Lesermeinungen

«Ich pendle, weil ich in Zürich keine bezahlbare Wohnung finde»

Teurere Bahnbillette und mehr zahlen an der Zapfsäule? Leuthards neue Stossrichtung in der Verkehrspolitik stösst eine emotionsgeladene Debatte an.

Morgens rein zur Arbeit, am Abend wieder raus: Zürich ist vielen zum Wohnen zu teuer.

Morgens rein zur Arbeit, am Abend wieder raus: Zürich ist vielen zum Wohnen zu teuer. Bild: Keystone

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Überfüllte S-Bahnen trotz Viertelstundentakt, Verbindungen alle 30 Minuten zwischen den grossen Städten und generell eine massive Zunahme bei den Bahnpassagieren: Der öffentliche Verkehr hat in der Schweiz in den letzten 20 Jahren eine atemberaubende Entwicklung hinter sich. Das war so gewollt und wurde bewusst gefördert. Dass Bundesrätin Leuthard nun auf die Bremse tritt, verstehen viele Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser nicht: «Das kurze Gedächtnis des Bundesrates: Vor einigen Jahren verlangte Bundesrat Couchepin Mobilität von den Arbeitnehmern in der Schweiz – heute will Bundesrätin Leuthard nicht mehr, dass man durch die ganze Schweiz pendelt.»

Dass dies nicht nur als Gemecker abgetan werden kann, drückt ein anderer Leser aus: «Ich habe mir gerade ein Haus im Grünen gekauft und kann mir doch so ein Haus in Basel gar nicht leisten.» Das trifft wohl für viele zu. Der massive Ausbau des Verkehrsnetzes hatte zur Folge, dass sich die Menschen in Pendlerdistanz zu den Zentren niederliessen (vgl. Artikel zum Thema «Der gezüchtete Pendler»), und zwar mit folgender Rechnung: günstig und schön wohnen auf dem Land, gut verdienen in der City.

«Wenn Berner in Zürich und Zürcher in Bern arbeiten ist das Blödsinn»

Dass an dieser Rechnung nun geschraubt wird, stösst teilweise auf Empörung. «Ich arbeite in Zürich und wohne in Baselland. Weil ich muss und nicht weil ich es geil finde! Besorgt mir Leuthard einen Job in Basel oder eine bezahlbare Wohnung in Zürich?» Ein anderer Leser formuliert es so: «Meint Frau Leuthard ernsthaft, dass die Leute freiwillig und aus Spass pendeln? Wer findet mir eine bezahlbare Wohnung in Zürich?» Diese Sicht der Dinge gibt auch folgender Leser wieder: «Ich pendle, weil ich keine bezahlbare Wohnung in Zürich finde.»

Einige Stimmen halten dem allerdings dagegen: «Liebe Pendlerinnen und Pendler: Keiner wird gezwungen, an einem bestimmten Ort zu wohnen oder zu arbeiten. Daher rate ich euch dringend: Wohnt dort, wo ihr arbeitet – oder arbeitet dort, wo ihr wohnt. Aber pendelt nicht! Damit schont ihr die Umwelt und spart erst noch Geld.» Das ist wohl auch die Stossrichtung von Bundesrätin Leuthards neuer Verkehrspolitik. Unterstützung gibt es von diesem Leser: «Wenn Berner in Zürich und Zürcher in Bern arbeiten, ist das Blödsinn. Es braucht einen Gegendruck. Bessere Verbindungen haben den Nachteil einer regelmässigen Nutzung. Der Grundgedanke ist absolut richtig und erhöht die Chance auf einen Arbeitsplatz in der Nähe.»

Gutes Geschäft für Inlandflüge?

Als nicht ganz ernstgemeinte Alternative ist wohl dieser Vorschlag zu verstehen: «Vielleicht bietet Easyjet ja bald mal Inlandflüge wie zum Beispiel Möhlin–Basel an. Ich kann ja auch für 50 Franken nach Barcelona fliegen statt für über 60 Franken nach Zürich mit dem Zug.» Möglich aber, dass teurere Bahnbillette und höhere Preise an der Zapfsäule den Erfindergeist von Mobilitätsanbietern anregen.

Manch ein Leser glaubt auch ganz einfach einen Zusammenhang zwischen Leuthards Ankündigung und dem Wahljahr zu erkennen. «Bald sind Wahlen! Denkt nach!» Und die Empfehlung dazu gibts gleich auch noch: «Im Herbst 2011 kann jeder selber wählen, ob er diese Versager vom Staat wiederhaben will.» Ob der Vorstoss von Bundesrätin Leuthard aber wirklich auf Wahltaktik beruht, muss bezweifelt werden. Es ist wohl nicht sonderlich attraktiv, höhere Billettpreise und mehr Geld vom Autofahrer zu fordern.

Erstellt: 21.01.2011, 11:10 Uhr

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