Hobbyarchäologen machen Probleme

Private Schatzsucher reissen sich – ausgerüstet mit Metalldetektoren – immer wieder historisch wertvolle Fundstücke unter den Nagel. Sie davon abzuhalten ist schwierig. So auch in Augusta Raurica.

Strafbar: Schatzsuche mit Metalldetektor in Augusta Raurica. Auf eigene Faust nach antiken Gegenständen zu suchen, ist verboten.

Strafbar: Schatzsuche mit Metalldetektor in Augusta Raurica. Auf eigene Faust nach antiken Gegenständen zu suchen, ist verboten. Bild: Augusta Raurica

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Der Fall des Walliser Polizeikommandanten Christian Varone sorgte in den letzten Tagen für Aufsehen. Weil auf der Heimreise von den Ferien in der Türkei in seinem Gepäck ein Stein gefunden wurde, der von einer archäologischen Stätte stammte, wurde er in Untersuchungshaft genommen. Nun läuft ein Verfahren wegen Verdachts auf versuchten Diebstahl von Kulturgütern.

Was auf den ersten Blick absurd tönt, hat durchaus einen wissenschaftlichen Grund, denn was für die Archäologen von Bedeutung ist, kann von Laien meist gar nicht beurteilt werden: «Für uns haben auch Scherben einen wissenschaftlichen Wert», sagt Dani Suter, Leiter Augusta Raurica. «Sie sind ein Teil des Puzzles, das am Ende ein Gesamtbild gibt.» So können etwa anhand der Anzahl und der Beschaffenheit von Keramik Rückschlüsse auf Gebäude und ihre Bewohner gezogen werden.

Auch in der Schweiz ist die recht­liche Lage eindeutig: «Archäologische Objekte von wissenschaftlichem Wert gehören dem Staat», hält Suter fest. Der sicherlich aufsehenerregendste Fall ist jener vom Silberschatz von Kaiseraugst, als sich 1962 auf einer Baustelle vermeintlicher Metallschrott als römische Prunkgeschenke herausstellte.

Dieser Fund hallt offenbar bis heute nach. Denn neben unbedachten Souvenir­­jägern machen immer wieder Hobbyarchäologen, Schatzjäger bis hin zu skrupellosen Grabräubern den Wissenschaftlern zu schaffen. Mit Metalldetektor und Schaufel ausgerüstet versuchen sie in und um Augusta Raurica ihr Glück – zumeist nachts. «Da wird teilweise richtiggehend alles durchwühlt», so der Baselbieter Kantons­archäologe Remo Marti.

Busse von bis zu 100'000 Franken

Am Morgen zeugen dann Löcher im Boden von den nächtlichen Aktivitäten, zuletzt vor wenigen Monaten auf der Ausgrabungsstätte Kaiseraugst-Wacht. «In der Regel haben sie es auf Münzen abgesehen», sagt Suter. Dabei werde deren Handelswert oft überschätzt, «aber der wissenschaftliche Schaden ist sehr hoch. Die Erkenntnisse über den archäologischen Zusammenhang sind in den meisten Fällen unwiederbringlich verloren.» Denn als Einzelstücke verlieren die Fundstücke an ­historischer Aussagekraft. Die Verantwortlichen bringen die Fälle konsequent zur Anzeige. Polizeipatrouillen und eine sensibilisierte Nachbarschaft sollen die Bemühungen unterstützen. Zusätzlich weisen Plakate darauf hin, dass das Behändigen von archäologischen Fundstücken mit einer Busse von bis zu 100'000 Franken bestraft werden kann. Bereits das systematische Absuchen von Feldern, Äckern und Wäldern ist verboten.

Doch Unverbesserliche lassen sich auch davon nicht abschrecken. Das liegt auch daran, dass es für derlei Antiquitäten immer noch einen florierenden Schwarzmarkt gibt. Immerhin: Seit die Schweizer Archäologen intervenierten, können die antiken Fundstücke nicht mehr über die bekannten Online-Auk­tionsbörsen versteigert werden.

Unbekannte Grabräuber

«Die Dunkelziffer ist hoch», meint auch Marti: «Es kommt immer wieder vor, dass uns Leute Jahre oder zum Teil Jahrzehnte später etwas abgeben, das sie gefunden und eingesteckt haben.» Mittlerweile sind die Wissenschaftler vorsichtig geworden: «Das Problem ist, dass man die Grabstätten meist nur sehr schlecht absperren kann», so der Basler Archäologe Norbert Spichtig.

Zu was die Grabräuber imstande sind, mussten er und seine Kollegen bei den Ausgrabungen rund um den Münsterhügel vor ein paar Jahren merken. Unbekannte buddelten Knochen eines freigelegten Skeletts aus. «Im öffentlichen Raum sind solche Taten leider immer ein Thema, wenn man eine Ausgrabungsstätte erschliesst», sagt Spichtig. Glücklicherweise sei die Lage in der Stadt ein bisschen einfacher, weil praktisch das ganze Gebiet komplett überbaut ist. «Auf dem Land ist man natürlich deutlich weniger exponiert.»

Zur Vorbeugung informieren die Archäologen mittlerweile erst, wenn die Ausgrabungsstätten ausgewertet und die wertvollen Fundstücke in Sicherheit sind. Und auch dann herrscht immer noch grösste Zurückhaltung. So wird der genaue Fundort der jüngsten Entdeckung – der Silberschatz von Füllinsdorf, bestehend aus 298 Münzen aus der Keltenzeit – noch immer geheim gehalten, weil zu viele Fragen offen sind.

Erstellt: 03.08.2012, 11:25 Uhr

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