«Hüslipop» – eine Initiative hat den falschen Namen

Ecopop beruht auf dem Nachkriegsweltbild, das Städte als Moloch verteufelte und jedem ein Haus im Grünen versprach.

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Der Horror hat 20 Stockwerke, Glasfassaden und Tramschienen. Der Horror heisst Grossstadt.

Mit Fotomontagen veranschaulichen die Ecopop-Befürworter, wovor ihnen graut: Wolkenkratzer, welche die Schweiz überschatten und den Blick auf die Berge versperren. Die Ecopop-Abstimmungs-Zeitung warnt vor Singapur, wo sich Menschen «gegenseitig in die Wohnungen schauen» und an «jeder Kasse Schlange stehen angesagt ist». Städte, so die Botschaft, erniedrigen Menschen zu gehetzten Maschinen.

Die Verstädterung, die angeblich direkt aus der Einwanderung folgt, bedrohe «unsere geliebten Berge, Sümpfe, Wiesen, Auen».

Das Stadt-Grauen der Ecopopper erklärt sich aus ihrer Lebensweise. Google-Maps zeigt, wo die Vertreter der Initiative wohnen. Viele haben ein Eigenheim mit geräumigem Garten, aus dem der Blick ungehindert über die Landschaft schweift. Geschäfts­führer Andreas Thommen empfängt Journalisten in seinem Einfamilienhaus am Waldrand, verschenkt Bio-Äpfel und wünscht sich, dass alle Schweizer so leben könnten wie er.

Ein eigenartiger Wunsch. Schon mit der heutigen Bevölkerungszahl lässt er sich unmöglich erfüllen. Dafür hat die Schweiz zu wenig Waldränder.

Im Grünen ungrün leben

Ecopop beruht auf dem Nachkriegsweltbild, das Städte als Moloch verteufelte und jedem ein Haus im Grünen versprach. Die Verheissung auf Naturnähe wurde erkauft mit hohem Ressourcen­verschleiss. Wer im Grünen wohnt, lebt längst nicht grün – auch wenn er Bio-Äpfel isst.

Im Gegenteil. Ausgerechnet der Albtraum der Ecopopper, die dichte Stadt, würde die von ihnen bekämpfte Gier nach Land und Energie ent­scheidend dämpfen.

New York hat eine 50-mal kleinere Fläche als die Schweiz und beherbergt gleich viele Menschen. Selbst wenn man die moderate Dichte von Zürich als Ausgangslage nimmt – mitsamt den Wäldern, Flüssen und Wiesen, die zum Stadtgebiet gehören –, fände die Schweizer Bevölkerung auf einem 21stel der Landesfläche Platz. Das entspricht etwa dem Kanton Zürich. Im Restland bliebe die Natur so, wie sie Ecopopper mögen. Unverbaut.

Städter leben ausserdem energiesparender. Ihre Wohnungen liegen nahe an Arbeitsplatz, Läden und Restaurants. Vor der Haustür fährt das Tram. 2012 verbrauchte der Durchschnittsschweizer 30 000 Kilo­watt­stunden. In Zürich waren es 24 000. Die Zahl läge noch tiefer, wenn in Zürich nicht überproportional viele Arbeitsplätze angesiedelt wären.

Das Problem der Schweiz ist nicht die drohende Verstädterung. Das Problem ist die Angst davor. Nicht Hochhäuser oder andere städtische Wohnformen «betonieren» die Landschaft zu. Das erledigen die «Hüslischweizer», wie der Architekturkritiker Benedikt Loderer Eigenheimbesitzer nennt.

Die Ecopop-Initianten geben sich uneigennütziger, als sie sind. Das Bewahren «unseres Planeten» dient auch als Vorwand, eine gewisse Wohnform zu schützen; das Haus mit Umschwung und Bergblick. Verdrängt wird dabei, dass auch das eigene Haus die Aussicht von jemand anderem verstellte und Kulturland wegfrass.

Mit der «Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen» meinen die Initianten vor allem die eigenen. Ecopop ist ein Rückzugsgefecht der «Hüslischweiz», die Verteidigung einer privilegierten Lebensform, aufgehübscht als Weltrettungsprojekt.

Wenn die Ecopopper wirklich «global dächten und lokal handelten», würden sie ihre antiurbanen Vorurteile überwinden, für eine radikale Umgestaltung der Raumplanung kämpfen und in bescheidene Wohnungen ziehen.

Solange sie dies nicht tun, hat ihre Initiative den falschen Namen. «Hüslipop» wäre passender. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2014, 06:18 Uhr

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