Hintergrund

Holzbranche empört sich über SBB

Vertreter der Holzindustrie kritisieren, dass die SBB Holzschwellen für ihre Geleise in Polen kaufen. Die Bundesbahnen würden falsche Gründe für den Auftrag vorschieben und die hiesigen Unternehmen schwächen.

Pro Jahr benötigen die SBB 215'000 neue Schwellen: Ein Arbeiter entfernt beim Bahnhof Brunnen die alten Bahnschienen und Schwellen. (Archivbild)

Pro Jahr benötigen die SBB 215'000 neue Schwellen: Ein Arbeiter entfernt beim Bahnhof Brunnen die alten Bahnschienen und Schwellen. (Archivbild) Bild: Keystone

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Die SBB kaufen erstmals 5000 Eisenbahnschwellen aus Buchenholz in Polen ein. Bisher lieferten jeweils nur zwei grosse Unternehmen solche Holzschwellen an die Bundesbahnen: die Sägerei Corbat im jurassischen Glovelier und der Gleisbauspezialist Zico im deutschen Mühlheim. Dass die SBB nun die Warschauer Konkurrenz Track Tec für den Auftrag berücksichtigen, sorgt in der hiesigen Branche für Kopfschütteln. Denn in den Schweizer Wäldern gibt es ausreichend Buchenholz – mehr als genug sogar; die Verarbeiter kämpfen mit Absatzschwierigkeiten.

Die SBB machen Lieferengpässe bei den bestehenden Vertragspartnern in der Schweiz und in Deutschland als Grund für die Bestellung in Polen geltend: Für diesen Herbst und Winter sei die Versorgung mit dem für die Holzschwellen-Herstellung wichtigen Imprägnierungsmittel Teeröl nicht garantiert. Den Auftrag hätten die SBB daher «wegen der Versorgungssicherheit frühzeitig» nach Polen vergeben, erläutert Sprecher Daniele Pallecchi gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Denn nur mit Teeröl imprägniertes Holz sei für die Geleise verwertbar. «Wir mussten vorausschauend handeln, damit der Schienenunterhalt auf keinen Fall verzögert wird. Die Bestellung in Polen war jedoch klein und einmalig.»

Günstiger Import aus Europa

Doch Patrick Corbat, Chef der betroffenen Schweizer Sägerei, widerspricht: «Wir hatten zu keinem Zeitpunkt materielle, personelle oder technische Engpässe. Für eine kurze Periode im Jahr 2012 hatte unser Teeröl-Lieferant zwar Kapazitätsprobleme, aber das ist längst vorbei – und der polnische Hersteller hat den selben Öllieferanten. Er wäre also auch von der Knappheit betroffen.»

Branchenvertreter vermuten daher, dass der eigentliche Grund für die Beschaffung in Polen der günstigere Preis ist. In welcher Höhe dieser liegt, ist zwar nicht bekannt, denn die SBB halten sich diesbezüglich bedeckt. Der Stückpreis für ein zugeschnittenes Schwellenholz dürfte aber inklusive Befestigungsmitteln rund 100 Franken betragen. Das ergäbe für den gesamten Auftrag bis zu 500'000 Franken, wenn er in der Schweiz vergeben würde. Da im vorliegenden Fall noch der Transport aus Polen dazu kommt, dürfte die Offerte in Osteuropa deutlich günstiger ausgefallen sein.

Sorge um die heimische Holzwirtschaft

In der Empörung schwingt daher auch die Sorge der Branche um die heimische Holzwirtschaft mit. Befürchtet wird, dass der aktuelle Auftrag ein Zeichen dafür sei, dass die SBB mittelfristig vom Rahmenvertrag mit Schweizer Lieferanten abrücken wollten. Und das wäre gemäss Holzunternehmern sinnbildlich für das tiefer liegende Problem: «Unsere europäischen Konkurrenten sind wegen des niedrigen Eurowechselkurses bis zu 20 Prozent günstiger geworden – Import lohnt sich also», sagt etwa Corbat.

Holzunternehmerin und SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni (AG) schlägt in dieselbe Kerbe: In der vergangenen Herbstsession verlangte sie von der zuständigen Bundesrätin Doris Leuthard eine Stellungnahme, warum bei dem Auftrag statt Schweizer Lieferanten eine polnische Firma berücksichtigt worden sei. Leuthards Antwort deckte sich damals mit der Begründung der SBB. «Sollte dieser Lieferengpass tatsächlich drohen, hätten die SBB den Auftrag auch etappieren können, damit verschiedene Unternehmen hätten berücksichtigt werden können», sagt Flückiger-Bäni gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Felix Keller, Sekretär des Waldwirtschaftsverbands Zürich, verweist zudem auf den Überschuss, der mit solchen Aufträgen vergrössert werde: «Die naturnahen Wälder in der Schweiz haben einen hohen Laubholzanteil. Noch immer finden jedoch Nadelholzprodukte einen deutlich grösseren Absatz. Daher werden grosse Mengen Buchenholz verbrannt statt nachhaltig verwertet.»

Die SBB sind irritiert

Die Branche stösst sich auch daran, dass das Bundesamt für Umwelt mittels teurer Programme versucht, die Verwendung von Schweizer Holz zu fördern und der Staatsbetrieb SBB gleichzeitig Aufträge ins Ausland vergibt. Tatäschlich hat der Bund seit 2009 rund 13 Millionen Franken in Projekte zur nachhaltigen Bereitstellung und effizienten Verwertung von einheimischem Holz investiert. «Wer, wenn nicht der Staat, kann dabei als Vorbild vorangehen?», fragt Flückiger-Bäni. «Wir dürfen in dieser Hinsicht gar kein Vorbild sein. Die Politik hat klar entschieden, dass Heimatschutz im öffentlichen Beschaffungswesen kein Vergabekriterium sein darf: Wir können keine einheimischen Lieferanten bevorzugen, sonst handeln wir uns juristische Probleme ein», entgegnet Sprecher Pallecchi.

Die SBB zeigen sich denn auch irritiert ob der entstandenen hitzigen Diskussion: «Wir sprechen hier von 5000 Holzschwellen. Bei einem Bedarf von 215'000 Schwellen pro Jahr ist dieser Lieferumfang vergleichweise klein», sagt Pallecchi.

Erstellt: 12.10.2013, 11:55 Uhr

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