«Ich will wissen, was mit Luca passiert ist»

Luca Mongelli wurde vor acht Jahren zum Invaliden. Seiner Aussage, er sei angegriffen worden, wollte das Gericht nicht glauben. Sein Vater Nicola Mongelli erzählt, wie er das Drama erlebt.

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Herr Mongelli, wie geht es Luca heute?
Er lebt in Italien mit seiner Mutter und seinem Bruder Marco. Er ist ja seit dem Unfall Tetraparetiker, was bedeutet, dass er seine Bewegungen nicht kontrollieren kann. Und er ist blind. Dennoch ist es unglaublich, mit welchem Optimismus er sein Leben packt. Er macht drei Stunden Physiotherapie täglich. Einmal war er mit meiner Frau bei einem Arzt, der sagte, mehr Fortschritte könne er nicht machen. Luca hat einfach gelacht und gesagt: «Komm Mama, der Mann ist ein Minimalist, wir gehen zu einem anderen Arzt.»

Wie gehen Sie damit um, dass Ihr Sohn als Siebenjähriger zum Invaliden wurde?
Das, was unserer Familie passiert ist, wünsche ich echt niemandem. Wir sind glücklich, dass Luca noch da ist. Als der Unfall passierte, dachten wir, er wäre tot. Er war etwa fünf Stunden stark unterkühlt.

Warum so lange?
Das frage ich mich auch. Meine Frau fand ihn etwa eine Stunde nachdem es passiert ist. Sie brachte ihn in ein Chalet in der Nähe. Dorthin kamen zwei Sanitäter und später ein Arzt. Es dachten alle, Luca sei tot, der Arzt spritzte ihm Adrenalin, doch nichts geschah. Der Krankenwagen fuhr ohne Sirene zum Spital in Sion. Erst eine Blutuntersuchung zeigte, dass Luca noch lebt. Es gibt eine Maschine, die das Blut aufwärmen kann, doch irgend ein Röhrchen in Sion hatte nicht die richtige Dimension. Es vergingen 90 Minuten, bis man wusste, in welchem Spital man Luca behandeln konnte. Man flog uns mit dem Hubschrauber nach Genf, es war mittlerweile 23 Uhr.

Luca hat also stundenlang nicht geatmet?
Er wurde schon beatmet, als die Sanitäter kamen. Doch man sagt, dass nach 3 Minuten ohne Atmung das Hirn schwer geschädigt ist. Luca lag nach diesem Abend im Koma, es hiess, er sei sowieso hirntot. Wir hatten die Organspende autorisiert und die Ärzte stellten die Maschine ab. Statt zu sterben, begann Luca, selber zu atmen. Drei Monate lag er noch im Koma, dann ist er plötzlich aufgewacht. Nach und nach begann er wieder zu reden, obwohl das laut Ärzten nicht möglich sein sollte. Irgendwann erzählte er, was passiert ist, dass ihn jemand angegriffen hatte.

Wie erklären sich die Ärzte Lucas Fortschritte?
Gar nicht. Sie sagen, man kenne nun einmal nicht das ganze Hirn. Neuronen könnten die Funktion von toten Neuronen übernehmen. Heute besucht Luca in Italien eine normale Schule. Dank einer Betreuungsperson folgt er dem Unterricht problemlos. Er ist auch wie ein ganz normaler Teenager in eine Klassenkameradin verliebt. Nur schwärmt sie für einen anderen.

Sein Bruder Marco war als 4-Jähriger dabei, als Luca zum Invaliden wurde. Wie geht es ihm?
Er hat eine schwierige Erfahrung gemacht. Das merkt man immer wieder. In der Schule hatte er kürzlich ein Problem mit drei älteren Schülern. Er geriet gleich in Panik, versteckte sich auf dem WC und weinte.

Anfangs soll Marco den Hund als Schuldigen bezeichnet haben, steht im Untersuchungsbericht.
Am Abend stand er unter Schock und wir konnten uns nicht um ihn kümmern wegen Luca. Tags darauf befragten ihn Polizisten. Laut Bericht sagte er, es sei der Hund gewesen. Nur: Die Fragen waren suggestiv. Man fragte ihn nicht: «Was ist passiert?», sondern: «War es der Hund?». Man fragte ihn: «War niemand dabei?» Auf seine Antwort «ja» sagte man: «Also war niemand dabei?», worauf er «nein» sagte. Am gleichen Tag kritzelte Marco im Auto meines Bruders etwas auf eine Zeitung und sagte: «Onkel, das ist der Mann, der Luca geschlagen hat.»

