«Ich komme aus einem links-grünen Elternhaus»

Mit seinem Islamischen Zentralrat sorgt Nicolas Blancho ständig für negative Schlagzeilen. Im Interview erklärt der IZRS-Präsident, weshalb die Schweiz weder islamische Schulen noch die Fatwa fürchten muss.

«Wer nicht zweifelt, ist verblendet»: Nicolas Blancho während dem Interview.

«Wer nicht zweifelt, ist verblendet»: Nicolas Blancho während dem Interview. Bild: Urs Baumann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie stellen Sie sich die ideale muslimische Gesellschaft in der Schweiz vor?
Nicolas Blancho: Es geht uns nicht um die Formulierung einer idealen Gesellschaft, sondern darum, dass Muslime in der Schweiz das gleiche Ansehen und dieselben Rechte geniessen wie alle anderen Gruppierungen.

Wo werden Muslime diskriminiert?
Ein Beispiel sind muslimische Lehrerinnen. Wenn sie ein Kopftuch tragen, haben sie fast keine Chance, einen Job zu finden. Oder das Verhalten der Stadt Bülach. Man kündete uns willkürlich und unter fadenscheinigen Argumenten den bereits abgeschlossenen Mietvertrag für die Stadthalle. Dies nur, weil wir dort eine islamische Veranstaltung planten.

Nun sind Sie damit auch in der Aargauer Gemeinde Spreitenbach abgeblitzt. Was tun Sie?
Aktuell stehen noch zwei weitere Optionen zur Diskussion. Genauere Angaben können erst morgen Nachmittag gemacht werden.

Wie wollen Sie mehr Anerkennung für Muslime erreichen?
Mit sehr viel Aufklärungsarbeit. Wir müssen unsere Positionen einbringen und dafür gerade stehen. Wir haben unterschiedliche Wertvorstellungen und Positionen. Das ändert aber nichts daran, dass wir im selben Staat leben und unter dem Dach der hier gültigen Rechtsordnung zusammenfinden müssen.

Sie sind 28 Jahre alt. Vor zwei Jahren standen Sie auf einen Schlag in der Öffentlichkeit und haben regelmässig schlechte Presse. Wie gehen Sie damit um?
Zum einen konnte ich über die Kritik schmunzeln, weil vieles Stimmungsmache ist. Das gehört dazu, wenn man den Weg beschreitet, den wir mit dem Zentralrat gehen.

Ihr Büro ist nicht angeschrieben, bei Auftritten sind Sie von Bodyguards flankiert. Wurden Sie schon bedroht?
Konkret nicht. Aber wir bekommen unschöne Mails und Briefe, natürlich immer anonym. Es liegt auf der Hand, dass es Leute mit radikalen Ideen gibt, die das Gefühl haben, das schöne Schweizer Abendland vor der islamischen Versuchung retten zu müssen.

Muslime tragen weltweit nicht viel zum guten Gefühl bei.
Das stört uns auch. Wir sind aber nicht für diese Taten verantwortlich. Gleichzeitig hat das Bild des bösen, gefährlichen Muslim im Westen eine lange Tradition. Es ist an der Zeit, einzusehen, dass die westliche Art, die Welt zu sehen, nur eine Sichtweise von vielen ist.

Sie vertreten auch radikale Positionen.
Wir sind nicht extremistisch. Das wirft man uns zwar vor, aber Fakten dafür gibt es keine. Im Gegenteil, wir sind immer sehr kulant. Bei uns haben die verschiedenen Richtungen des Islam Platz.

Warum leben Sie nicht in einem islamischen Land?
Das kulturelle Ensemble entspricht nicht meinen kulturellen Vorstellungen. Das kommt für mich nicht in Frage, die Schweiz ist meine Heimat. Ich mag es, hie und da ein Raclette zu essen, in die Berge zu gehen oder in Locarno eine Pizza zu geniessen. Ich habe ja schon oft in islamischen Ländern gelebt und verstehe mich daher auch als Kosmopolit, aber kulturell ist die Schweiz meine Heimat.

Sie planen in Bern eine grosse Moschee. Wie viel haben sie dafür schon gesammelt?
Wir haben Kontakt zu verschiedenen Sponsoren. Solange nichts konkret ist, äussere ich mich nicht dazu. Wir werden offenlegen, wer gespendet hat, wenn das Projekt realisiert wird.

Sie waren dafür in Golfstaaten unterwegs.
Das habe ich nicht bestritten. Die Moschee ist ein umfangreiches Projekt, das die Schweizer Muslime nicht allein tragen können. Das ist übrigens bei vielen religiösen Minderheiten so.

