«Ich kann doch niemandem vorschreiben, kein Fleisch zu essen»

Die Menschheit stehe trotz Vegi-Trend vor einem Fleischboom, sagt Lebensmittelhändler Christian Jörg. Trotzdem könnten 9 Milliarden Menschen satt werden.

«Wir sollten uns nicht auf die sechs wichtigsten Getreide konzentrieren», sagt Christian Jörg. «Bei den Tieren ist es dasselbe.» <nobr>Foto: Andrea Zahler</nobr>

«Wir sollten uns nicht auf die sechs wichtigsten Getreide konzentrieren», sagt Christian Jörg. «Bei den Tieren ist es dasselbe.» Foto: Andrea Zahler

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Sie haben als Lebensmittelhändler in Australien, Kanada, Peru und Belgien gearbeitet. Nun sind Sie die Nummer zwei des saudischen Staatsfonds für Lebensmittel, einer Milliarden-Operation. Ganz konkret: Was ist Ihr Auftrag?
In der Ukraine bewirtschaften wir zum Beispiel eine Farm mit 220'000 Hektaren. Zusammen mit einem zweiten Hof in Australien, der ebenso gross ist, entsprechen die beiden Betriebe etwa der gesamten Ackerfläche der Schweiz.

Verzeihen Sie – aber als Schweizer Konsument habe ich Mühe, mir eine solche Farm vorzustellen.
Stellen Sie sich einen Bauernhof von Schaffhausen bis Genf vor. Die Trak­toren fahren automatisch, da sitzt oft kein Mensch mehr in der Kabine. Wir arbeiten mit Drohnen, Satelliten, Big Data. Der Kontrollraum sieht aus wie ­jener im Flughafen Zürich. In der ­Ukraine arbeiten circa 2600 Personen, in ­Australien 120. Es sind diese Be­triebe, welche die globale Ernährungssicherheit garantieren. Nur so können wir künftig neun Milliarden Menschen ­ernähren.

Die Klimadebatte politisiert den Speisezettel
Roboter übernehmen nicht nur in Fabriken immer mehr Aufgaben, sondern auch auf Äckern: Prototyp eines fahrerlosen Traktors im Einsatz. Foto: iStock

Am 8. August 2019 publizierte der Weltklimarat IPCC einen 800-seitigen Spezialreport, der explizit auch den globalen Fleischboom thematisierte. Nein, man wolle den Menschen nicht vorschreiben, was sie zu essen hätten, sagte Chefexperte Hans-Otto Pörtner dem Fachmagazin «Nature» dazu. Aber: «Es wäre für das Klima und auch für die menschliche Gesundheit von Vorteil, wenn die Menschen in reichen Ländern weniger Fleisch konsumieren würden und die Politik Anreize dafür schaffen würde.» Mit anderen Worten: Der Streit ums Klima politisiert den Speisezettel.

Der Fleischkonsum ist dabei ein zentraler Punkt. Im Herbst 2019 diskutierte Deutschland über eine mögliche Fleischsteuer, in der Schweiz zankt man sich über vegetarische Menüs in Uni-Kantinen, und ein CVP-Nationalrat fordert im Parlament unter dem Titel «Darf man Steaks überhaupt noch essen?» Rechenschaft vom Bundesrat. Spezialisten sind sich einig, dass sich diese Debatte im Jahr 2020 weiter verschärfen wird. (ms)

Ist das überhaupt zu schaffen?
Einfach ist es nicht. Die Welt­bevölkerung hat sich seit 1900 von weniger als zwei Milliarden auf heute fast acht ­Milliarden vervierfacht. Ja, die Landwirtschaft hat auch Fortschritte gemacht. Aber wenn Sie das Wachstum der Menschheit mit der Zunahme der Ernten vergleichen, stösst man langsam an eine Grenze. Kommt dazu: Die global verfügbaren Agrarflächen pro Person haben sich in den letzten 50 Jahren von ungefähr 0,4 auf 0,2 Hektaren halbiert. Und dieser Trend wird weitergehen.

Warum?
Überbauung, Versteppung, Verwüstung, Versalzung. Gleichzeitig wollen wir angesichts des Klimawandels verhindern, dass weiter Wälder abgeholzt werden. Also gibt es nur einen Weg: Wir müssen den Ertrag pro Fläche steigern.

