Interview

«Ich krebse nicht zurück»

Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor der «Weltwoche», rechtfertigt den Lügenvorwurf an die Adresse von Philipp Hildebrand. Auch am Begriff «Gauner» hält er fest.

«Die ‹Weltwoche› hat glaubwürdige Dokumente vorgelegt»: Chefredaktor Roger Köppel

«Die ‹Weltwoche› hat glaubwürdige Dokumente vorgelegt»: Chefredaktor Roger Köppel Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Köppel, Sie haben am Mittwoch in der «Rundschau» von mehreren Quellen gesprochen, die belegen, dass Philipp Hildebrand die Transaktion selber angeordnet habe. Ihr Stellvertreter sprach gestern von einer Quelle. Wie viele sind es nun?
Die «Weltwoche» hat aufgedeckt, dass auf dem Privatkonto von Herrn Hildebrand Währungs- und Aktiengeschäfte parallel zu SNB-Interventionen stattfanden. Auf dem Dokument ist nicht ersichtlich, dass im Verlaufe des Jahres Frau Hildebrand Geschäfte tätigte. Das Konto lautet auf den Notenbankchef. Daneben hatten wir die schriftlich bestätigten Informationen von Herrn Lei, was den Auftraggeber angeht. Erst unsere Recherchen haben dazu geführt, dass Herr Hildebrand Fehler zugab und sogar ein Schuldeingeständnis in Form einer bis jetzt geheim gehaltenen Zahlung öffentlich machte.

Ob Philipp Hildebrand den Dollarkauf selber angeordnet hat oder ob es seine Frau war, ist eine wichtige Frage geworden. Einverstanden?
Die Frage des Auftraggebers ist zweitrangig. Wesentlich ist: Die Devisen- und Aktiengeschäfte fanden auf Hildebrands persönlichem Konto statt. Ein Notenbankchef, der glaubwürdig operieren will, darf meines Erachtens nicht einmal den Hauch eines Verdachts aufkommen lassen, er könne seine Vertrauensstellung und die damit verbundenen privilegierten Informationen für private Geschäfte, wie sie hier getätigt wurden, ausnutzen.

In Ihrer Berichterstattung von gestern war die Frage aber zentral, im Kommentar vom Donnerstagnachmittag sind Sie dann zurückgekrebst.
Ich krebse nicht zurück. Die «Weltwoche» hat stichhaltige Dokumente vorgelegt, die zu einer Pressekonferenz, zu einem Schuldeingeständnis des SNB-Präsidenten und zur Veröffentlichung von unter Verschluss gehaltenen Reglementen und Prüfberichten führten. Bisher wiesen SNB und Bankrat jede Kritik als haltlos zurück. Unter dem Druck der von uns hergestellten Transparenz ist jetzt seitens der SNB plötzlich von Fehlern und von Ablasszahlungen an die Berghilfe die Rede. Recherchieren Sie eigentlich auch, warum die Sonntagspresse fälschlicherweise behauptet hat, das Konto gehöre Hildebrands Frau?

Daraus wurde kein rufschädigender Vorwurf wie jener der Lüge abgeleitet.
Die SNB hat uns zum Zeitpunkt unserer Recherchen leider weder Einblick in den PWC-Bericht noch in die internen Reglemente gewährt. Also haben wir uns auf öffentliche Aussagen von Philipp Hildebrand gestützt, die er 2006 gegenüber der «Bilanz» gemacht hat. Dort sagte er, es sei einem SNB-Direktor verboten, private Wechselkursoperationen vorzunehmen und individuell Firmenaktien zu halten. Da in der Zwischenzeit beteuert wurde, die Reglemente seien verschärft worden, sind wir davon ausgegangen, dass die heutigen Devisen- und Aktiengeschäfte auf Hildebrands Konto sogar den Reglementen und möglicherweise den Gesetzen widersprechen. Auf keinen Fall sind sie meines Erachtens vereinbar mit der moralischen Verantwortung eines Notenbankchefs.

Wie reagieren Sie, wenn Philipp Hildebrand den Beweis vorbringt und die «Weltwoche» falsch gelegen hat?
Ich habe nie ein Problem damit gehabt, einen Fehler zu korrigieren und dazu zu stehen. Wir schreiben in unserem Artikel, dass bezüglich des Auftraggebers die Bank Sarasin oder eine Finma-Untersuchung letzten Aufschluss geben kann. Bis jetzt steht Aussage gegen Aussage, und wir haben keinen Grund, von unserer Darstellung abzuweichen. Aber das ist ein Nebenschauplatz.

Der Vorwurf der Lüge würde unter Umständen als Verleumdung taxiert, das könnte ein Nachspiel haben.
Wir haben den Artikel nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Ich bin selber auch nicht erfreut über das, was wir da dokumentiert haben.

War es richtig, Hildebrand als Gauner zu bezeichnen?
Es geht nicht, dass ein Notenbankchef, der dank seiner enormen Vertrauensstellung Insiderwissen erlangt, gleichzeitig auf private Rechnung Aktien und Devisen kauft. Dies sagte Herr Hildebrand im zitierten Interview ja selber auch. Ein SNB-Präsident kann Devisen- und Aktienkurse selber beeinflussen, deshalb darf er nicht selber als privater Akteur in den Märkten tätig werden. Sonst ergaunert er sich, wie es im Artikel heisst, unstatthafte Vorteile.

