Interview

«Ich bin sehr enttäuscht von der SP»

Ricardo Lumengo sagt im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, warum er sein Parteibuch so plötzlich abgibt und wie er die Verurteilung erlebt hat. Auch die SP gibt sich «enttäuscht».

«Ich habe hintenherum erfahren, dass ich untragbar geworden bin»: Ricardo Lumengo.

«Ich habe hintenherum erfahren, dass ich untragbar geworden bin»: Ricardo Lumengo. Bild: Keystone

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Herr Lumengo, Ihr Austritt aus der SP kommt sehr plötzlich.
Meine Rolle als Sündenbock in der Partei hat mich zunehmend belastet. Da ist so viel Wut, ein schlechtes Klima. Deshalb bin ich jetzt aus der Partei ausgetreten. Aber ich gehe mit grossem Herzschmerz. Ich war Sozialdemokrat, bevor ich Schweizer wurde, diese Partei ist meine politische Heimat.

Die Bieler SP plante am Donnerstag ein Treffen, um über Ihren Fall zu sprechen. Wollten Sie das nicht abwarten?
Nein, ich weiss ja, wie die Bieler SP darüber denkt.

Sind Sie enttäuscht von Ihrer Partei?
Ja, sehr. Ich hatte als Asylbewerber eine schwierige Geschichte, die hat sich jetzt gewissermassen wiederholt. Es ist ein langer Kampf. Am meisten gestört hat mich, dass man mir nicht direkt gesagt hat, ich sei untragbar geworden. Das habe ich hintenherum erfahren. Das tut weh.

Treten Sie jetzt einer andern Partei bei?
Das ist möglich, aber noch offen. Es lässt sich in einer Partei viel besser politisieren. Aber ob ich einer andern Partei beitrete und ob ich nächstes Jahr an den Wahlen antrete, weiss ich noch nicht. Ich werde mir in der kommenden Zeit viele Gedanken machen dazu.

Wie hat der Parteipräsident Christian Levrat auf Ihren Austritt reagiert?
Ich habe ihn nicht orientiert, nur die SP Bern. Die Kantonalpartei ist bezüglich Parteiausschluss und Nominationsverfahren zuständig, nicht die SP Schweiz. Die SP Bern hat noch nicht reagiert.

Sie sind erstinstanzlich wegen Wahlfälschung verurteilt worden. Ist das Urteil in Ihren Augen nicht gerecht?
Ich würde sagen, die Richterin war sehr streng. Das Urteil war für mich schockierend. In anderen vergleichbaren Fällen wurden schon einige Politiker freigesprochen.

Haben Sie nicht daran gedacht, dass Sie etwas Falsches machen, als Sie die Wahlzettel ausgefüllt haben?
Im Gegenteil. Ich wollte älteren Leuten beim Wählen helfen und habe das als etwas Positives gesehen. Laut der Richterin hätte ich aber deutlich «Muster» oder «Beispiel» auf den Wahlzettel schreiben oder den geschriebenen Namen durchstreichen müssen.

Wie reagieren die Leute auf der Strasse?
Seit dem Urteil erhalte ich wieder vermehrt positive Rückmeldungen, quasi aus Solidarität. Davor wurde ich teilweise massiv angefeindet. Wer mich mag, reagiert positiv, andere nicht.

Erstellt: 16.11.2010, 13:39 Uhr

SP ist überrascht

Ricardo Lumengo habe am Dienstag Mittag telefonisch dem Präsidenten der SP Kanton Bern seinen Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei bekannt gegeben. Das schreibt die SP in einem Communiqué am selben Tag.

Die Parteileitung habe am Samstag und am Montag mit Lumengo intensive Gespräche geführt. Dabei sei ein Parteiaustritt kein Thema gewesen, so die Partei. «Entsprechend überraschend erfolgt dieser Entscheid.»

Die SP Kanton Bern sei davon ausgegangen, dass gemeinsam eine Lösung angestrebt werden sollte, und bedauert nach eigener Aussage, dass dies nun nicht mehr möglich sei. Die SP habe Lumengo in der schwierigen Situation im Februar dieses Jahres klar gestützt und damals geäusserte Rücktrittsforderungen abgelehnt.

Roland Näf, Parteipräsident der SP Kanton Bern meint dazu: «Wir haben immer betont, dass bis zu einer Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt. In Gesprächen mit Ricardo Lumengo waren wir uns aber einig, dass ein Rücktritt aus dem Nationalrat bei einer erstinstanzlichen Verurteilung erfolgen sollte. Ricardo Lumengo hat dies auch öffentlich so geäussert. Wir sind enttäuscht, dass sich Ricardo Lumengo nun anders entschieden hat. Die SP hat zu keinem Zeitpunkt einen Parteiaustritt von Ricardo Lumengo gefordert oder gewünscht.»

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