Wie kann das gelingen?
In Australien haben wir 2019 auf unserer Farm das trockenste Jahr der letzten hundert Jahre erlebt. Trotzdem konnten wir noch 60 Prozent einer ­normalen Ernte einfahren. Mit moderner Technologie können Bauern heute mit 300 Millimetern Regen Weizen ernten. Das konnte man vor 10 Jahren noch nicht.

300 Millimeter – wie wenig ist das?
In Zürich haben wir 1100 Millimeter Regen pro Jahr. Man kann heute also mit einem Drittel des «Zürcher Regens» Weizen herstellen. Wir benutzen neue Saatgüter und neue Erntemethoden, zum Beispiel pflügen wir nicht mehr.

Sie haben jetzt technische Lösungen angesprochen. Gibt es andere Ansätze?
Man muss auch über genetisch veränderte Pflanzen reden.

Die hochumstritten sind.
In Europa, ja. Global gesehen werden diese Pflanzen aber eingesetzt, so in Nord- und Südamerika. Da ist zum ­Beispiel das Problem des Maiszünslers. In Amerika sind die Pflanzen so modifiziert, dass die Pflanzen für den Schädling giftig sind. Ergebnis: weniger Spritzmittel, höherer Ertrag.

Christian Jörg
Der Schweizer versorgt Saudiarabien mit Nahrungsmitteln. Foto: Andrea Zahler

Christian Jörg wuchs im Kanton Schwyz auf und lernte in Zürich Bauer. Der 53-Jährige ging früh ins Ausland, sammelte in Australien Erfahrungen auf einer Schaffarm, später arbeitete er als Getreidehändler unter anderem in den USA, Peru, Belgien und England. Heute amtet Jörg als Nummer zwei der Saudi Agricultural and Livestock Investment Company (SALIC), die dem saudischen Staatsfonds gehört. Ziel der 2009 gegründeten und mit mehreren Milliarden Dollar alimentierten SALIC ist es, die Versorgung ­Saudiarabiens mit Nahrungsmitteln sicherzustellen. Christian Jörg pendelt zwischen Riad und Genf, ist verheiratet und hat drei Kinder. (ms)

Das ist der biotechnologische Ansatz. Welche weiteren Mittel sehen Sie?
Zwei Punkte – erstens: Food-Waste. Die Menschheit wirft pro Jahr etwa 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weg. Eine wahnsinnige Zahl! Damit könnte man schon heute neun Milliarden Menschen ernähren. In den Industrieländern werfen wir 30 Prozent der fertigen Produktion weg, in Supermärkten, in der Gastronomie, zu Hause. In Entwicklungsländern kommen die Nahrungsmittel oft gar nie bei den Konsumenten an, weil sie verrotten oder verschimmeln.

Wer ist gefragt?
Alle. Die Industrie, die Gastronomie, aber auch der Konsument. Jeder einzelne von uns, der 30 Prozent fortwirft.

Und der zweite Punkt?
Die Food-for-Fuel-Programme sind in meinen Augen ein Unsinn. Allein die USA verarbeiten über hundert Millionen Tonnen Mais zu Biotreibstoffen. Dass man auf abnehmenden Flächen Treibstoff produziert, der auch noch stark subventioniert wird, leuchtet mir nicht ein. Wenn Sie diese beiden Punkte – Food for Fuel und Food-Waste – zusammennehmen: Da schlummert ein riesiges Potenzial.

Wie lautet Ihre persönliche Prognose – kann die Landwirtschaft mit dem Bevölkerungswachstum mithalten?
Die Zahlen sagen: Ja. Am 31. Dezember werden jeweils die globalen Vorräte eines Lebensmittels – etwa Weizen – aus allen Lagerhäusern zusammen­gerechnet. Wir haben aktuell globale Weizenreserven von rund 270 Millionen Tonnen. Ein Rekord! Diese Vorräte haben in den letzten Jahren fast stetig zugenommen. Obwohl der Einfluss des Klimawandels auf die Landwirtschaft unbestritten wichtiger wird.

