«Ich fühle mich zurzeit verdammt stark»

Ab heute warnt eine neue Kampagne vor den Risiken des Glücksspiels. Ein Betroffener schildert, wie er 500’000 Franken für Sportwetten ausgab und den Weg aus der Sucht fand.

Viele verlieren hier die Kontrolle: Spieltisch im Kasino (Archivbild).

Viele verlieren hier die Kontrolle: Spieltisch im Kasino (Archivbild). Bild: Gaetan Bally/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt diesen einen Moment, der sich in meinen Kopf gebrannt hat. Der Moment, als mir klarwurde: Ich kann nicht mehr. Ich muss etwas ändern. Das war letztes Jahr am Valentinstag. Wie ein Roboter fuhr ich mit meinen letzten 1000 Franken zum Wettbüro. Mit Tränen in den Augen schob ich das Geld mechanisch über den Tresen, genau so, wie ich es die letzten 15 Jahre immer gemacht hatte. Es war ein Live-Fussballspiel; ich suchte das schnelle Geld. Natürlich gewann ich nichts. Aber diesmal war es anders: Ich hatte der Dame am Wettbürotresen freiwillig mein letztes Erspartes übergeben, verlor es innerhalb von 90 Minuten – und schämte mich. Denn nun hatte ich nichts mehr, keinen einzigen Rappen im Portemonnaie, keinen Franken auf dem Konto. Da wurde mir schlagartig bewusst, was ich viele Jahre verdrängt hatte: Ich hatte die Kontrolle verloren.

Die süsse Verheissung des grossen Geldsegens – das hat mich mein halbes Leben lang ins Wettbüro gezogen. Als die Online-Wettspiele beliebter wurden, sass ich zusätzlich nächtelang vor dem Computer. Das viele Geld, das ich dabei per Mausklick verlor, fühlte sich nicht real an. Insgesamt habe ich über 500’000 Franken verspielt. Ich machte Schulden, nahm mehrere Kredite auf und investierte jeden gewonnenen Franken wieder in neue Wetten. Aber vor allem gab ich mein ganzes Einkommen für die Glücksspiele aus. Das waren nach Abzug der Fixkosten 3000 bis 4000 Franken monatlich.

Ein schleichender Prozess

Wann meine Freude an den Sportwetten zur Sucht wurde, weiss ich nicht mehr. Es war ein schleichender Prozess. Als Jugendlicher setzte ich zwei oder drei Franken auf das erste Foul oder den ersten Einwurf in einem Fussballmatch. Das machte Spass, denn ich ging mit Kollegen ins Wettbüro. Es war eine Freizeitbeschäftigung, bei der man viele Leute kennen lernte. Während des Studiums wurden die Beträge höher. Der Damm brach wohl, als ich begann, um 500 Franken und mehr zu wetten. Plötzlich setzte ich nicht mehr nur auf Fussballspiele, sondern auf alles Mögliche – Cricket, Tischtennis, Tennis. Neben meinem Spielverhalten veränderte sich auch mein Leben. Ich zog mich zunehmend zurück, gab meiner heimlichen Leidenschaft mehr Raum.

Doch die Spielsucht ist tückisch: Sie war mir zu keinem Zeitpunkt anzusehen. Ich verlor nicht an Charakter, nach wie vor galt ich als lustiger Kerl. Alle wussten ja, dass ich spielte – aber niemandem war klar, wie oft und um wie viel Geld. Zu Beginn konnte ich mir das kostspielige Hobby auch gut leisten, weil ich mich bereits zur Studienzeit selbstständig machte und ordentlich verdiente. Ich lebte einfach, in einer WG, besass wenig. Beim Spielen verlor ich den Bezug zum Geld komplett; 200 Franken verspielte ich in zehn Minuten. Im realen Leben nicht: Dort erschienen mir 200 Franken für eine Jeans noch immer zu viel.

