«Hinter der Maske sind Gespenster»

Die politische Lage Frankreichs ist in einem desolaten Zustand, sagt Jean Ziegler. Der Front National habe die negative Stimmung aufgegriffen und sich zur Protestpartei entwickelt.

«Hollandes Regierung ist eine der lausigsten, die Frankreich je hatte: Jean Ziegler, emeritierter Soziologieprofessor.

«Hollandes Regierung ist eine der lausigsten, die Frankreich je hatte: Jean Ziegler, emeritierter Soziologieprofessor. Bild: Keystone

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Herr Ziegler, in der ersten Runde der Kommunalwahlen machte der Front National das beste Resultat seit je. Warum erlebt die Partei gerade jetzt solch grossen Zuspruch?
Das französische Volk hat sich an der Urne sehr negativ ausgedrückt. Da ist erst einmal die ganz niedrige Stimmbeteiligung von 61,3 Prozent. Und zweitens hat der Front National unglaubliche Durchbrüche in den ärmsten und proletarischsten Wahlbezirken erzielt. Hénin-Beaumont, wo Steeve Briois zum Bürgermeister gewählt wurde, ist der Inbegriff einer verwüsteten Minenstadt. Der Front National ist heute die Protestpartei par excellence.

Wie schätzen Sie die Partei ein?
Sie ist historisch gesehen rechtsextrem. Der Gründer, Jean-Marie Le Pen, war Folteroffizier in Algerien. Danach kam er zurück und hat zahlreiche rechtsextreme Gruppierungen in den Front National eingebunden. Vor zwei Jahren ist er zurückgetreten und hat seine zweitälteste Tochter zu seiner Nachfolgerin bestellt. Diese hat die Strategie umgekrempelt. Sie ging weg vom Brutalo-Rassismus und wandelte die Partei in eine systemkritische Oppositionsbewegung.

Sie sehen darin aber nur eine stilistische Fassade.
Klar, Marine le Pen macht stilistische Schönheitschirurgie.

Für Sie ist die Partei also nach wie vor gefährlich?
Hinter der Maske der relativ zivilisierten blonden Frau Le Pen sind Gespenster am Werk. Ihr Lebensgefährte, Louis Aliot, ist ein richtiger Rechtsextremer wie auch ihr Vater. Sie plädieren für weisse Suprematie. Sie sind Rechtsextreme wie Ulrich Schlüer von Oerlikon. Vielleicht hat Aliot eine Nazifahne auf dem Estrich, das weiss man nie. Der Front National hat unter den rechtsextremen Parteien zudem eine Führungsrolle in Europa. Oskar Freysinger geht ja an fast jeden Kongress des Front National.

Übertreiben Sie da nicht?
Es gibt eine europäische Bewegung: Geert Wilders, Viktor Orban, die Lega Nord in Italien, organisch ist auch der rechte Flügel der SVP mit ihr verbunden. Eines der grossen Wahlargumente des Front National ist ja die Dämonisierung des Islamismus. Ihr Slogan ist: Der Islam ist eine tödliche Bedrohung für die Zivilisation und wenn wir nicht aufpassen, ist Frankreich bald ein islamisches Land. Marine Le Pen pflegt diese Kreuzritterideologie.

Dass diese Partei aber gerade die Angst vor den Moslems und Immigranten so bewirtschaften kann, hat wohl auch damit zu tun, dass die Konservativen und die Sozialisten Probleme mit den Immigranten nicht erkannt haben.
Das sehe ich nicht so. Es gibt keine Entschuldigung für Xenophobie. Was richtig ist: Der Raubtierkapitalismus, wie er heute von Präsident Hollande und unserem jämmerlichen Bundesrat gefördert wird, verunsichert die Leute. Der archaische Mythos der angeblich gefährdeten Identität, der am 9. Februar in der Schweiz gewonnen hat, wird so gestärkt. Die europäischen Regierungen verwüsten den Sozialstaat und gefährden die soziale Sicherheit.

Als wie desolat würden Sie die politische und wirtschaftliche Lage Frankreichs einschätzen?
Hollande ist ein lieber Mensch, ich kenne ihn wirklich gut von der sozialistischen Internationalen. Er ist hochkultiviert und gescheit, aber ich will nicht persönlich werden. Also: Die Partei ist in einem desolaten Zustand. Sie hat in den letzten 22 Monaten etwa ein Drittel der Mitglieder verloren. Hollande hat sein Programm nicht umgesetzt. Alle zwei Wochen, wenn ich in Paris bin, hat es mehr ­Obdachlose an den Metroeingängen. Hollandes Regierung ist eine der lausigsten, die Frankreich je hatte.

Können Sie das weiter ausführen?
Die Arbeitslosigkeit ist bei 10,2 Prozent, die Armut, die Steuern für niedrige und mittlere Einkommen sind gestiegen. Hollande hat keine Reichtumssteuer durchgesetzt, eines seiner grossen Wahlversprechen. Das Staatsdefizit ist explodiert. Das Aussenhandelsdefizit ist explodiert und Hollande macht eine Austeritätspolitik auf Kosten der armen und ärmsten Bevölkerung. Hollande setzt sozusagen das Programm der Economiesuisse um. Dabei ist er Sozialist.

Mittlerweile dominiert Deutschland die EU alleine. Wie stark kränkt das die Befindlichkeit der Franzosen?
Frankreich ist immer noch eine Weltmacht. Frankreich hat einen permanenten Sitz im UNO-Sicherheitsrat. Es ist immer noch eine Nuklearmacht und immer noch eine internationale Militärmacht. Technologisch ist das Land hochbegabt, entwickelte einen TGV und einen Airbus. Es ist eine Kulturnation, aber das Land schreitet dem wirtschaftlichen Ruin entgegen. Das ist für Europa sehr ­gefährlich.

Was bedeutet das für die Schweiz?
Das ist ganz einfach: Es werden noch mehr Grenzgänger kommen. Heute sind es allein in Genf schon 70000.

Was hat sich verglichen zum Frankreich, das Sie seit Jahrzehnten kennen, geändert?
Die schleichende Erosion des Selbstbewusstseins, des Nationalstolzes. Frankreich ist das Vaterland der Revolution von 1789, die die Welt verändert hat. Die Grande Nation ist noch da, im Unterbewusstsein. Die Franzosen vergleichen ihr Land mit der Grande Nation, wie sie sie von den Schulbüchern kennen. Da können sie nur enttäuscht sein. Gleichwohl: Es bleibt ein wunderbares Land, es bleibt ein wunderbares Volk. Die politische Klasse aber ist mehrheitlich verkommen von links bis rechts, einfach jämmerlich.

Wieso genau?
Eines der Hauptprobleme ist der Jakobinismus. Die Zentralisierung, die Frankreich zuerst gross gemacht hat, indem sie viele Völker integriert und eine grossartige Sprache geschaffen hat, ist jetzt ein Problem. Die ausufernde Bürokratie engt das Land wie eine Zwangsjacke ein.

Das tönt alles fatalistisch, irreversibel.
Sicher ist, dass es in die negative Richtung geht. Was am Sonntag passierte, ist schlimm. Marine Le Pen braucht ein anderes Vokabular als ihr Vater. Anstatt Fremdenhass sagt sie «nationale Priorität». Das tönt zivilisierter, ist aber am Ende dasselbe.

Erstellt: 25.03.2014, 11:09 Uhr

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