Wo sehen Sie die grössten Gefahren für die Ernährungssicherheit?
Bei Krankheiten wie der afrikanischen Schweinepest. In China sind deswegen dieses Jahr 200 Millionen Sauen gestorben oder wurden notgeschlachtet. Der halbe chinesische Schweinebestand! Eine Schweizer Zahl zum Vergleich: Hier leben 1,5 Millionen Sauen. Und die Gefahr gilt nicht nur für Tiere: Die sechs traditionellen Getreide Mais, Weizen, Soja, Gerste, Sorghum und Reis decken 60 Prozent der Kalorien ab, welche die Menschheit verbraucht. Wenn eines ­dieser Lebensmittel von einem Virus oder Pilz befallen wird, kann das hochgefährlich sein.

«Ich habe über meinen ersten fleischlosen Burger gestaunt.»

Was müssen wir tun, um solche Epidemien einzudämmen?
Biodiversität ist extrem wichtig. Bei den Nutztieren wie auch bei den Pflanzen.

Was meinen Sie konkret?
Dass man auch Durum aussät, also ­Hartweizen. Dinkel. Roggen. Dass wir ­innerhalb einer Art verschiedene Stämme anpflanzen. Wir sollten uns nicht auf die sechs wichtigsten Getreide konzentrieren. Bei den Tieren ist es dasselbe. In Saudiarabien haben wir heute ­Farmen mit 100'000 Kühen in einem Betrieb, um Milch zu produzieren. Ich frage mich, ob das zielführend ist.

Es gibt eine Gegenbewegung, die weniger Industrialisierung in der Landwirtschaft fordert. Konsumenten sollen näher an die Produzenten heran – «aus der Region für die Region».
In einem Land wie der Schweiz, wo wir acht Prozent unserer Einkommen fürs Essen ausgeben, ist das ein valabler Gedanke. Aber in Ländern, wo Sie über 50 Prozent Ihres Einkommens in den Kauf von Nahrung investieren, haben Sie eine völlig andere Perspektive. Was wollen Sie? Günstige Lebensmittel in konstanter Qualität! Dasselbe gilt in Ländern, wo Sie 80 bis 90 Prozent der Nahrungsmittel importieren müssen.

Herr Jörg, sind Sie ein Fleischliebhaber?
Ja! Ich muss aber gestehen: ich habe letzte Woche zum ersten Mal einen pflanzenbasierten Burger gegessen.

Und?
Ich habe gestaunt. Der Unterschied zu einem klassischen Burger ist sehr gering. Es blutete sogar ein bisschen, wenn man draufdrückte.

Pflanzlich nachgebautes Fleisch boomt, vom falschen Burger bis zum im Labor gezüchteten Steak. Passiert da gerade etwas?
Ja. Nicht bei den Veganern oder den ­Vegetariern, sondern bei den Flexitariern: Die werden in Zukunft mit ihrem Fleischkonsum anders umgehen.

Wie machen Sies?
Ich bin mehr ein Fleischesser.

Ihr Lieblingsstück?
Ein Rehfilet.

Das woher kommt?
Aus der eigenen Gebirgsjagd.

Sie sind Jahrgang 1966. In Ihrem Geburtsjahr ass ein Mensch im Schnitt 25 Kilo Fleisch pro Jahr. Heute sind wir bei 43 Kilo. Fake-Burger hin oder her – leben wir im Fleisch-Zeitalter?
Richtig, und wir sind noch lange nicht am Ende. Der globale Fleischkonsum wird in den nächsten 30 Jahren voraussichtlich um 40 Prozent steigen.

Warum?
Weil es Länder gibt, die aufholen. Ein durchschnittlicher Chinese hat vor 30 Jahren vielleicht 25 Kilo Fleisch gegessen. Heute isst er über 50 Kilo Fleisch – wie wir. Ein US-Amerikaner isst sogar über 100 Kilo.

«Sie können einem Saudi nicht sagen, er dürfe kein Stück Fleisch essen. Wir essen es ja auch.»