Der Arbeitgeber weiss Bescheid

Dass ich mich plötzlich für mein Spielverhalten zu schämen begann, hatte einen Grund: meine heutige Frau. Als sie zum ersten Mal merkte, dass ich ein Problem mit den Wetten hatte, wollte sie meine Kreditkartenabrechnungen der letzten Monate sehen. Das war mir extrem peinlich. Und als ich schliesslich kein Geld mehr hatte, meldete sie mich zur Therapie an. Zu Beginn war ich sehr skeptisch, denn ich sah mich selbst nicht als Süchtigen. Doch ich spürte rasch, dass mir die Gespräche guttaten. Sie halfen mir, mich mit jenen Gefühlen auseinanderzusetzen, die die Hälfte meines Lebens in Anspruch genommen hatten. In den letzten 16 Monaten habe ich im Zweiwochenrhythmus eine Gruppentherapie im Zentrum für Spielsucht in Zürich besucht. Dort sitzen wir alle im selben Boot. Ohne Therapie würde es wohl kaum einer von uns schaffen, aus seinen Problemen herauszukommen.

Seither hat sich mein Leben komplett verändert: Ich gehe offen mit meiner Spielsucht um; mein Umfeld und mein Arbeitgeber wissen Bescheid. Ich arbeite in der Gastronomie. Dort habe ich Zugang zu Geld – und trotzdem vertraut mir mein Chef. Das weiss ich sehr zu schätzen. Mir ist bewusst, dass die Therapie für eine nachhaltige Verhaltensänderung nicht ausreicht. Dazu muss sich auch mein Denken verändern. Diesen Krieg muss ich alleine führen, dabei kann mir kein Therapeut helfen. Aber ich glaube, dass ich auf gutem Weg bin: Seit 16 Monaten hatte ich keinen Rückfall mehr – obwohl ich regelmässig mit Sport konfrontiert werde. Heute empfinde ich bei Fussballspielen positive Emotionen, ich freue mich über ein Goal, ohne gleich in ein Quotendenken und eine fiebrige Anspannung zu verfallen.

Manchmal frage ich mich, unter welchen Umständen ich rückfällig werden würde: Könnte ich standhalten, wenn mich jemand zu einer vermeintlich todsicheren Wette überreden würde? Davor fürchte ich mich im Moment aber nicht, denn ich fühle mich zurzeit verdammt stark – stärker als je zuvor. Meine Schulden habe ich abgestottert. Und das Wichtigste: Vor drei Tagen bin ich Vater geworden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2015, 15:10 Uhr

«Spielsüchtige bauen ein Lügengebilde auf»

Herr Eidenbenz*, über 75’000 Menschen in der Schweiz spielen exzessiv. Wann wird die Freude am Glücksspiel zur Sucht?
Glücksspielsüchtig wird man in der Regel nach einem Gewinn. Betroffene verfallen dann der Illusion, dass sie das Spiel kontrollieren könnten. Voraussetzungen für eine solche Sucht sind zudem ein inneres Ungleichgewicht sowie ungelöste Probleme aus der Vergangenheit. In der Arbeit mit Betroffenen zeigt sich häufig, dass sie das Glück im Leben nicht auf ihrer Seite hatten. Im Spiel fordern Betroffene das Schicksal heraus und wollen fehlende Anerkennung und Zuwendung mit dem grossen Gewinn kompensieren.

Welche Symptome weisen auf eine Spielsucht hin?
Wer von einem problematischen Spielverhalten in eine Sucht abgleitet, verliert die Kontrolle. Betroffene spielen länger, häufiger und mit mehr Geld, als sie eigentlich wollen. Zudem verzerrt sich ihre Wahrnehmung: Ein nüchtern denkender Mensch weiss, dass er auf Dauer statistisch gesehen Geld verliert. Ein pathologischer Glücksspieler will jeden Verlust durch einen neuen Gewinn kompensieren. Wenn ein solcher eintritt, ist er überzeugt, dass er eine Glückssträhne hat und weiterspielen muss. Das löst eine Negativspirale aus.

Wie wirkt sich die Spielsucht auf das soziale Umfeld aus?
Betroffene halten ihre Spielsucht geheim und bauen ein Lügengebilde auf, um unentdeckt spielen zu können. Wegen ihres hohen Finanzbedarfs borgen oder entwenden sie Geld beim Arbeitgeber, bei der Partnerin oder in der Familie – immer mit der Absicht, dieses wieder zurückzuzahlen. Die Personen im nahen Umfeld müssen deshalb bei einem Verdacht ihre Finanzen prüfen und unter Umständen ihr Konto schützen.

