«Ich flehte meinen Fallbearbeiter an»

Kuno Kempf* ist ein ehemaliger Sozialhilfeempfänger aus Basel. Und er ist einer, der kein gutes Haar an der Sozialbehörde und deren Abläufen lässt.

Arbeiten, möglichst rasch: Sozialhilfebezüger müssen zur Abklärung ihrer Arbeitsfähigkeit Abfall einsammeln. Foto: Keystone

Arbeiten, möglichst rasch: Sozialhilfebezüger müssen zur Abklärung ihrer Arbeitsfähigkeit Abfall einsammeln. Foto: Keystone

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Kuno Kempf (Pseudonym, Name von der Redaktion geändert) rutschte nach einem Burn-out in die Arbeitslosigkeit. «Plötzlich konnte ich die Rechnungen nicht mehr bezahlen», erzählt Kempf. «Da merkte ich, dass ich keinen Anspruch auf die Gesamtzeit von 400 Tagen habe, weil ich die vergangenen zwölf Monate nicht gearbeitet habe – da kam ich auf die Welt.» Kempf nahm einen Job an, musste sich aber bald eingestehen: Er kann noch nicht so arbeiten, wie er möchte. Die Kräfte waren noch nicht zurückgekehrt. Kempf wurde wieder arbeitslos. Als er seine chronische Erschöpfung am Ende der Leistungszahlungen immer noch nicht im Griff hatte, steuerte ihn das Arbeitsamt aus.

Was er dann erlebte, erschütterte den 37-Jährigen. Kempf erwartete, möglichst schnell wieder in den Arbeitsprozess zurückkehren zu können und auf ein Heer von Unterstützern zu treffen. Das Gegenteil sei der Fall gewesen, sagt Kempf. Die Fallverantwortlichen hätten ihn möglichst lang in ihren Schlaufen behalten wollen.

An seinen Qualifikationen jedenfalls könne es nicht gelegen haben, dass er so lange Sozialhilfe hatte beziehen müssen, sagt Kempf. Er habe einen technischen Beruf gelernt und gute Qualifikationen. Welche Ausbildung er hat, will er nicht in der Zeitung lesen, um seine Fallbearbeiter vor den Sanktionen durch die Amtsleiterin der Sozialhilfe zu schützen. Er wolle schlicht den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geben, aus erster Hand zu erfahren, wie es tatsächlich abläuft bei der Sozialhilfe und wer alles von der heutigen Struktur profitiert.

Was geschah, nachdem Sie Unterstützung beantragt hatten?
Wenn man frisch in die Sozialhilfe kommt, muss man zuerst einen Monat lang in das Passageprogramm. Ich wurde zum Arbeitseinsatz beim Sportamt in der Margarethen eingeteilt. Einen Monat lang durfte ich nichts anderes machen, als bei der Kunsteisbahn Abfall zusammenkehren.

Mit was für Leuten haben Sie da zusammengearbeitet?
Da waren Informatiker, ehemalige Selbstständige wie Metzger oder solche, die ein Restaurant geführt hatten. Viele andere Sozialhilfebezüger hatten lange einen Job gehabt und wussten, was arbeiten heisst. Es kann heute sehr schnell gehen, und man landet in der Sozialhilfe. Das hat heute nichts mehr mit Arbeitsverweigerung, Faulheit oder Drückebergertum zu tun.

Wurde Ihnen in diesem Passageprogramm geholfen, einen Job zu finden?
Eine aktive Hilfe im Sinn von «komm, wir helfen dir jetzt, einen Job zu finden» gab es nie.

Also nichts weiter als ein Beschäftigungsprogramm?
Genau. Für mich bestand der einzige Zweck darin, eine Legitimation für das System und die Personen und Firmen zu finden, die da angedockt haben.

Kann es sein, dass Sie übertreiben?
Überhaupt nicht. Ein Sozialhilfemitarbeiter sagte mir, er sei auf eine Person wie mich nicht ausgerichtet. Er habe Hilfeleistungen für Leute ohne Deutschkenntnisse, Drogenabhängige, für Ausländer oder Menschen mit einem Handicap, aber nicht für Personen, die zurück in den Arbeitsprozess wollten. Er sagte wortwörtlich zu mir: «Was soll ich mit Ihnen?» Dann schlug er mir das Overall-Programm vor. Oder er bot mir Arbeit in einer Behindertenorganisation an.

