«Ich habe über 100 Mails erhalten, 80 Prozent negativ»

SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi bringt Homosexuelle gegen sich auf. Im Interview erklärt er den Hintergrund – und sagt, wer ihm «Bisch en dumme Siech» an den Kopf werfen würde.

«Man muss doch sagen können, dass eine homosexuelle Partnerschaft nicht dasselbe ist wie eine Ehe mit Kindern, in der man zu schauen hat, dass diese recht herauskommen»: Toni Bortoluzzi, SVP-Nationalrat.

«Man muss doch sagen können, dass eine homosexuelle Partnerschaft nicht dasselbe ist wie eine Ehe mit Kindern, in der man zu schauen hat, dass diese recht herauskommen»: Toni Bortoluzzi, SVP-Nationalrat. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Warum äusserten Sie sich in der Zeitschrift «Beobachter» derart negativ über Schwule und Lesben? Sie hätten einen «Hirnlappen, der verkehrt läuft», sagen Sie da.
Thema des Artikels war die geplante Reform des Familienrechts. Die Basler Rechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer hat auf Geheiss von Bundesrätin ­Simonetta Sommaruga ein Grundlagenpapier über die geplante Revision des Familienrechts verfasst. Dieses gab zu Diskussionen Anlass. Gleichzeitig war für mich der Sieg von Conchita Wurst am Eurovisions Contest ein Ärger. Auf meinem Pult lag zudem ein Gleichstellungsbericht des Bundes, der acht Millionen Franken gekostet hat. Dieses Sammelsurium von Minderheitenkult und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, aus meiner Sicht, führte dazu, dass ich diese saloppe Bemerkung machte.

Hat Sie der darauf folgende Sturm der Entrüstung überrascht?
Ich stehe diesem Sturm mit einiger Distanz gegenüber, weil ich ihn nicht als ehrlich empfinde. Ich habe mehr als 100 Mails erhalten, 80 Prozent davon waren negativ. Meine Aussage war provokativ und für viele nicht leicht zu verdauen …

… was nicht weiter verwunderlich ist.
Weder in den Mails noch in den Medienberichten über meine Aussagen sprach jemand von der Sache. Es sei eine unanständige Aussage, sie sei verletzend. Die Journalisten sind nicht ganz unschuldig daran, dass in diesem Zusammenhang niemand mehr von dem sprach, worum es ­eigentlich ging, nämlich vom Familienrecht. Sie stürzten sich auf diese für sie attraktive, provokative Aussage und blieben nicht beim Kernthema.

Auch Ihr Solothurner Fraktionskollege Walter Wobmann fragte sich, welcher Teufel Sie geritten habe. Sie hätten sich schon höflicher ausdrücken können?
Ja, gut. Wie gesagt, ich hab mich schon ein wenig salopp ausgedrückt. Wobei meine Kollegen keine Kenntnisse über den familienrechtlichen Ursprung der ganzen Geschichte hatten. Was die Expertin Ingeborg Schwenzer in ihrem Gutachten schreibt, ist absurd. Sie meint, die Ehe solle nicht mehr die Grundlage des Familienrechts bilden, sondern alle Formen von Lebensgemeinschaften, aus denen rechtliche Konsequenzen erwachsen. Eine solche Gemeinschaft soll dann bestehen, wenn die Partnerschaft drei Jahre dauert, das Paar ein gemeinsames Kind hat oder zumindest ein Partner substanzielle Beiträge für die Gemeinschaft erbringt.

Wie tolerant sind Sie gegenüber anderen Lebensformen als der Ehe?
Mir geht es um den Schutz des Rechtsinstituts der Ehe. Dieses bildet das Fundament unserer Gesellschaft und braucht deshalb einen besonderen Schutz, wie dies in der Verfassung festgehalten ist. Ich finde, jeder soll im Rahmen der Rechtsordnung so leben, wie er oder sie dies für richtig empfindet. Als Problem nehme ich wahr, dass Toleranz politisch ­immer mehr gleichgesetzt wird mit der Auffassung, es seien alle gleich. Dies stimmt aber nicht. Es sind eben nicht alle gleich. Die Herausforderung besteht darin, dass man tolerant ist aufgrund bestehender Ungleichheiten. Die Gesellschaft soll eine gewisse Ordnung haben. Den Rechtsstatus, den die Organisation Familie im Sinne eines Fundaments unserer Gesellschaft hat, muss man nicht allen zugestehen. Er soll jenen gehören, die die damit verbundenen Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen wahrnehmen.