Die Ausnahme: Indien.
Aber auch dort verändert sich etwas, obwohl die Kultur vegetarisch geprägt ist. Die oberen Schichten essen viel mehr Tiere. Der globale Fleischkonsum hat sehr stark mit dem Einkommen zu tun: Je mehr Geld da ist, desto mehr ­tierische Proteine essen Sie. Und weil in vielen Ländern – vor allem in Asien und Afrika – die Einkommen steigen, nimmt auch der Fleischkonsum zu. Da macht es global gesehen keinen Unterschied, ob wir einige Pflanzen-Burger essen: Es gibt viele Länder, wo die Leute noch nicht bei 40 bis 50 Kilo pro Jahr sind.

Was macht der Fleischboom mit der Landwirtschaft?
Die grossen Exporteure arbeiten nicht mehr so, wie wir das in der Schweiz ­kennen. Die meisten Rinder werden in sogenannten Feedlots gemästet, also auf grossen überdachten Mastplätzen. Diese Rinder gehen nicht auf die Weide. Die Betreiber mähen nicht selbst Gras, sondern kaufen Futtermittel auf dem globalen Markt. Das wird zunehmen, um die Nachfrage zu decken. Wir selber haben eine Schlachtkapazität von fast 30'000 Rindern, pro Tag!

Das Image von Plätzli und Würsten hat im Zuge der Klimadebatte stark gelitten. Was antworten Sie jenen, die den Fleischkonsum aus Klimagründen einschränken wollen?
Essen ist viel mehr als essen. Es geht nicht nur um Energieaufnahme, es geht um Kultur. Was man isst – oder eben nicht isst –, zeichnet einen aus. Es ist in meinen Augen dem Konsumenten überlassen, zu entscheiden, was er essen will. Ausserdem können Sie nicht einem Saudi oder einem Chinesen sagen, er dürfe kein Stück Fleisch essen. Wir selbst essen es ja auch.

Was, wenn 2020 eine «Vegi-Greta» in Erscheinung tritt, die zum globalen Fleischverzicht aufruft?
Der Produzent wird sich dem Trend ­anpassen – der Konsument entscheidet. Wenn die Chinesen oder die Inder weniger Fleisch essen wollen, dann werden die Hersteller weniger produzieren.

Die Landwirtschaft ist nicht nur ein Treiber des Klimawandels, sondern auch ein Opfer.
Die Probleme sind in manchen Teilen des Planeten immens. Besonders schwer sind die tropischen Länder und Sub­sahara-Afrika betroffen. Es gibt aber auch eine andere Seite.

Nämlich?
Der Klimawandel ist für manche ­Länder auch eine Chance, in erster Linie für die beiden grössten: Kanada und Russland. Die profitieren massiv, weil sich die ­Vegetationszonen nach Norden verschieben. In Kanada bauen wir übrigens gerade ein riesiges Getreideterminal.

Wie kam es, dass ausgerechnet Sie diesen gigantischen Ausbau der saudischen Lebensmittelindustrie vorantreiben?
Der Kontakt kam über eine kanadische Firma zustande, für die ich früher gearbeitet habe. Ich reise schon seit ­zwanzig Jahren nach Saudiarabien. Als ich das erste Mal dort war, hat das Land noch Getreide exportiert. Da gab es ­Programme für die Bevölkerung, um in der Wüste Weizen anzubauen. Man ­holte das Wasser 1000 bis 2000 Meter tief aus dem Boden. Aber jetzt, mit den Reformen, die in dem Land stattfinden, sagt man: Das macht keinen Sinn. Wir bewässern keine Getreidefelder mehr. Dementsprechend nehmen nun die Importe zu.

«Der Eindruck, dass Lebensmittel in der Schweiz generell besser seien als im Ausland, ist falsch.»

Die Saudis teilen Grundwerte nicht, die wir hochhalten – Meinungsfreiheit, Rechtsgleichheit, keine Todesstrafe. Was haben Sie sich überlegt, als zur Debatte stand, eine Schlüsselrolle für einen Staat zu übernehmen, der diese Werte nicht verkörpert?
Ich glaube, ich spreche für die meisten Expats: Wir werden extrem höflich aufgenommen. Gleichzeitig wandelt sich das Land in unglaublichem Tempo. Davon abgesehen: Wir würden es ja auch nicht akzeptieren, wenn die Saudis uns ihre Werte überstülpen würden, oder?