Ein in einem Medienkonzern angestellter Chefredaktor müsste wohl seinen Platz räumen, wenn seine Zeitung aufgrund unzuverlässiger Quellen jemandem eine Lüge unterstellt.
Das behaupten Sie. Alle Wortmeldungen der SNB und ihrer Aufsichtsgremien haben bisher glasklar die Botschaft vermittelt: Es ist alles in Ordnung. Es gibt kein Problem. Dies entspricht eindeutig nicht der Wahrheit. Das zeigen unsere Recherchen, und das belegt die Pressekonferenz, in der Herr Hildebrand selber, allerdings wieder erst auf Nachfragen hin, von einem «Fehler» sprach und eine Geldzahlung bekannt gab, die im Zusammenhang mit den Vorwürfen der Vorteilsnahme steht. Warum zahlt jemand Geld, wenn alle Vorwürfe «haltlos» sind? Und: Warum macht man eine Pressekonferenz, in der die kritischste Zeitung, nämlich die «Weltwoche», bei den Fragen ostentativ übergangen wird? Hier sind noch viele Fragen offen.

Erstellt: 06.01.2012, 15:13 Uhr

Artikel zum Thema

Die «Weltwoche» im Erklärungsnotstand

Die Zeitschrift sprach nie persönlich mit dem Informanten ihres Hildebrand-Artikels. Mehr...

Konturen eines Komplotts

Devisenaffäre Hildebrand, so sieht man es in der Nationalbank, sei zu Christoph Blochers Hauptzielscheibe geworden. Es gibt Vermutungen und Intuitionen, was den SVP-Chefstrategen antreibt. Mehr...

«Hildebrand hat viele Qualitäten, nun gehört auch Selbstkritik dazu»

Die Kommentatoren der Schweizer Zeitungen haben am Freitag mehrheitlich positiv auf den Auftritt von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand reagiert. Mehr...

«Es gibt eine Unsicherheit»

Er habe nach der gestrigen Pressekonferenz alles nochmals nachrecherchiert, sagt Urs Paul Engeler, Autor der «Weltwoche»-Titelgeschichte, über Philipp Hildebrand. «Nachdem der Name meines Gewährsmanns bekannt geworden war, war ich bei der Recherche freier, vorher lief alles verdeckt.» Er hatte die Quelle des Rechtsanwalts Hermann Lei, sagt Engeler. Dieser sei vom IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin informiert worden. «Möglicherweise waren es zwei Informanten, hier gibt es eine Unsicherheit», sagt Engeler. Hermann Lei habe ihm gegenüber zuerst von zwei Informanten gesprochen, jetzt sei nur noch von einem die Rede. Es sei ein «Gschnorr» gewesen in der Bank Sarasin, sagt Engeler, etwa ein Dutzend Leute hätten sich über die Devisenoperationen von Philipp Hildebrand unterhalten und diese nicht für rechtens befunden. «Der betroffene IT-Mensch hat allen Mut zusammengenommen und ist zu Hermann Lei gegangen.» Hermann Lei stehe nach wie vor dazu, dass der IT-Mitarbeiter ihm versichert habe, die Transaktion sei von Philipp Hildebrand in Auftrag gegeben worden. «Nach meinen Kenntnissen war es Hildebrand selber», sagt Engeler.

Er vertraue Hermann Lei aus mehreren Gründen, fügt Journalist Engeler hinzu. Einer sei die Plausibilität: «Alles andere konnten wir nachprüfen, und es hat sich als richtig herausgestellt. Warum sollte ausgerechnet dieses Detail, dass Hildebrand selber den Dollarkauf angeordnet hat, falsch sein?» Zudem habe Kashya Hildebrand das ganze Jahr über keine einzige Transaktion auf dem Konto ihres Mannes vorgenommen. «Ausgerechnet diese Transaktion, die sich als heikel bis illegal herausstellte, soll die Frau vorgenommen haben.»

Engeler bleibt bei seiner Darstellung: «Einer, der eine privilegierte Situation ausnutzt, um private Geschäfte zu machen, ist ein Gauner. Er gesteht es ja auch ein, sonst würde er den Betrag nicht der Berghilfe spenden.» (blu)

Bildstrecke

Devisen und Telefone: Affäre Hildebrand

Devisen und Telefone: Affäre Hildebrand Wie es zum Fall kam – und welche Personen darin verwickelt waren.

Blog

Kommentare

Blogs

Geldblog Eine Million Cash abheben? Geht nicht!

Paid Post

Mehr Freizeit dank iRobot

Diese intelligenten Alleskönner übernehmen das Reinigen für Sie: gründlich, zuverlässig und vollautomatisch.

Die Welt in Bildern

Hochwasseralarm: Touristen im Gänsemarsch auf einem Laufweg auf dem Markusplatz in Venedig. (13. November 2019)
(Bild: Stefano Mazzola/Getty Images) Mehr...