«Ich dachte manchmal: ‹Wow, jetzt hatte ich Glück›»

Der Absturz einer F/A-18 bei Alpnach ist geklärt. Ex-Luftwaffenchef Markus Gygax sagt, ob das Militär nun Konsequenzen ziehen muss und erzählt aus seiner Zeit als Militärpilot.

«Der Pilot erkannte den Ernst der Lage nicht»: Markus Gygax war von 2008 bis 2012 Kommandant der Luftwaffe.

«Der Pilot erkannte den Ernst der Lage nicht»: Markus Gygax war von 2008 bis 2012 Kommandant der Luftwaffe. Bild: Keystone

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Der Absturz des Kampfjets F/A-18 bei Alpnach ereignete sich laut dem Untersuchungsbericht wegen einer Fehlbeurteilung des Piloten: Er habe «unter zunehmendem Druck die Lage falsch eingeschätzt». Was heisst das konkret?
Der Pilot wusste, dass das Wetter im Fluggebiet nicht optimal sein wird. Die Wolkendecke war dichter und die Sicht darum schlechter als erwartet, sodass er die Distanzen nicht mehr richtig einschätzen konnte. Er glaubte, er könne die geplante Umkehrkurve vor dem Lopper-Felsen zu Ende bringen, reagierte aber zu langsam und prallte darum in den Berghang. Das könnte jedem von uns passieren, zum Beispiel beim Autofahren: Wir sind überzeugt, rechtzeitig anhalten zu können, bis wir realisieren, dass die Strasse von einer Eisschicht überzogen ist. Wenn wir Glück haben, gelingt das Bremsmanöver trotzdem. Der Pilot hatte leider Pech.

Hätte der Unfall verhindert werden können, wenn der Pilot in seiner Ausbildung mehr entsprechende Trainings absolviert hätte?
Das glaube ich nicht. Der Pilot war sehr gut ausgebildet und hatte jahrelange Erfahrung mit Passagierflügen. Ein Restrisiko bleibt immer, vor allem wenn mehrere unglückliche Umstände zusammenkommen. In diesem Fall waren es das schlechte Wetter, die tiefe Flughöhe und die falsch eingeschätzte Distanz zum Hang.

Im Unfalljet flog ein Arzt des Fliegerärztlichen Instituts Dübendorf mit. Man solle darüber nachdenken, Passagierflüge nur noch bei guten Wetterbedingungen durchzuführen, sagt nun der Untersuchungsrichter. War die Entscheidung also fahrlässig, trotz Schlechtwetters mit Passagier zu fliegen?
Nein. Der Hauptauftrag war nicht ein Schlechtwetter-Flug, sondern ein Luftpolizei-Übungsflug in grosser Höhe. Den Weg über den Alpstein wählten die Verantwortlichen, weil sie vom Vierwaldstättersee in die für diese Übung erforderliche Höhe aufsteigen wollten. Sie konnten nicht voraussehen, dass sich das Wetter innerhalb so kurzer Zeit so dramatisch verschlechtern würde. Erst vor Ort haben die Piloten realisiert, dass sie die geplante Route nicht fliegen können.

Wäre der Flug ohne Passagier an Bord anders verlaufen?
Nein. Ein Pilot passt sein Flugverhalten höchstens bei Luftkampfübungen an, bei denen der Passagier körperlich stark belastet wird. Aber in solch brenzligen Situationen zählt nur noch die Sicherheit.

Müsste auf solche Übungsflüge bei schlechtem Wetter nicht konsequent verzichtet werden, um ähnliche Unfälle zu vermeiden?
Nein, das wäre unverhältnismässig und unrealistisch. Hier nochmals der Vergleich zum Autofahren: Es würde uns nie einfallen, uns nur noch bei gutem Wetter hinters Steuer zu setzen. Und auch wenn wir das täten, würden wir immer mal wieder in einen Platzregen geraten. Das Mitfliegen in einem zweisitzigen Kampfjet muss bei jeder Wetterlage möglich sein. Dazu wurde das Flugzeug auch entwickelt und beschafft. Die Luftwaffe wird jedoch wie nach jedem Unfall ihre Einsatzregeln einer Überprüfung unterziehen. Oberstes Ziel ist es, zu verhindern, dass sich ein Unfall wie der vom 23. Oktober 2013 wiederholen kann.

Wie oft passiert es, dass ein Militärpilot in eine solch brenzlige Lage kommt?
Ganz selten. Früher war das anders, vor allem bei den Jagdbomberpiloten, die bei Wind und Wetter nahe am Gelände fliegen mussten, um potenzielle Ziele anzugreifen. Aber Jagdbomber gibt es in der Schweiz seit dreissig Jahren nicht mehr. Heute werden vor allem luftpolizeiliche Einsätze geflogen, in grosser Höhe und wenn möglich bei gutem Wetter. Ausserdem sind die Ausbildung und die technische Unterstützung der Piloten mittlerweile auf sehr hohem Stand.

Wird der Unfall Konsequenzen haben für die künftige Planung von Übungs- und Passagierflügen?
Die fliegerischen Sicherheitsexperten werden den Untersuchungsbericht nun studieren. Und entweder zum Schluss kommen, dass alle nötigen und möglichen Sicherheitsvorkehrungen bereits getroffen sind, oder die geltenden Regeln verschärfen. Ein Unglück nahe am Gelände sensibilisiert die ganze Luftwaffe, vor allem Helikopterpiloten, die der Gefahr viel öfter ausgeliefert sind. Die Kleinräumigkeit der Schweiz wird die Piloten immer vor grosse Herausforderungen stellen.

Sie waren früher selber Militärpilot, sind auch mit der F/A-18 geflogen. Waren Sie je in einer ähnlich gefährlichen Situation wie der verunfallte Pilot?
Ja, mehrere Male, vor allem in der Pilotenausbildung. Wir führten viele Schlechtwetterflüge durch und trainierten Wendemanöver. Als Jagdbomberpilot übte ich Erdangriffe, bei denen das Ziel mit 900 Stundenkilometer angesteuert wird. Da flog ich manchmal sehr tief ins Gelände und dachte danach: ‹Wow, jetzt hatte ich Glück.› Ich war auch zehn Jahre lang Mitglied in der Patrouille Suisse, und kam dem Boden oft recht nahe.

Erstellt: 23.06.2014, 18:24 Uhr

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