Eine eingetragene Partnerschaft soll rechtlich nicht gleichgestellt werden mit der Ehe als Kern der Gesellschaft?
Ja, das sehe ich genau so. Eine Partnerschaft zwischen Frau und Mann, die Kinder hat, ist eine nachhaltige, gesellschaftliche Aufgabe. Es braucht die Biene und die Blüte in der Natur. Diese Nachhaltigkeit können Homosexuelle aufgrund ihrer Neigung nicht für sich in Anspruch nehmen. Es ist doch überhaupt kein Problem, zwischen gleichgeschlechtlichen Lebensformen und der Ehe eine politisch unterschiedliche Beurteilung vorzunehmen. Das wiederum hat nichts damit zu tun, dass man Homosexuellen gegenüber nicht tolerant auftreten soll. Diese haben eine andere Neigung und sollen diese auch ausleben können. Aber die Gleichstellung – diesen Anspruch haben sie nicht. Dies wollte ich zum Ausdruck bringen.

Weshalb haben Sie den Anspruch nicht?
Die gleichgeschlechtliche Partnerschaft kann für sich nicht in Anspruch nehmen, für unsere Gesellschaft im Sinne der Fortpflanzung nachhaltig zu sein, logischerweise. Dies auf saloppe Weise anzusprechen, ist bei vielen Leuten offensichtlich verpönt. Ich finde das komisch. Man muss doch sagen können, dass eine homosexuelle Partnerschaft nicht dasselbe ist wie eine Ehe mit Kindern, in der man zu schauen hat, dass diese recht herauskommen.

Welche persönliche Erfahrung haben Sie mit Homosexuellen?
Ich hatte die besondere Situation, dass in meinem engsten Freundeskreis, in dem wir uns über Jahrzehnte praktisch wöchentlich trafen, zwei Homosexuelle waren. Mit dem einen sass ich 16 Jahre lang im Gemeinderat. Wir hatten kaum je politische Meinungsunterschiede. Er hat aus seiner Homosexualität in unserem Kreis keinen Hehl gemacht, und dies schon in einer Zeit, in der man sonst höchstens hinter vorgehaltener Hand darüber sprach. Das hat mich schon auch geprägt, sodass ich dieser ­Neigung locker gegenüberstehe und Toleranz und Offenheit gelernt habe. Beide Freunde sind gestorben und beide fehlen mir.

Ihr Gemeinderatskollege und Freund, den Sie vermissen, war der Sportreporter Hans Jucker. Würde er noch leben, was sagte er Ihnen zur Gehirnlappen-Sache?
Bisch en dumme Siech (lacht.) Und die gemütliche Runde würde fort­gesetzt.

Erstellt: 16.06.2014, 10:14 Uhr

Artikel zum Thema

«Conchita Wurst ist Teil einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung»

Heikle Aussagen Nationalrat Toni Bortoluzzi zeigt keine Reue: In einem Interview doppelt er mit weiteren schwulenfeindlichen Äusserungen nach. Mehr...

Bortoluzzi: Schwule und Lesben «fehlgeleitet»

Der Zürcher SVP-Nationalrat bezeichnet gleichgeschlechtliche Partnerschaften als «Blödsinn». Die Schwulenorganisation Pink Cross ist «konsterniert». Und auch aus Bortoluzzis Partei kommt heftige Kritik. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Geldblog So riskant ist die Osram-Übernahme für AMS
Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Paid Post

Wie zahlen sich Investitionen in Analytics und KI aus?

Analytics und künstliche Intelligenz (KI) stehen bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Das bedeutet aber nicht, dass die Investitionen auch zu einem geschäftlichen Mehrwert führen.

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...