«Ich glaube, dass die Stimmung kippt»

Vor der Abstimmung in Uri über eine zweite Gotthard-Strassenröhre schlägt sich Graubünden auf die Seite der Ja-Fraktion – und spricht bereits von einer Lkw-«Kontingentierung». Die Befürworter wittern Morgenluft.

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Der Text der Nachricht liesst sich wie eine Drohung mit Dauerstau: «Die Bündner Regierung unterstützt die Kantone Uri und Tessin und verlangt vom Bund den Bau eines zweiten Strassentunnels am Gotthard», schrieb die Schweizerische Depeschenagentur am 9. Mai, «im Falle einer blossen Sanierung der bestehenden Röhre will sie die Lastwagenfahrten auf der San-Bernardino-Route kontingentieren.»

Spannung vor der Abstimmung in Uri

Der Streit um eine zweite Strassentunnelröhre am Gotthard scheint sich zu verschärfen, je näher der Urnengang in Uri rückt. Am 15. Mai wird das Urner Stimmvolk darüber entscheiden, ob der Kanton sich mit dem Wunsch nach einer zweiten Röhre an Bern wendet. Oder ob es angesichts der fälligen Sanierung, die frühestens im Jahr 2020 beginnen soll, beim Status quo bleiben soll: einer aufwändige Sanierung mit einem ausgeklügelten Verkehrsmanagement während dieser Zeit, das der Bundesrat in zwei Varianten zur Debatte gestellt hat.

Eine Abstimmung mit möglicher Signalwirkung für den Bund. Der Präsident des Initiativkomitees, Alois Arnold von der Jungen SVP in Uri, zeigte sich zuletzt optimistisch, dass eine Mehrheit für den zweiten Tunnel zustande kommen könnte. Und auch in Bern glauben die Befürworter, dass der Wind nach jahrelanger Lobbyarbeit drehen könnte.

SVP-Politiker Giezendanner zuversichtlich

«Ich glaube, dass die Stimmung kippt», sagt etwa SVP-Verkehrspolitiker und Spediteur Ulrich Giezendanner, der schon 2002 für eine zweite Röhre politisiert hatte, Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Als Grund nennt er unter anderem Einsichten aus der Praxis: «Die Verkehrsplaner merken jetzt, dass die Schiene das niemals alleine bewältigen kann.»

Zuversichtlich stimmt ihn ausserdem, dass auch Vertreter der politischen Mitte im gleichen Sinn votieren – und verweist dazu auf die Motionen für den «Bau einer zweiten Strassentunnelröhre am Gotthard», die Ende September 2010 auch von den Nationalräten Hans Grunder (BDP), Doris Fiala (FDP), Norbert Hochreutener und Pius Segmüller (beide CVP) eingereicht wurden.

SP: Hämmerle gegen eine fünfte Röhre

Auf der Gegenseite gibt man sich allerdings gelassen. Nationalrat Andrea Hämmerle, der in der Verkehrskommission sitzt und seit Jahren mit Giezendanner über den Gotthard streitet, glaubt nicht daran, dass eine zweite Röhre gebaut werden wird. «Das ist nicht zu erwarten», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, «in der Bevölkerung gibt es dafür keine Mehrheit.» Und verweist dazu auch auf die Avanti-Inititiative, die vom Volk im Februar 2004 klar verworfen worden war.

«Im Gotthard hat es genügend Röhren», so Hämmerle weiter: eine Strassenröhre, zwei Röhren im Basistunnel und die Bergstrecke. Ein fünftes Mal durch den Berg bohren? «Absurd!», sagt der Bündner Nationalrat. Zudem verweist er, wie bereits andere Vertreter der Nein-Fraktion, auf den Zeithorizont für einen Neubau: «Bis die zweite Röhre fertig ist, wäre die erste längst saniert.»

Graubünden: Sorgen wegen negativer Erfahrungen

Und die «Kontingentierung» von Lastwagen auf der San Bernadino-Route im Bündnerland? Womöglich war der Bericht ein Resultat der angespannten Stimmungslage. Eine Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bei der Regierung des Kantons Graubünden relativiert die Aussage jedenfalls. In der aktuellen Antwort auf einen Fraktionsauftrag der FDP heisst es, der Kanton «fordert vor allem eine Kontingentierung der Lastwagenfahrten auf der San-Bernadino-Route», falls keine zweite Tunnelröhre gebaut wird. Doch davon, dass er sie selbst kontingentieren will, ist keine Rede.

Auch das Wort Kontingent wird vom zuständigen Bau-, Verkehrs- und Forstdepartement relativiert. Gemeint sei ein Dosiersystem mit Wartezonen und geregelten Durchfahrzeiten für Lkws, erklärt Departementssekretär Alberto Crameri – ein Verkehrsmanagement, ähnlich wie nach dem Brandunfall im Gotthard-Tunnel am 24. Oktober 2001, als der Schwerverkehr über den San Bernardino geleitet wurde.

«Für die Bevölkerung war das eine Riesenbelastung», sagt Crameri. Mit einer Überlastung der Route während einer allfälligen Sanierung am Gotthard rechnet er «auf jeden Fall» – und verweist auf die Untauglichkeit der San-Bernardino-Strecke mit den vielen Kurven und Steigungen. Mehr Lastwagen findet er eine «rechte Herausforderung», sagt er. Und ein «Tropfenzählersystem» zur LkW-Dosierung der Bernadino-Route findet sich schliesslich auch in den Vorschlägen des Bundesrates zur Verkehrsführung während der Sanierung.

Erstellt: 10.05.2011, 14:24 Uhr

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