«Hoch qualifizierte Ausländer gehen wieder, die Problemfälle bleiben»

Die Sesshaftigkeit von Zuwanderern nimmt mit steigendem Bildungsstand ab, sagt der Ökonom George Sheldon am Europa-Forum. Er fordert daher neue ausländerpolitische Steuerungsinstrumente.

«Die Schweiz steuert die Zuwanderung blind»: George Sheldon, Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie der Uni Basel, kritisiert das Vorgehen der Schweiz. (Archivbild)

«Die Schweiz steuert die Zuwanderung blind»: George Sheldon, Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie der Uni Basel, kritisiert das Vorgehen der Schweiz. (Archivbild) Bild: Keystone

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Herr Sheldon, Sie sagen, die Schweiz steuert die Zuwanderung blind. Warum?
Zuwanderung ist nicht gleichbedeutend mit dem langfristigen Bestand an Ausländern. Über diesen hat die Schweiz keine Kontrolle, weil sie die entsprechenden Zahlen nicht erhebt. Meine Untersuchungen zeigen: Hoch qualifizierte Ausländer kommen und gehen, schlecht qualifizierte bleiben. So kann es sein, dass zwar gegenwärtig 50 bis 60 Prozent der Zuwanderer Akademiker sind. Der langfristig daraus resultierende Ausländerbestand besteht aber zu 50 bis 60 Prozent aus Ungelernten.

Was sind die Konsequenzen?
Momentan ist man in der Schweiz euphorisch, weil 50 bis 60 Prozent der Zuwanderer Akademiker sind, was zu einer guten Fiskalbilanz führt. Diese Leute bringen mehr ein, als dass sie Leistungen beanspruchen. Nur verlassen sie die Schweiz wieder. Wer bleibt, sind die Problemfälle.

Dann haben wir langfristig eine Zuwanderung ins Sozialsystem?
Das könnte das Resultat sein. Allerdings hat die Schweiz im Vergleich zu allen OECD-Ländern bei der Akademikerquote den grössten Sprung gemacht. Momentan sind 35 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung Akademiker. Bleibt das Bildungswahlverhalten der Jugendlichen konstant, dann werden wir 2030 einen Akademikeranteil von 55 Prozent haben. Das ist gut für die Sozialwerke, weil besser Ausgebildete länger erwerbstätig sind.

Zurück zur Zuwanderungssteuerung: Wäre es wünschenswert, dass hoch Qualifizierte hier bleiben und Ungelernte wieder gehen?
Das dürfte schwierig sein. Für einen hoch Qualifizierten spielt es keine Rolle, ob er in Zürich oder in München arbeitet, Arbeitsbedingungen und Löhne sind in etwa gleich. Damit schlecht Qualifizierte bereit sind, wieder zu gehen, müssen sich ihre Verhältnisse in der Schweiz hingegen stark verschlechtern. Zudem ziehen schlechter Qualifizierte öfter ihre Familie nach als Akademiker. Man weiss aus Deutschland auch, dass jene Türken zurück in die Heimat gehen, die in Deutschland voll integriert waren. Denn sie sind in der türkischen Exportindustrie gefragt. Ihre ungelernten Arbeitskräfte will die türkische Wirtschaft nicht zurück.

Sie nennen die Arbeitslosenversicherung als Steuerungsinstrument. Wie soll das gehen?
Mit risikoabgestuften Unternehmensbeiträgen. Wer hohe Kosten verursacht, bezahlt höhere Beiträge. Heute subventionieren Unternehmen mit stabiler Beschäftigungslage jene mit instabiler Lage. So zahlen Bau- und Gastgewerbe ein Drittel oder die Hälfte dessen ein, was sie an Leistungen auslösen. Das entspricht jährlich einer Milliarde Franken. Abgestufte Beiträge erhöhen den Anreiz, stabile Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen, statt auf Ungelernte zurückzugreifen.

Funktioniert das System nur in der Schweiz so?
Nein, generell in Europa. Nur Schweden ist eine Ausnahme. Dort zahlen die Unternehmen ebenso wie in den USA risikoabgestufte Beiträge. In den USA wurden diese übrigens auf Druck der Gewerkschaften eingeführt. Sie befürchteten, dass ohne Abstufung der Anreiz für die Unternehmen gross wäre, Leute zu entlassen. In Europa dagegen forderten die Gewerkschaften gestützt auf das Solidaritätsprinzip einheitliche Prämien. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.04.2012, 11:52 Uhr

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Die Personenfreizügigkeit hat für die Schweiz viele positive Effekte. Doch die verstärkte Zuwanderung von hoch Qualifizierten birgt laut George Sheldon langfristig auch Gefahren.

Die Bilanz von George Sheldon fällt positiv aus: «Die Personenfreizügigkeit ist für die Schweiz bislang ein gutes Geschäft.» Dafür liefert der amerikanische Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie an der Uni Basel auch Beispiele. So habe die Zuwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte etwa zu einem Anstieg der Arbeitsproduktivität geführt, deren Wert er mit rund
2,4 Milliarden Franken beziffert.

Dauerhaft angehoben worden sei aber auch das Tempo des Wirtschaftswachstums, woraus ein zusätzlicher Gewinn von 0,7 bis 1,5 Milliarden Franken resultiert habe. Weiter nennt Sheldon die verbesserte Fiskalbilanz der Ausländer: Diese habe bereits 1990 einen positiven Saldo gehabt, der sich seither nochmal um rund die Hälfte erhöht haben dürfte. Noch bedeutender schätzt der Ökonom die gesparten Hochschulkosten ein: «Die Bildungskosten fallen im Ausland an, die Bildungsrenditen hingegen in der Schweiz.»

Laut Sheldons Untersuchungen lässt sich statistisch auch kein allgemeiner Lohnverfall als Folge der Zuwanderung aus den alten EU-Ländern nachweisen: «Hoch qualifizierte Ausländer und Inländer konkurrenzieren sich nicht, sondern ergänzen sich», schliesst Sheldon daraus. Anders sei es bei den niedrig Qualifizierten aus Drittstaaten, deren Lohn um 6 Prozent gesunken sei. Die hohe Ausländerarbeitslosigkeit schliesslich habe nichts mit der Personenfreizügigkeit zu tun: «Es sind Altlasten der früheren und heute nicht mehr zeitgemässen Ausländerpolitik», so Sheldon.

Er fordert daher neue Steuerungsinstrumente (s. Interview): Bis anhin versuche die Schweiz, die Ausländerpolitik ausschliesslich über die Zuwanderung zu steuern: «Entscheidend ist aber der langfristige Ausländerbestand und der richtige Qualifikationsmix.» Ignoriere man dies weiter, führe das früher oder später zu Problemen. Denn das Rotationsprinzip funktioniere nur bei den hoch Qualifizierten.

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