«Ich habe Curdin sehr gerne bei mir»

Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf spricht kurz vor der Abstimmung über den Familienartikel über ihre Rolle als Mutter, Grossmutter und die Lizenz zum Kinderhüten.

Brachten Leben in das «trockene» Sekretariat: Eveline Widmer-Schlumpf mit Tochter und Enkel im Dezember 2011.

Brachten Leben in das «trockene» Sekretariat: Eveline Widmer-Schlumpf mit Tochter und Enkel im Dezember 2011. Bild: Keystone

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Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf brachte Beruf und Familie dank der Mithilfe ihrer Eltern und Schwiegereltern stets «innerfamiliär» unter einen Hut. Ihre drei Kinder ­Carmen, Giannina und Ursin musste die Juristin deshalb nie in eine Kindertagesstätte schicken. Ein Privileg. Für die 56-Jährige, die vor gut einem Jahr zum ersten Mal Grossmutter wurde, funktioniert aber auch das Krippenmodell. Unter einer Bedingung: «Wichtig ist, dass die Kinder, wo auch immer sie betreut werden, spüren, dass sie willkommen sind.»

Frau Widmer-Schlumpf, wie haben Sie Beruf und Kinderbetreuung als junge Mutter unter einen Hut gebracht?
Vorausschicken möchte ich, dass ich, als ­meine Kinder klein waren, Teilzeit ­gearbeitet habe. Immer dann, wenn ich beruflich ausser Haus tätig war, wurden die Kinder von meiner ­Mutter, meiner Schwiegermutter oder von einer guten Freundin von mir betreut. Sie alle haben sich sehr gerne um unsere Kinder gekümmert. Diese Lösung bedingt natürlich, dass man sich sehr gut organisiert. Das, glaube ich, ist uns gelungen.

Tochter Carmen Ladina nahmen Sie zeitweise im «Moseskörbchen» mit ins Gerichtsgebäude. Das war Mitte der 80er-Jahre nicht alltäglich.
Das stimmt. Aber es funktionierte nur, weil Carmen Ladina – dies im Unterschied zu ihrer Schwester – sehr oft und überall geschlafen hat. Hinzu kam, dass die Kanzleichefin, in deren Büro wir das Körbchen jeweils ­deponiert haben, grosse Freude an Kindern hatte. Diese Lösung brachte auch etwas Leben in das «trockene» Sekretariat.

Wie haben Sie sich in der Kinderbetreuung mit Ihrem Mann aufgeteilt?
Ich hatte zum einen das Privileg, dass ich als Anwältin viel zu Hause arbeiten konnte. War ich auswärts, konnte ich mich auf mein Umfeld verlassen. Mein Mann kümmerte sich am Abend um die Kinder und hielt mir gleichermassen den Rücken frei, wenn ich am Wochenende auswärts Verpflichtungen hatte.

Dann haben Sie Ihre Kinder nie in eine Krippe geschickt?
Nein. Ich weiss gar nicht, ob es damals bei uns in der Nähe schon Krippen gab. So oder so, die Frage stellte sich nicht, weil ich mich voll und ganz auf mein Umfeld verlassen konnte.

Ihre Eltern lebten im gleichen Dorf. War dies ein Privileg?
Das war natürlich ein Riesenvorteil. Meine Eltern hatten aber auch jeweils grosse Freude, ihre Enkelkinder zu hüten.

Sie und Ihr Mann machten beide Be­rufskarriere und fanden für die Kinder­betreuung eine individuelle Lösung. Spürten Sie Neid im Umfeld?
Nein, überhaupt nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass auch ich, wenn immer es ging, Kinder anderer Familien bei mir zu Hause betreute.

Ist es einfacher, auf dem Land eine Lösung für die Betreuung zu finden als in städtischen Gefilden?
Massgebend ist weniger, ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt. Massgebend sind vielmehr das Umfeld, die eigene Flexibilität und ­die Offenheit.