Warum sollten beispielsweise Geldgeber aus Kuwait Ihr Projekt unterstützen?
Spenden hat im Islam einen grossen Stellenwert. Gerade Golfstaaten sind interessiert, sich so einen guten Ruf zu erwerben.

Indem sie Ihnen etwa Land geben? Kuwaitis haben in Berns Westen eine Parzelle...
...das ist uns bekannt. Wir haben verschiedene Orte besichtigt. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Ein weiteres Projekt ist der Internetsender Muslim TV. Wer finanziert das und wo soll das Studio sein?
Wir planen ein Studio mit etwa drei Räumen in Bern. Die Räumlichkeiten haben wir gefunden, aber noch ist nichts spruchreif. Finanziert wird das Projekt definitiv nicht aus dem Ausland, sondern von Donatoren in der Schweiz und durch Mitgliederbeiträge.

Die Investitionen belaufen sich auf mehrere Zehntausend Franken. So gross ist der Zentralrat nicht, mit gerade mal 1500 Mitgliedern.
Mittlerweile haben wir weit über zweitausend Mitglieder...

...aktive?
Passive. Aktivmitglieder sind wir aktuell 45, diese bilden die Generalversammlung. Die Passivmitglieder bezahlen einen Jahresbeitrag von 50 Franken, die aktiven 365 Franken.

Trotzdem ist Ihre Organisation klein – in der Schweiz leben 350'000 bis 400'000 Muslime.
Wir sind die Ersten, die sich nicht über willkürliche und kuriose Drittstellen wie einem Verband, Kantonsverband und Moscheeverband organisieren, bei denen der normale Muslim nicht mehr versteht, wer was macht. Wir sind als direktdemokratische Organisation die grösste.

Viele Muslime haben etwas gegen Sie.
Das stimmt nicht.

Muslimische Dachorganisationen üben öffentlich Kritik.
Wer sind schon Dachorganisationen? Das sind Konstrukte aus ein paar Vorständen, die undemokratisch oder undurchsichtig gewählt wurden. Wir dagegen schaffen mit höchster Professionalität eine Körperschaft, die in der Schweiz politisch, wirtschaftlich und sozial agieren kann. Dass die anderen gegen uns schiessen, liegt daran, dass sie ihren Einfluss schwinden sehen.

Sie sagen, Sie wollen das Verständnis für den Islam fördern, gleichzeitig propagieren Sie eine Parallelgesellschaft.
Das versucht man uns immer wieder anzuhängen.

Sie planen Koranschulen.
Wo ist das Problem? Die Christen gehen auch in die Bibelschule. Wir wollen die Muslime nicht von der Gesellschaft abkoppeln und in einer hinterwäldlerischen Weltvorstellung leben. Wir wollen ihnen nur ermöglichen, eine islamische Schule zu besuchen. So, wie dies die Juden auch tun.

Was verstehen Sie unter einer islamischen Schule und für welche Stufen wollen Sie diese anbieten?
Für die erste bis neunte Klasse. Sie hat den gleichen Lehrplan wie jede andere Schule auch, ausser dass auch der Koran unterrichtet wird. Bei uns könnten Absolventinnen der Pädagogischen Hochschule arbeiten, die ein Kopftuch tragen. Zudem könnten wir nach Geschlechtern getrennten Schwimm- und Turnunterricht anbieten. Absolventen einer islamischen Schule sollen gleich oder sogar besser ausgebildet werden als Absolventen anderer Schulen. Wir wollen hoch fähige Muslime produzieren.

Die gibt es schon.
Ja, aber genug kann es nie geben. Leider herrscht im Selbstverständnis der Muslime oft dieses Schwarz-Weiss-Denken hinsichtlich Glaubenspraxis und Intelligenz vor. Es gibt doch sehr wenige hochgebildete Muslime, die zugleich auch den Glauben praktizieren. Viele erfolgreiche Muslime definieren sich nicht mehr als primär normative Muslime und andersrum sind viele sich normativ definierende Muslime sozial oft schwach gestellt.

Die Schweiz hat ein gutes Bildungssystem. Warum haben sie keinen Erfolg?
Ich kritisiere nicht das System, sondern die Muslime. Ihre Unfähigkeit zur Selbstkritik. Viele sehen nicht ein, dass ihr Versagen aus ihnen entspringt. Sagt man ihnen das, dann sind viele beleidigt. Wir bekommen immer wieder Briefe von jungen Leuten, die klagen, sie fänden keine Lehrstelle. Die Briefe sind schlecht geschrieben und strotzen vor Fehlern. Kein Wunder, dass so jemand keine Lehrstelle findet. Wer so auf den Markt kommt, ist nicht wettbewerbsfähig.