Nein. Aber das war nicht meine Frage.
(Überlegt) Es erfüllt mich mit Stolz, dass ich mithelfen kann, einem Land mit 33 Millionen Einwohnern die Ernährungssicherheit zu garantieren. Das ist eine unglaubliche Aufgabe, die mir viel Freude bereitet. Ich bin kein Politiker. Ich habe einen klaren Auftrag.

Der durchschnittliche Schweizer Bauernhof ist winzig im Vergleich: Mähdrescher auf einem Feld in der Ukraine. Foto: Iaroslav Danylchenko (ddp)

Sie haben rund um den Planeten Farmen besucht. Wenn Sie einen hiesigen Hof mit einem ausländischen vergleichen: Was fällt auf?
Der Schweizer Hof ist heute im Schnitt 21 Hektaren gross, das ist im Vergleich sehr, sehr klein. Die Schweiz gibt pro Kopf – neben Norwegen und Japan – am meisten aus für die Bauern. Der Trend ist klar, es geht hin zu grösseren, effizienteren Betrieben. Und: Schweizer Höfe sind übermechanisiert. Die Maschinenpärke unserer Bauern sind gewaltig.

Was machen Schweizer Bauern gut?
Sie produzieren in höchster Qualität… (überlegt)

...ich höre ein «aber» kommen.
Wenn Sie ein Schweizer Hühnchen mit einem brasilianischen Hühnchen vergleichen, dann ist das hiesige Hühnchen nicht per se besser. Ein Rind aus Aus­tralien ist nicht schlechter. Ein Hühnchen hat eine Lebensdauer von 31, 32 Tagen, egal, ob es aus Amerika, Frankreich, Brasilien oder der Schweiz kommt.

Einem Schweizer Bauern glauben wir eher, dass er auf das Tierwohl achtet und keine Antibiotika in die Nahrung mischt. Nähe schafft Vertrauen.
Sicher, und das ist eine Chance für die Schweizer Bauern. Aber: Der Eindruck, dass Lebensmittel hier generell besser seien als im Ausland, ist falsch. Ein Kilo Weizen ist ein Kilo Weizen. Sonnenblumen, Raps, Zucker – das sind Roh­stoffe, die international normiert sind.

Haben wir als westliche Konsumenten einen verengten Blick?
Wir leben nun mal im Luxus. Wir verstehen nicht, was es bedeutet, wenn man 50 bis 60 Prozent seines Einkommens für landwirtschaftliche Güter ausgeben muss. Es gibt 800 bis 900 Millionen Menschen, die heute Mittag nicht wissen, was sie heute Abend essen werden. Da interessiert Sie vor allem eines: Wie kann ich mir das Abendessen leisten?

«Die Landwirtschaft kämpft überall ­damit, dass weniger Leute auf einem Hof arbeiten wollen.»

Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie im globalen Bauernstand?
Die Landwirtschaft kämpft überall ­damit, dass weniger und weniger Leute auf einem Hof arbeiten wollen. In der Ukraine wollen die Leute nach Polen, wo die Einkommen höher sind. In den USA liegt das Durchschnittsalter eines Farmers bei über 57 Jahren.

Warum?
Weil die Jungen abwandern. Die wollen in die Städte. Das ist ein globales Phänomen. Sie wollen bessere Bildungs­optionen für die Kinder, sie wollen nicht mehr sieben Tage pro Woche arbeiten. Es kann sehr einsam sein, auf einer kanadischen Farm mitten im Nirgendwo zu leben.

Jene Bauern, die weitermachen, sehen sich oft als Bewahrer von Brauchtum, Traditionen, Folklore. Teilen Sie das?
Absolut. Als Kind war ich im Herbst jeweils am Alpabzug, wir haben die Kühe von den Alpen im Wägital zurück auf die Höfe getrieben. Das lebt in mir.

Dann Hand aufs Herz: Tut es Ihnen nicht weh, wenn Sie ein brasilianisches Feedlot betreten?
Nein. Ich kann doch niemandem vorschreiben, dass sie oder er kein Fleisch essen darf. Ich als Europäer geniesse meinen Luxus, 365 Tage im Jahr. Ich darf, aber der andere nicht? Das ist doch nicht konsequent.

Erstellt: 02.01.2020, 18:05 Uhr

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