Warum ist der Anteil an problematisch Spielenden bei Jugendlichen fast doppelt so hoch wie in der erwachsenen Bevölkerung?
Jugendliche sind risikofreudiger und können Impulse schlechter kontrollieren als Erwachsene. Das macht sie anfälliger für Versprechungen und Rausch. Grundsätzlich sind Männer viel stärker von der Spielsucht betroffen als Frauen. Dagegen ist beispielsweise die Kaufsucht vorwiegend weiblich.

Wie therapieren Sie Spielsüchtige?
Zum einen bieten wir Gespräche mit dem Betroffenen und seinen Angehörigen an. Der Einbezug des Umfelds ist wichtig, weil dessen Vertrauen häufig missbraucht wurde und Betroffene unter Schuldgefühlen leiden. Zum anderen bieten wir Gruppentherapien an. Für Spielsüchtige ist es wichtig, sich mit anderen Menschen auszutauschen, welche die selben Erfahrungen gemacht haben. Den Weg zu uns finden Betroffene aber oftmals erst, wenn sie finanziell oder sozial stark unter Druck stehen.

In unserem Fallbeispiel hat der Mann über 500’000 Franken verspielt. Bewegt sich dieser Betrag im üblichen Rahmen?
Der Betrag ist hoch, aber durchaus üblich. Die meisten Glücksspielsüchtigen haben Schulden. Die meisten begleichen diese in ein bis drei Jahren. Es gibt aber auch Betroffene, die kaum die Möglichkeit haben, schuldenfrei zu werden.

Müsste das Glücksspiel gesetzlich restriktiver geregelt werden, um die hohe Zahl der Süchtigen einzudämmen?
Eine zu starke gesetzliche Reglementierung birgt das Risiko, dass die illegalen Glücksspielangebote zunehmen würden. Aus der Perspektive der Suchtbehandlung wäre es wünschenswert, stärker auf die Prävention zu setzen und für eine niederschwellige Behandlung genügend Mittel aus den Abgaben von Lotterien und Casinos vorzusehen. Auf diese Weise könnten gerade Jugendliche besser geschützt werden.

* Der Psychologe und Psychotherapeut Franz Eidenbenz ist Leiter der Behandlungsabteilung des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Kampagne zur Glücksspielsucht

Zehn Deutschschweizer Kantone lancieren heute eine Präventionskampagne zu den Risiken des Glücksspiels. In der Schweiz spielen mehr als 75‘000 Personen exzessiv. 28‘000 davon sind süchtig, 47‘000 gelten als problematisch Spielende. Die Kampagne wendet sich via Social Media und in Zusammenarbeit mit dem Jugendsender Joiz auch direkt an Jugendliche, weil sie gefährdeter für ein problematisches Spielverhalten sind. Daneben informieren Plakate, Bierdeckel und Poster über die bestehenden Hilfsangebote.(rbi)

Mehr Informationen unter www.sos-spielsucht.ch

Artikel zum Thema

Frauen werden seltener, aber schneller spielsüchtig als Männer

Spielsucht kann Leben in allen Schichten und Altersklassen zerstören. Glücksspiel-Forscher haben nun geschlechtsspezifische Unterschiede untersucht. Mehr...

Nonne bestiehlt Kirche, um ins Kasino zu gehen

Die Spielsucht einer Nonne ist zwei US-Kirchgemeinden teuer zu stehen gekommen: Die Ordensfrau stahl rund 120'000 Franken aus der Kirchenkasse und verzockte sie im Kasino. Nun steht sie vor Gericht. Mehr...

130'000 Franken in illegalen Dietiker Spielhöllen sichergestellt

Zwei Betreiber illegaler Spielclubs in Dietikon wurden angezeigt. Sie müssen sich wegen des Betriebs von Glücksspiel- und Wettspielautomaten sowie wegen Widerhandlung gegen das Gastgewerbegesetz verantworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...