Hatten Sie manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn Sie die Kinder in die Obhut anderer gaben?
Nein, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Wichtig ist, dass die Lösung für alle Beteiligten stimmt. Das beginnt natürlich bei den Kindern, schliesst aber auch die Betreuungspersonen mit ein. Die Personen, die mir bei der Kinderbetreuung halfen, haben das sehr gern gemacht. Meine Kinder haben gespürt, dass sie immer willkommen waren.

Ihre jüngere Tochter, Giannina, kam mit einem schweren Herzproblem zur Welt. Wie schwierig war die Doppelbelastung Mutter–Beruf in dieser Situation?
In dieser Zeit habe ich für ein Jahr die Arbeit ausser Haus eingestellt, um ­Giannina zu pflegen – und mich ­natürlich auch um Carmen zu kümmern. Danach bin ich sukzessive wieder in den früheren Arbeitsrhythmus eingestiegen.

Was sagen Ihre Kinder heute zur Art, wie sie aufwuchsen?
Meine Kinder sagen auch heute noch, dass die Lösung, wie wir sie für uns treffen konnten, für sie gestimmt habe. Das war nicht nur spannend für sie, sondern hat sie auch sehr selbstständig werden lassen. Was sie auch positiv beeinflusst hat, war der Umstand, dass wir ebenfalls immer wieder andere Kinder an unserem Tisch hatten.

Und was raten Sie Ihren Kindern?
Wie gesagt, die Erfahrungen, die ­unsere Kinder machen durften, ­sprechen für sich. Ich brauche ihnen deshalb keine Ratschläge zu erteilen. Curdin, mein Enkelkind, ist zwei Tage in der Woche in der Krippe und die restlichen fünf Tage teilen sich die ­Eltern die Betreuung. Und natürlich freue ich mich, wenn ich Curdin ­zwischendurch mal am Wochenende hüten darf.

Die Grossmutterpflicht.
Das ist für mich keine Pflicht, sondern immer eine grosse Freude. Ich habe Curdin sehr gerne bei mir – im ­Moment nicht so oft, wie ich mir wünschte, aber das wird sich auch einmal ändern.

In der Diskussion um den Familienartikel treffen zwei Betreuungsmodelle auf­einander: Die Krippe auf der einen und «Familie pur» auf der anderen Seite. Welche Lösung ist die Ideale?
Was heisst schon ideal? Es kommt auf den konkreten Einzelfall und das ­Umfeld an. Und es muss für alle – insbesondere für die Kinder – stimmen, ob die Kinder nun in einer Krippe oder innerfamiliär betreut werden. Unsere Kinder empfinden die damalige Lösung heute noch als gute Lösung. Auch für uns Eltern war das der richtige Weg, weil wir uns auf unsere «Betreuungshilfen» voll verlassen konnten und weil man sich in un­serem Umfeld gegenseitig bei der ­Kinderbetreuung unterstützt hat.

Ihre Tochter hat für Curdin ein anderes Modell gewählt.
Curdin ist zwei Tage in der Krippe und fühlt sich dort offensichtlich wohl. Für seine Eltern ist das eine gute Lösung. Sie wissen, ihr Sohn ist in einer guten Krippe und geht gerne hin. Kurzum: Es gibt nicht das gute oder das schlechte Modell. Wichtig ist, dass die Kinder, wo auch immer sie betreut werden, spüren, dass sie willkommen sind, und dass die Eltern die Möglichkeit haben, das Lebensmodell, das für sie und ihre Kinder stimmt, zu wählen. Dazu braucht es Rahmenbedingungen, die diese Wahl ermöglichen.

Sie sind seit gut einem Jahr Grossmutter. Würden Sie heute die «Lizenz zum Kinderhüten» für Grosseltern nochmals aufs Tapet bringen?
Das würde ich heute nicht mehr vorschlagen. Ich habe mir schon damals rasch einmal sagen müssen, dass das keine gute Idee war. Das hat mir im Übrigen auch meine Mutter klar gesagt. Das Thema Lizenz zum Kinderhüten für Grosseltern ist vom Tisch und das ist gut so.

Erstellt: 22.02.2013, 10:15 Uhr

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