Hier wird der TGV zum Bummler

165 Millionen Franken hat die Schweiz in die «Karpaten-Bahn» investiert. Doch Frankreich erfüllte nicht alle Versprechen.

Schweizer Beteiligungen an ausländischen Bahnstrecken

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Gäbe es einen Preis für die malerischste TGV-Strecke, stünde die Siegerin fest: die Haut-Bugey-Linie. Die 65 km lange und grösstenteils einspurige Strecke zweigt in Bellegarde von der Hauptlinie Genf–Lyon ab. Das Trassee windet sich durch Schluchten hinauf zu zwei verträumten Seen und überquert einen pittoresken Viadukt. Im Volksmund heisst die Linie «Karpaten-Bahn», weil die Landschaft dem Gebirgszug dieses Namens in Osteuropa ähnlich sieht.

Auf den Fahrplanwechsel vom 12. Dezember erwacht die Haut-Bugey-Linie aus einem 20-jährigen Dornröschenschlaf. Frankreich und die Schweiz investierten nahezu eine halbe Milliarde Franken, um sie instand zu stellen und so die Strecke des TGV Genf–Paris um 47 Kilometer zu verkürzen. Der Bund beteiligt sich mit pauschal 165 Millionen Franken. Sie stammen aus einem Kredit von 1,1 Milliarden Franken, den die eidgenössischen Räte 2005 für den Anschluss der Ost- und der Westschweiz ans Europäische Eisenbahn-Hochleistungsnetz (HGV) bewilligt haben.

Von «Hochleistung» keine Spur

Von Hochleistung kann bei der «Karpaten-Bahn» jedoch keine Rede sein. Abgesehen von einem kleinen Teilstück, das eine Geschwindigkeit von 120 km/h erlaubt, bummeln die TGV auf der Haut-Bugey-Linie mit rund 80 km/h und passieren dabei 41 Niveauübergänge.

Vor der Wiedereröffnung dieser Nebenlinie wurde in der Genfer Presse Kritik laut: Die Fahrzeit nach Paris wird nämlich nicht – wie versprochen – von dreieinhalb auf drei Stunden verkürzt, sondern lediglich auf drei Stunden und fünf Minuten bei der schnellsten Verbindung. Zudem setzt TGV Lyria, die alle Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Paris und der Schweiz betreibt, auf der Strecke nach Genf 35 Jahre altes Rollmaterial ein. «Die 19 Einheiten werden aber in Etappen bis 2013 renoviert», sagt Sprecherin Monica Hug.

Beim Bundesamt für Verkehr (BAV) ist man mit der verkürzten Fahrzeit «nicht vollständig zufrieden». Die Investition in die Haut-Bugey-Linie habe sich dennoch gelohnt, beteuert Sprecherin Florence Pictet. Das BAV sehe zwar noch Verbesserungsmöglichkeiten. Dafür wären aber «bedeutende Summen» nötig.

Regionalpolitische Rücksichten

Die finanzielle Beteiligung der Schweiz an Ausbauten aller TGV-Linien, welche die Westschweiz sowie Bern mit Paris verbinden, hatte regionalpolitische Gründe. «Die 1,1 Milliarden für den HGV-Anschluss waren eine Kompensation für Regionen in der Ost- und der Westschweiz, die von den Neuen Alpentransversalen nicht profitieren», erinnert sich der grüne Genfer Ständerat und ehemalige Verkehrs- und Umweltdirektor seines Kantons, Robert Cramer.

Wie stark der regionalpolitische Reflex noch immer ist, hat sich vor einem Jahr gezeigt. Damals reduzierte TGV Lyria das Angebot auf der Linie Bern–Neuenburg–Paris wegen des geringen Verkehrsaufkommens auf eine Hin- und Rückfahrt pro Tag. Entlang der bedrohten TGV-Linie löste dies einen Sturm der Entrüstung aus. Die Kantone Neuenburg und Bern rangen TGV Lyria das Versprechen ab, die einzige tägliche TGV-Verbindung mindestens fünf Jahre aufrechtzuerhalten. Zudem griffen die beiden Kantone und die französische Region Franche-Comté in den eigenen Sack, damit pro Tag zwei Regio-Express-Züge den Anschluss an die TGV-Linie Lausanne–Vallorbe–Paris in Frasne sicherstellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2010, 21:42 Uhr

Ausnahmsweise freie Fahrt: Auf der Haut-Bugey-Linie können die TGV jedoch nur mit rund 80 km/h fahren und passieren
dabei 41 Niveauübergänge. (Bild: Keystone )

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