Und was hätten Sie gewollt?
Ich wollte arbeiten, möglichst rasch. Einzig und allein wäre ich um einen gestaffelten Einstieg froh gewesen. Nach eineinhalb Jahren Auszeit vom Arbeitsprozess machte ich mir Gedanken, ob ich das von null auf hundert gut bewältigen kann. Nur drei Monate mit einer Steigerung von 50 Prozent auf 100 Prozent – mehr hätte ich nicht gebraucht.

Es kam anders. Eine schnelle Arbeitsintegration, so wie Kempf sie sich vorstellte, wurde ihm verwehrt. Stattdessen schickte man ihn zu einem Arbeitseinsatz. Bei der Firma CO13. An der Basler Colmarerstrasse bietet dieses Unternehmen Dienstleistungen in den Bereichen «Velo, Bike, Mode, Design, Gourmet, Sauberkeit und Bürodienstleistungen» an. Kempf sagt, er habe in einem Gespräch mit einer CO13-Verantwortlichen herausgefunden, dass der Kanton Basel-Stadt pro Tag und Person 250 Franken an die Firma bezahlt. Dazu komme noch der Stundenlohn für etwa acht Stunden Arbeit am Tag. Gemäss Kempf arbeiten etwa 20 Personen täglich für die Firma und sind mit unterschiedlichen einfachen Arbeiten beschäftigt.

Es klingt so, als hätten da ein paar Leute eine lukrative Geschäftsidee gehabt.
Ja, das kann man so sagen. Die Leute verdienen ein sehr gutes Geld mit dieser Sozialindustrie. Ich finde es eine Sauerei, dass für Leute, welche die Sozialhilfe dort hinschickt, der Staat noch bezahlen muss. Das alles läuft unter sogenannten «Abklärungen».

Was sind das für Abklärungen?
Das wurde mir nie klar. Ich habe nur immer anspruchslose Arbeiten ausgeführt. Nach drei Wochen sagte mir ein Verantwortlicher, ich solle einen Platz wischen gehen. Es heisst zwar Abklärungen, im Grunde aber führt man Reinigungsarbeiten, Gartenarbeiten, einfache Malerarbeiten und dergleichen aus. Ungeheuerlich fand ich, als wir Renovationsarbeiten in einem Gebäude von CO13 durchführen mussten. Die Firma profitierte so gleich doppelt von den Sozialhilfebezügern.

Wie erging es Ihnen bei anderen Programmen, in die Sie geschickt wurden?
Das System läuft genau gleich ab, ob bei CO13 oder der Firma Overall. Mit dem Unterschied, dass es sich dort um einen Baubetrieb handelt. Sozialhilfeempfänger helfen bei Weg­instandstellungsarbeiten oder bei Sanierungsarbeiten an Gebäuden. Overall verrechnet den Kunden die Stunden der Sozialhilfebezüger, obwohl man vom Staat Geld für die Arbeitseinsätze kassiert.

Wie muss man sich einen Arbeitstag vorstellen?
Die Arbeitseinsätze beginnen meistens um sieben oder acht Uhr und dauern dann bis 16 oder 17 Uhr. Acht Stunden Arbeitszeit ist meist das Minimum. Doch diese Beschäftigungsprogramme sind nur für Leute da, die 100 Prozent arbeitsfähig sind.

Und die anderen?
Wer nicht in diesem Ausmass arbeitsfähig ist, fällt raus. Das ist die nächste Sauerei. Denn warum soll jemand, der 50 oder 80 Prozent arbeiten kann, nicht auch solche Arbeiten ausführen können, einfach entsprechend weniger lang? Niemand wird mit Pickel und Hammer in einen Steinbruch geschickt, aber eine Hecke schneiden oder Laub rechen sollte möglich sein.

Nach dem Monat Wischarbeiten beim Sportamt kam Kempf in einen sogenannten Jobstart. Dort sollte er lernen, richtig Bewerbungen zu verfassen, Lebensläufe zu schreiben und sich auf die Wiedereingliederung ins Berufsleben vorzubereiten. Doch die Lehrkräfte sorgten für rote Köpfe und Gelächter unter den Sozialhilfebezügern, die mit ihm diesen Kurs belegen mussten.

Was störte Sie an den Lehrkräften?
Da stehen irgendwelche Ägyptologen oder Kunsthistorikerinnen vor der Gruppe und erzählen, wie die Arbeitswelt draussen aussieht. Die haben überhaupt keine Ahnung von der Materie. Auf mich wirkten diese Personen so, als hätten sie mit 30 gemerkt, dass sie mit ihrem Studium kein Geld verdienen können. Die Ämter sind voll mit solchen Leuten. Einer zum Beispiel hatte Europäische Ethnologie studiert. Ich finde das ja cool, aber wie soll mir so jemand helfen, wieder zu einem Job zu kommen?

