«Ich hatte Todesangst»

Der ehemalige Greenpeace-Aktivist Andreas Freimüller berichtet von seinen Erfahrungen als Kletterer: Als sein Leben in den Händen von mit Messern bewaffneten Sicherheitsleuten lag, fürchtete er um sein Leben.

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Andreas Freimüller, zurzeit sitzen 28 Greenpeace-Aktivisten und zwei Journalisten wegen einer Aktion in der Arktis in Russland im Gefängnis. Kennen Sie als ehemaliger Greenpeace-Aktivist solche Situationen?
Ja, ich war sogar in einer ganz ähnlichen Situation in Russland. 1992 versuchten wir in der Kara-See Atommüll zu dokumentieren, den die russischen Behörden dort versenkt hatten. Die Situation war bedrohlich, auch damals feuerte die Küstenwache zuerst Warnschüsse ab. Als wir dann mit einem ferngesteuerten U-Boot nach dem Atommüll suchten, wurden wir zuerst beschossen und dann verhaftet. Ich war damals zehn Tage lang in russischem Gewahrsam.

Bereuten Sie Ihren Einsatz nicht spätestens dann bitter, als Sie in russischer Haft waren?
Nein. Ich hatte mich ja zuvor mit den Risiken der Aktion auseinandergesetzt. Ich war bereit, so weit zu gehen, weil mir die Sache, der Schutz der Umwelt, so sehr am Herzen lag. Und klar: Als junger Mensch ist es auch ein Thema, Grenzen zu überschreiten.

Und diese Motive waren tatsächlich stärker als die Angst?
Ich hatte bei den gefährlichen Aktionen immer wieder furchtbare Angst. Am Anfang meiner Aktivistenzeit musste ich mich regelmässig am Abend vorher übergeben. Aber Angst ist nicht nur unangenehm, sie schützt einen manchmal auch.

Können Sie das erklären?
Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: In Malta hing ich als Kletteraktivist einmal an einem Hochhaus. Über mir sah ich plötzlich zwei Sicherheitsleute mit Messern in den Händen. Sie drohten, das Seil abzuschneiden. Ich hatte Todesangst. Danach hörte ich auf mit den Kletteraktionen und konzentrierte mich auf andere Projekte.

Sie waren zwischen 1992 und 1997 Besatzungsmitglied auf den Greenpeace-Schiffen, danach bis zum Jahr 2008 an Aktionen beteiligt. Wie haben das Ihre Eltern durchgestanden?
Man erzählt natürlich im Vorfeld von Aktionen nicht zu viel. Gerade für meine Mutter war mein Engagement am Anfang eine grosse Herausforderung. Am Ende kam sie selber für drei Wochen als Köchin auf ein Greenpeace-Schiff und wurde sogar zusammen mit uns von den französischen Behörden verhaftet.

Wie kam dieser Sinneswandel Ihrer Mutter zustande?
Sie sah, dass unsere Aktionen auch Wirkung hatten. Zum Beispiel die Aktion in der Kara-See zur Dokumentation des versenkten Atommülls: Zuerst wurden wir verhaftet. Danach beauftragte der damalige Präsident Boris Jelzin aber eine Kommission, den Fall zu untersuchen. Es ist wirklich so: Wenn Sie sehen, dass Sie etwas mit den Aktionen erreichen können, dann ist das auch extrem sinnstiftend für ihr ganzes Leben.

Sie konnten sogar beruflich auf Ihrem Greenpeace-Engagement aufbauen. Sie begannen mit 22 Jahren als Aktivist. Später wurden Sie von Greenpeace als Campaigner angestellt. Mittlerweile haben Sie eine eigene Kommunikations- und Kampagnenagentur.
Ja, das stimmt. Ich habe mein Leben lang nie etwas anderes gemacht als Kampagnen. Zudem war mir die Umwelt schon als Teenager wichtig. Zu Greenpeace kam ich aber eher durch Zufall. Ich war in den Bergen aufgewachsen und konnte gut klettern. Deshalb wurde ich von einem Bekannten für eine Kletteraktion am damaligen Gatt-Gebäude (heute WTO) in Genf angefragt. 1992 ging ich als Hilfskoch auf ein Greenpeace-Schiff. Dort wurde ich vom Kapitän gefördert, stieg rasch auf und durfte bald an meiner ersten Arktis-Expedition teilnehmen.

Sie haben Ihr halbes Leben bei Greenpeace verbracht. Hat sich dies auch auf Ihr Privatleben ausgewirkt?
Ja. Ich habe mittlerweile ein Beziehungsnetz aus Gleichgesinnten in über 30 Ländern. Dort kann ich anklopfen, wenn ich eine Anlaufstelle brauche. Das ist nicht nur nützlich, sondern auch sehr schön. Unter den Verhafteten in Murmansk sind auch Freunde von mir. Ich leide, wie wenn meine Familie im Gefängnis wäre.

Tun Sie etwas?
Ja, aber das sind erst Ideen, die noch etwas in meinem Kopf gären müssen. Weiter möchte ich öffentliche Auftritte dazu nutzen, die offizielle Schweiz zum Handeln aufzufordern. Schon 1992 hat sie aus meiner Sicht zu wenig getan.

Wie kommen Sie darauf?
Als das Aussendepartement meine Mutter anrief, um ihr mitzuteilen, dass ich im Gefängnis sei, war ich bereits wieder draussen. Dies teilte meine Mutter dann den EDA-Leuten mit. Ich wünsche mir wirklich, dass sich die Schweiz nun ein Beispiel an Holland oder Neuseeland nimmt und sich wirklich für die Befreiung der Greenpeace-Aktivisten einsetzt. Nett schwatzen nützt leider nichts.

Erstellt: 09.10.2013, 12:00 Uhr

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