Der Foie-gras-Graben

Der Import «tierquälerisch erzeugter Produkte» soll verboten werden. Mit Ausnahmen, beispielsweise die in der Romandie beliebte Stopfleber.

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Er habe das Thema Foie gras unterschätzt, sagt Matthias Aebischer. «Ich wusste nicht, dass es in der Schweiz einen Foie-gras-Graben gibt.» Der Berner Nationalrat hatte im Juni überraschend einen Vorstoss für ein «Importverbot für tierquälerisch erzeugte Produkte» durch den Nationalrat gebracht – und musste danach heftige Kritik einstecken. Eine «jahrhundertealte kulinarische Tradition» sahen Politiker aus der Romandie bedroht, weil Aebischer mit seinem Vorstoss explizit auch auf Stopfleber zielte, die durch die Zwangsfütterung von Gänsen und Enten gewonnen wird. Der «Foie-gras-Graben» zeigt sich laut Aebischer auch in den Medienberichten zum Thema: Während diese in der Deutschschweiz mit dem Stopfen von Gänsen bebildert worden sei, habe man in der Romandie ihn gezeigt, «als der, der uns Foie gras verbieten will».

Zum Kulturkampf zwischen Deutsch- und Westschweiz wird es aber nicht kommen. Die Waadtländer SP-Ständeratin Géraldine Savary wird laut Aebischer am Donnerstag in der ständerätlichen Wirtschaftskommission den Antrag stellen, die Motion um eine Ausnahme für Foie gras zu ergänzen, um das Begehren zu entschärfen. Savary war bis am Dienstagabend nicht erreichbar, um ihre Motive zu erläutern. Dem «Blick» hat sie aber bereits früher zu Protokoll gegeben, Foie gras sei ein «ganz zentraler Bestandteil unserer Küche».

Für die Gänse sind die Zwangsfütterungen eine Qual: Gänsemast in einem Betrieb in Frankreich. (Bild: Keystone)

Neben den Romands versuchte Aebischer in den vergangenen Wochen zahlreiche andere Interessensgruppen zu beruhigen. Jüdische Organisationen befürchteten ein Verbot von Schächtfleisch, die Fleischbranche eines von neuseeländischem Lamm und oder brasilianischen Zebudärmen. Für Aebischer ist aber klar, dass die Religionsfreiheit und internationale Verpflichtungen sowieso eine Ausnahme für Schächtfleisch bedingen würden.

Den Fleischimporteuren wiederum hofft er die Angst vor Einschränkungen genommen zu haben. «Es geht nicht um Vorschriften über die Coupierung von Schwänzen oder die Hornlänge», sagt Aebischer. «Es geht um Tierquälerei.» Als Beispiele nennt er Schlangenleder, das durch Häutung lebendiger Tiere gewonnen werde, oder Pelze von Säugetieren, die in Käfigen gehalten würden.

Aebischers Überzeugungsoffensive haben sich auch die Tierschützer angeschlossen, die hinter seinem Vorstoss stehen. Die Alliance Animale, ein Zusammenschluss mehrerer Tierschutzorganisationen, argumentiert in einem Brief an die Mitglieder der ständerätlichen Wirtschaftskommission gleich wie der Berner Nationalrat: Es gehe nicht darum, den Import aller ausländischen Produkte zu verbieten, die gegen die Schweizer Tierschutzgesetzgebung verstossen würden. Vielmehr sei auf den im Tierschutzgesetz enthaltenen Tatbestand der Tierquälerei abzustellen.

«Tradition ist kein Argument»

Glücklich sei sie mit dem möglichen Kompromiss nicht, sagt Katharina Büttiker, Präsidentin der Alliance Animale. Die Ausnahme für Foie gras befürworte sie nur «complètement contre cœur». Wer den Import von Stopfleber befürworte, solle sich das Stopfen der Tiere einmal mit eigenen Augen ansehen. «Die Tiere können weder erbrechen noch die Nahrungsaufnahme verweigern, das ist ein unfassbares Elend», sagt die Zürcher Tierschützerin.

Die Gegenargumente der Stopfleber-Liebhaber will Büttiker nicht gelten lassen. «Die Tradition allein kann kein Argument sein – damit liesse sich jedes Elend begründen.» Ebenso wenig befürwortet Büttiker eine Ausnahme für Schächtfleisch. Sie kenne viele gläubige Juden, die eine Schlachtung von Tieren ohne Betäubung nicht für nötig hielten. Ein Importverbot mit Ausnahmen hält sie trotz ihrer kategorischen Ablehnung von Schächtfleisch und Foie gras aber für sinnvoll. «Es ist ein Fortschritt – die restlichen qualvollen Praktiken werden wir langfristig abschaffen müssen.»

Ob Aebischer und die Tierschützer die besorgten Kreise besänftigen konnten, wird sich nun zeigen. Der Fleischfachverband will sich am Mittwoch beraten, während der Verband der Uhrenindustrie, die Leder für Armbänder importiert, sich bereits dagegen ausspricht. Am Donnerstag beschäftigt sich dann die Wirtschaftskommission des Ständerats mit Aebischers Vorstoss zum Wohl der Tiere. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 18:38 Uhr

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