Warum soll die Unfähigkeit zur Selbstkritik bei Muslimen öfter auftreten als bei anderen?
Viele kommen aus dem Ausland, sind schlecht ausgebildet und haben das nie gelernt. Deshalb ist uns Bildung so wichtig. Mit Bildung merken diese Leute, dass sie den Glauben nicht ablegen müssen, um fortschrittlich zu sein. Im Gegenteil, der Glaube motiviert zur Progressivität.

Sie wollen in der Schweiz den Fatwa-Rat einführen. Das ist nicht eben fortschrittlich.
Der Fatwa-Rat verfasst Gutachten über alltägliche und grundsätzliche Fragen gläubiger Muslime. Zum Beispiel, wenn ein Muslim ins Baugewerbe einsteigen will. Da hat er mit Banken zu tun. Der Islam verbietet jedoch Zinskredite. Die Antwort, wie sein Job mit dem Glauben zu vereinbaren ist, gibt ihm der Fatwa-Rat. Allerdings nicht anstelle des Schweizer Rechtssystem, sondern als ratgebende Stütze.

Muslime blockieren sich selber, wenn sie in so alltäglichen Fragen eine Fatwa brauchen.
Nicht die Fatwa blockiert, sondern die Tatsache, dass vielen oft falsch geraten wird, weil sie sich an türkische, albanische oder arabischen Berater wenden, denen der Kontext zur Schweiz fehlt. Wie etwa der Mann, der im Militär weitermachen wollte. Sein Umfeld erklärte ihm, dies sei nicht mit seinem Glauben vereinbar. Das ist falsch und das sagte ich ihm auch. Er machte seine Offiziersschule und ist erfolgreich. Der Islam verlangt von den Muslimen, dass sie sich bilden und der Gesellschaft, in der sie leben, etwas bringen. Was die eingewanderten Muslime blockiert, sind die Traditionen und Sittenrechte, die sie aus ihrer Heimat mitbringen. Wir vom Zentralrat lehnen das bewusst ab. Wir wollen hier nicht das Sittenrecht irgendwelcher ausländischer Gruppierungen.

Setzen Sie sich durch?
Das ist eine Frage der Zeit. Die neue Generation der Muslime wird sich stärker auf die Schweiz ausrichten.

Zentralrat-Mitglieder werfen Ihnen öffentlich vor, sie würden nicht leben, was Sie predigen. Etwa weil Sie Ihre Familie im Stich gelassen haben sollen.
Solche Kritik von Mitgliedern ist erfunden und im Übrigen ist das Privatsache.

Sie sind mit 16 zum Islam konvertiert. Warum?
Damals habe ich mich mit den Religionen beschäftigt und festgestellt, dass sie sich in einigen Punkten sehr ähnlich sind. Allem liegt zudem die Sehnsucht des Menschen zugrunde, sich nach einer höheren Macht zu sehnen.

Mit dieser Erkenntnis hätten Sie auch Buddhist werden können.
Mir kam der Islam klar und logisch vor. Auch ist er nicht heuchlerisch.

Sie wuchsen in Biel auf, wo viele Muslime leben. Wäre Ihr Übertritt zum Islam auch anderswo möglich gewesen?
Vielleicht wäre die Wahrscheinlichkeit kleiner gewesen, wenn ich in den Bergen aufgewachsen wäre. Es war aber nicht der Kollegenkreis, der mich beeinflusst hat. Den Islam habe ich für mich allein entdeckt. Ich stellte fest, dass die Muslime meist wenig Ahnung hatten, wenn ich sie etwas fragte.

Sind Ihre Eltern religiös?
Mein Vater ist stark praktizierender Buddhist. Meine Mutter ist nicht religiös.

Wie ging Ihre Familie damit um, als Sie konvertierten?
Ich komme aus einem liberalen, eher links-grünen Elternhaus, in dem man sich gegenseitig akzeptiert. So wie in unserer Familie könnte die Schweiz im Umgang mit dem Islam funktionieren.

Hat Ihr Elternhaus politisch auf Sie abgefärbt?
Früher haben mich meine Eltern zu Anti-AKW-Demos mitgenommen. Heute sehe ich bei verschiedenen Parteien Ansätze, die ich richtig finde. Allerdings spricht mich keine Partei an, dazu sind die Positionen zu verwischt.

