impulse zur Entwicklung kann laut dem Touristiker die ohnehin voranschreitende Bergflucht kaum ­gebremst werden. «Dass das leider seinen Preis hat, in diesem Fall in Form einer Überbauung in der Landwirtschaftszone, muss den Menschen bewusst sein.»

Wagenseil schätzt das Projekt im gut erschlossenen Laax trotz der nötigen Umzonung als nachvollziehbar ein. Dass hier auf das Thema Gesundheit gesetzt wird, macht für ihn durchaus Sinn. Denn auch im Tourismus wird dieser Aspekt eine immer grössere Rolle spielen. Zudem stehe ein solches Zentrum in der Schweizer Tradition von Höhenkliniken und Sanatorien.

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Als Aussenstehender erwähnt er noch den Aspekt der möglichen Ganzjährigkeit des Betriebs. In Zeiten, in denen die Tage, an denen Ski gefahren wird, stetig zurückgehen, ist dies für jedes Skigebiet immer wichtiger. «Seit 20 Jahren spricht die Branche in den Alpen davon, die Sommersaison zu stärken. Nur: Die Möglichkeiten sind begrenzt.»

Für eine Gemeinde wie Laax steht also viel auf dem Spiel. Sie muss sich auch für eine schneearme Zukunft rüsten. Die Wiese im sonnigen Lavanuzgebiet soll bald bebaut werden können, der Spatenstich in nicht einmal zwei Jahren erfolgen. Die Gemeinde macht vorwärts, und die lokale Raumplanerin brütet derzeit über diversen Zonenkarten. Die sieben Hektaren Land sollen schliesslich kompensiert werden.

Bald steht ein nächster Besuch der Initianten zusammen mit Gemeindevertretern beim Kanton an, später auch beim Bund. Und noch in diesem Jahr sollen die Laaxerinnen und Laaxer in einer Abstimmung grünes Licht geben für die meditierenden Manager. Vielleicht lassen sie sich auch vom Argument überzeugen, mit weniger gestressten Managern die Welt retten zu können. Kleiner geht es nicht.

Erstellt: 14.01.2020, 07:32 Uhr

Anaram – Zentrum für Achtsamkeit

Auf rund 6 Hektaren soll ein vom Stararchitekten Matteo Thun erbautes Zentrum für gestresste Topmanager entstehen. Die dafür nötigen 250 Millionen Franken sollen von privaten Investoren aus der Schweiz und Europa stammen. Geld aus dem arabischen Raum soll keines dabei sein, lassen die Initianten verlauten. 100 Einzelsuiten werden in den Boden gebaut, es wird einen Wellness­bereich geben, Seminarräume und eine Aula. Jedem Gast steht ein persönlicher ­Betreuer zu. Die Aufenthaltsdauer liegt bei mindestens vier Tagen. Es gibt kein W-LAN und keinen Handyempfang. Es geht darum, durch diverse Achtsamkeitstechniken, Yoga und Ähnliches die inneren Kräfte zu mobilisieren, Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden. Verantwortlich für das Programm wird Petra Maria Heeb sein, die bereits solche Kurse für die deutsche SAP leitet. Vorher muss aber einer Einzonung des Landwirtschaftslands zugestimmt werden. Die Laaxer Bevölkerung soll noch in diesem Jahr dazu befragt werden. (cix)

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