Sie bezweifeln also die Kompetenz?
Als beispielsweise die Bewerbungsform thematisiert wurde, wollte ich von dieser Dame wissen, ob sie sich mal bei ABB beworben habe. Dort könne sie nämlich aufhören, von Hochglanzprospekten mit super toller Grafiken zu reden. Die stellen online 500 Wörter für den Lebenslauf zur Verfügung. Und wie oft habe ich bei einer ausgeschriebenen Stelle gehört, ich solle nur den Lebenslauf schicken. Eine Bewerbung interessierte niemanden. Das sind die Realitäten, auf die uns diese Leute vorbereiten sollten. Ich und die anderen Teilnehmer hatten stark den Eindruck, dass diese sogenannten Experten von all dem nichts wissen. Aber es wurden im Unterricht üppig Kärtchen verteilt, auf denen stand, was man machen muss. Das Ganze ist aufgeblasen und ein grosser Witz.

Bei einem Gespräch mit einem Sozial­arbeiter äusserte Kempf den Wunsch, dass ihm ein Zertifikats-Kurs für eine berufliche Weiterbildung bezahlt wird. Mit dieser würde er sich aus der Sozialhilfe befreien können und einen Job bekommen, sagte er dem Fallbetreuer. Für Kempf war klar, dass er einem Arbeitgeber etwas bieten, eine Zusatzausbildung vorweisen können muss. «Ich kann ja nicht einfach sagen, ich hätte sieben Selbstfindungskurse absolviert», erklärt Kempf.

Wurde Ihnen der Kurs bezahlt? Immerhin hatten Sie ein gutes Argument vorgebracht und sollte die Behörde interessiert sein, Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.
Ich flehte meinen Fallbearbeiter an, er möge mir diese Kurse bezahlen. Die Antwort war, ich müsse drei Monate in ein Abklärungsprogramm.

Was hätte denn dort abgeklärt werden sollen?
Ob ich arbeitsfähig sei und ob ich belastbar wäre. Dies, obwohl ich zuvor acht Monate gearbeitet sowie das Passageprogramm absolviert hatte. Notabene zur absoluten Zufriedenheit der Verantwortlichen, ohne Aufpasser an der Seite. Ich hätte drei Monate lang Kies schaufeln sollen – und das kann es wirklich nicht sein. Für mich machte das stark den Eindruck, dass diese Fallbearbeiter nach einem Grund suchen, um das System aufrecht zu halten. Mag sein, dass für einen kleinen Prozentsatz ein solches Vorgehen sinnvoll ist, für die meisten aber ist das System ineffizient.

Bekamen Sie am Ende Ihren Kurs?
Nein. Ich habe ihn selber bezahlt, absolvierte die Ausbilung und bekam dann ein Zertifikat. Aufgrund dieses Ausweises habe ich schliesslich eine neue Stelle gefunden und konnte die Sozialhilfe kürzlich verlassen.

Welches Fazit ziehen Sie nach Ihrer Zeit als Sozialhilfebezüger?
Es gibt innerhalb der Sozialhilfe Mitarbeiter, die hinter vorgehaltener Hand sagen, dass gerade das Arbeitsintegrationszentrum überhaupt nichts bringt und ersatzlos gestrichen werden könnte. Eine aktive Hilfe wird gar nie stattfinden können, denn das System will sich selber erhalten und möglichst noch wachsen. Dort wirkt das Prinzip Sekte.

Wie meinen Sie das?
Es wird mit Worthülsen operiert, die dann alle anwenden müssen, zum Beispiel «Tagesstruktur» oder «Fall­abklärung». Wer das hinterfragt oder nicht mitmachen will, dem droht eine Sanktionierung in Form von Leistungskürzung. Mir kam es so vor, als wollten diese Leute da gar nicht, dass jemand von der Sozialhilfe wegkommt, sondern dass er abhängig bleibt. Für mich ist auch klar warum.

Warum?
Dann können die Mitarbeiter den Leistungsbezüger hin und her schieben, wie es ihnen beliebt. Es gibt da viele, die können sich nicht wehren, entweder sprachlich oder aufgrund ihrer Person. Solche werden künstlich im System behalten. Ich möchte aber auch noch festhalten, dass ich grundsätzlich froh bin über unser Sozialsystem: Aber so, wie es heute aufgestellt ist, zielt es am Grundgedanken vorbei und hilft nur gewissen Leuten, ganz viel Geld zu machen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.10.2014, 09:28 Uhr

Undurchsichtiges System: Der 37-jährige Basler wurde bei der Sozialhilfe in Beschäftigungskurse geschickt. Foto: hws

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