Hirslanden in der Schuldenfalle

Die Privatklinikgruppe Hirslanden drückt eine grosse Schuldenlast. Das ist wohl mit ein Grund, warum Hirslanden auch ins Geschäft mit Grundversicherten drängt, um zu wachsen.

2012 voraussichtlich auf der Zürcher Spitalliste: Die Klinik Hirslanden in Zürich.

2012 voraussichtlich auf der Zürcher Spitalliste: Die Klinik Hirslanden in Zürich. Bild: Alessandro Della Valle/Keystone

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Die Privatklinikgruppe Hirslanden haftet für 2,4 Milliarden Franken Kredite – dem Doppelten ihres Umsatzes. Die finanziellen Eckdaten der grössten Schweizer Privatspitalgruppe hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck. Hirslanden erzielte letztes Jahr eine Ebitda-Marge von 23,4 Prozent – fast ein Viertel des Umsatzes von 1,2 Milliarden Franken blieb als Betriebsertrag vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen hängen. Die auf betuchte Kunden spezialisierte Klinikgruppe ist also sehr profitabel.

Wenn da nicht die vielen Schulden wären. Auf der Gruppe mit 14 Kliniken und 5600 Mitarbeitenden lasten über 2,4 Milliarden Franken Schulden. Der Schuldenberg ist doppelt so hoch wie der Umsatz im letzten Jahr. Vom Betriebsertrag vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 285 Millionen Franken geht mehr als die Hälfte allein für den Zinsendienst drauf. Nach Abzug von Abschreibungen und Steuern bleiben nur noch 41 Millionen Franken Gewinn. Hirslanden veröffentlicht keinerlei Finanzzahlen, diese gehen aus Geschäftsberichten der Eigentümerin Mediclinic in Südafrika hervor.

Viel zu teuer gekauft

Wie kommt Hirslanden zu dieser Schuldenlast? Die Klinikgruppe wurde 2007 von der britischen BC Partners für 2,84 Milliarden Franken an Mediclinic verkauft. Inklusive der übernommenen Schulden betrug der Preis 3,6 Milliarden Franken. Mediclinic zahlte mehr als das 17-Fache des damaligen Ebitda.

«Der Übernahmepreis reflektiert die sehr hohen Preise, die vor der Finanzkrise bezahlt wurden», sagt ein im Gesundheitswesen erfahrener Übernahmespezialist: «Selbst für hoch rentable Privatkliniken zahlen Käufer heute nur 8- bis höchstens 12-mal das Ebitda.» Die südafrikanische Mutter Mediclinic wurde im Januar an der Börse mit gut 8-mal dem Ebitda bewertet – liegt also selbst beim heute viel tieferen Wertniveau noch am unteren Ende.Die Südafrikaner finanzierten die Übernahme zu über 80 Prozent auf Kredit &endash und bürdeten die Schulden der Hirslanden-Gruppe auf. Ein Vorgehen, das damals im Börsenboom häufig praktiziert wurde. «Dieser Kredit über rund 2,4 Milliarden Franken lastet nun zwar auf Hirslanden», bestätigt ein Hirslanden-Sprecher dem TA, der Verschuldungsgrad von Mediclinic sei aber «durchaus adäquat». Doch der hohe Schuldenstand schlägt sich auch bei der Mutterfirma nieder: Der Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme liegt bei Mediclinic bei wenig komfortablen 24 Prozent.Kommt hinzu, dass der Schuldenberg in den letzten Jahren nicht kleiner geworden ist. «Hirslanden kann diesen Kredit absehbar nicht aus eigener Kraft amortisieren», anerkennt Hirslanden. Das sei «nicht das primäre Ziel», zudem gebe es «mittelfristig auch internationale Finanzierungslösungen».

Steigen die Zinsen, wird es eng

Für die Milliardenschulden haftet Hirslanden selbst, «als Sicherheit dienen hier in erster Linie die Immobilien der einzelnen Kliniken» in der Schweiz, heisst es bei der Spitalgruppe. Deren Verkehrswert übersteige die Schulden. Das ist gut für die Geldgeber, hilft Hirslanden aber wenig, wenn der Ertrag aus irgendwelchen Gründen unverhofft nicht mehr so reichlich fliessen sollte.

Die Schulden sind eine arge Belastung. Mediclinic habe bisher «keinerlei Dividenden oder Gewinnausschüttungen aus der Schweiz» erhalten, sagt Hirslanden. Wenn Hirslanden trotzdem nur 41 Millionen Gewinn macht, bleibt wenig Spielraum für Fehler – oder für negative Überraschungen. Sollte das extrem tiefe Zinsniveau der letzten Jahre plötzlich deutlich ansteigen, etwa wegen der expansiven Geldpolitik der Nationalbank, wird es eng für Hirslanden.

Drang zu staatlichen Geldtöpfen

Hirslanden sucht den Ausweg im Wachstum. Die Gruppe investiere pro Jahr gegen 150 Millionen in Erweiterung und Unterhalt der Spitäler, sagt ein Sprecher. Im Herbst wurde die Klinik Stephanshorn mit 85 Betten übernommen. Doch die Profitabilität nimmt nur noch marginal zu, das Wachstum flacht ab.

Jüngst drängt es Hirslanden darum auch zu staatlichen Geldtöpfen, die bislang den öffentlichen Spitälern vorbehalten waren. Die Klinik Hirslanden in Zürich – die grösste der Gruppe – figuriert 2012 aller Voraussicht nach auf der Spitalliste. Was die Klinik wegen der neu geregelten Spitalfinanzierung zu Kantonsbeiträgen berechtigt. 49 Prozent der Spitalfinanzierung kommen künftig von den Kassen, 51 Prozent kommen vom Kanton.

Den Staatsbeitrag erhält die Klinik auch für ihre vielen Kunden mit Zusatzversicherung. Hirslanden werden Dutzende Millionen Franken an Kantonsbeiträgen zufliessen. Im Gegenzug sollen aber die Prämien sinken. Das System der Zusatzversicherungen reagiere sehr träge, sagt ein Tarifspezialist vom Kanton, Prämiensenkungen gebe es nur vereinzelt und nur sehr bescheidene. Kurz: für ein kosteneffizientes Spital wie Hirslanden ein lohnendes Geschäft.Ob die Offensive gelingt, ist unsicher. Hirslanden ist nur befristet bis 2013 auf der Liste. Zudem kommt das neue Zürcher Spitalgesetz 2012 vors Volk. Setzen sich SP und VPOD in der Abstimmung durch, muss das Gesetz um einen Passus ergänzt werden, wonach Spitäler einen Teil der Gewinne mit Zusatzversicherten abliefern müssen. Wenn dies so kommt, will Hirslanden «ernsthaft prüfen, den Listenplatz wieder abzugeben». Damit entfiele aber auch eine neue Einkommensquelle, um den Schuldenberg wenigstens anzuknabbern.

Erstellt: 10.09.2011, 15:13 Uhr

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