Sie haben drei Kinder. Sollen sie in islamische Schulen gehen?
Mein ältester Sohn ist bald fünf und wird in einen gewöhnlichen Kindergarten gehen, weil die existierenden islamischen Angebote durch und durch unprofessionell geführt sind.

Zweifeln Sie an sich und am Glauben?
Immer wieder, Zweifel sind normal. Man muss lernen, sie zuzulassen und damit umzugehen. Wer das nicht tut, ist verblendet.

Zweifeln Sie auch am Zentralrat?
Nein, das ist der richtige Weg. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.02.2012, 08:10 Uhr

Vorwürfe an den Islamischen Zentralrat

2009 stellte sich der damals
26-jährige Bieler Konvertit Nicolas Blancho als Präsident des neuen Islamischen Zentralrats (IZRS) vor. Seither macht er Schlagzeilen.

Vorwürfe gibt es viele. So hatte der IZRS zur Demonstration nach der Minarett-Abstimmung den umstrittenen deutschen Prediger Pierre Vogel eingeladen, dem die Schweizer Behörden jedoch die Einreise verboten. Weiter distanzierte sich Blancho nicht klar von Steinigungen in
islamischen Ländern. Aus der Bieler Moschee, in der Blancho verkehrt, sollen drei junge Männer in islamistische Terrorcamps verschwunden sein.

Die «SonntagsZeitung» berichtete über Projekte des IZRS. Geplant sind eine grosse Moschee sowie ein Internet-Fernsehkanal. Das Geld dafür besorge Blancho in Kuwait und Katar – angeblich auch bei einem Terror-Financier.

Zu reden gab auch die geplante Initiative gegen das Minarettverbot sowie die Kritik aus dem Rat, weil Blancho und sein PR-Chef Patric Illi ihre Familien verlassen und sich Zweitfrauen zugelegt haben sollen. Der Rat geriet ins Visier des Staatsschutzes und ist anderen muslimischen Organisationen ein Dorn im Auge. Bülach und Spreitenbach verweigern dem IZRS die Bewilligung zur Durchführung der «Islam Unity 2012».

Nur die «NZZ am Sonntag» mahnte zu Gelassenheit im Umgang mit dem IZRS: Dieser sei eine Splittergruppe. Seine Vertreter distanzierten sich von Terrorismus und von der Anwendung der Scharia in der Schweiz. Einschätzungen, die sich mit jenen des Staatsschutzes deckten.

Zur Person

An dem grauen Wohnblock Berner Länggassquartier verrät nichts, dass im Tiefparterre der Islamische Zentralrat eingemietet ist. Wir treffen dessen Präsidenten, Nicolas Blancho, in seinem Büro. Wer zu seinem Schreibtisch vordringen will, geht durch einen schmalen Gang dunkler Regale. Darin säuberlich aufgereiht und mit goldenen arabischen Lettern beschriftete Bücher. Vor dem Flachbild-TV eine lederne Sitzgruppe auf einem Orientteppich. Zur Begrüssung legt Blancho die rechte Hand aufs Herz und verneigt sich leicht.

Er lässt die Besucherin an einem der orientalischen Parfüms schnuppern, die über dem TV stehen, und achtet dabei peinlich genau darauf, ihre Hand nicht zu berühren. Blancho spricht schleppend. Unterbrochen wird das Gespräch nur vom Gebetsruf aus dem Lautsprecher. Der 28-jährige Bieler begann nach der Sekundarschule eine Druckerlehre, die er aber abbrach. Mit 16 konvertierte er zum Islam. Danach schaffte er die Prüfung ans Gymnasium, lernte arabisch und machte seine Matura. Heute studiert er an der Uni Bern Islamwissenschaften. Blancho sammelt in verschiedenen Golfstaaten Geld für sein Moschee-Projekt.

Er ist Vater von drei Kindern, sein ältester Sohn wird heuer fünf Jahre alt. Die Kinder leben mit seiner Ex-Frau, einer Jemenitin, in Biel. Sein Studium finanziert Blancho mit der Unterstützung der Eltern und mit Stipendien.

Artikel zum Thema

«Blancho lebt nicht vor, was er predigt»

Der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) will noch dieses Jahr einen Internet-Fernsehkanal sowie eine Rabattkarte einrichten. Alles deutet auf eine Abschottung des Vereins. Doch aus dem Innern erklingen Misstöne. Mehr...

Verheerende liberale Gleichgültigkeit

Blog Politblog Der von radikalen Konvertiten geführte Islamische Zentralrat schadet den Muslimen in der Schweiz. Ihre Projekte als Gewinn für das Land anzusehen, ist äusserst blauäugig. Eine Replik von Saïda Keller-Messahli. Zum Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...