Warum wurde das in der Untersuchung nicht berücksichtigt?
Ich bin überzeugt, dass es von Anfang an schlecht lief, weil man vorschnell auf den Hund als Täter schloss. Der Polizist, der den Unfallort untersuchen sollte, war nur 10 Minuten dort, das geht aus dem Rapport hervor. In Sitten sagte er schon, es war der Hund. Dabei hatte er weder Luca noch Marco gesehen. Am gleichen Abend ging die Pressemitteilung raus, Luca war da erst im Spital in Genf angekommen.

Luca erzählte später, was ihm passiert sei. Ist seine Geschichte über die Jahre konsistent?
Von Anfang an. Als er aus dem Koma erwachte, riefen wir den Richter an, man könnte ihn befragen. Es geschah nichts. Keiner kam. Zum Arzt sagte Luca, ein grosser Mann, der Deutsch redete, habe ihn in den Schnee gestossen. Ich rief unseren Anwalt an, der rief den Richter an. Der meinte bloss: Stossen sei nicht strafrechtlich relevant.

Sind Sie sicher, dass er das gesagt hat?
Ja. Unser Sohn erwacht nach Monaten aus dem Koma, erzählt etwas, und es heisst, das ist nicht strafrechtlich relevant.

Machte Luca denn konkrete Angaben?
Ja. Er nannte auch zwei Vornamen. Er konnte Leute beschreiben. Aber das zu untersuchen ist wirklich Sache der Polizei. Es darf nicht sein, dass jemand zu Unrecht öffentlich verdächtigt wird.

Im Untersuchungsbericht steht, man habe nur DNA-Spuren des Hundes gefunden.
Man fragte nur: Gibt es DNA Spuren des Hundes? Man fragte nicht: Gibt es auch andere Spuren? Kommt hinzu, wenn Luca mit Zweigen geschlagen wurde, wie er erzählt, dann kann es ja keine DNA-Spuren auf seinem Körper geben.

Und auf den Kleidern, die Ihre Frau neben ihm im Schnee fand?
Der Untersuchungsrichter sandte die Kleider in drei Labors. Zürich sagte, es gibt keine DNA-Spuren des Hundes. Genf sagte, die Spuren sind irrelevant. Lausanne sagte, es gibt Hunde-Spuren. Gut, es war ja unser Hund, logisch findet man irgendwelche Spuren. Die Institute schrieben aber auch, die Anwesenheit Dritter könne nicht ausgeschlossen werden. Warum der Richter das ignoriert hat, weiss ich nicht.

Im Untersuchungsbericht steht, Luca habe sich selber ausgezogen.
Ja, klar, das machen alle Kinder. Ich bitte Sie! Der Richter versuchte ständig, zu beweisen, dass der Hund Luca ausgezogen hat. Sieben Berichte musste er aber verwerfen, weil es schlicht nicht sein konnte. Dann kam er auf die These, dass Luca sich selber ausgezogen hat. Warum sollte Luca im Schnee erst seine Jacke, den Pullover, das Hemd, die Skihose, und die Hose darunter ausziehen? Und dann noch die Unterhose bis an die Knie herunterziehen? Das macht doch alles keinen Sinn!

Gab es Spuren von Schlägen auf Lucas Körper?
An den Schultergelenken gab es blaue Flecken. Luca sagte, das seien Schläge. Der Arzt meinte, dies sei mit seiner Erzählung kompatibel. Und die Kratzspuren auf seinem Körper könnten kompatibel sein mit Spuren von Zweigen. Luca sagt ja, er sei mit Zweigen geschlagen worden.

Im Schnee wurden laut Untersuchungsbericht keine Fussspuren gefunden. Wie erklären Sie sich die fehlenden Spuren?
Am Tag nach dem Unfall rief mich ein Polizist an und sagte, es gebe keine Fussspuren. Damit war für mich die Sache erledigt. Doch dann fiel mir etwas ein, ich rief wieder an, fragte: «Wirklich keine Spur von Erwachsenen?» Die Antwort lautete nein. Ich sagte: «Aber meine Frau war dort, sie hat Grösse 41, haben Sie wenigstens diese Fussspur gesehen?» Nein, da war nichts, sagte der Polizist. Ich sagte ihm, dann sei er wohl am falschen Ort gewesen, meine Frau hatte ja Luca gefunden. Der Polizist ging mit mir hin, es war tatsächlich der falsche Ort. Am richtigen wimmelte es von Spuren, weil Neugierige sich schon alles angesehen hatten. Die Stelle war ja nicht von der Polizei abgesperrt worden.

Marco hat Jahre später gezeichnet, was er angeblich gesehen hat. Könnte er das getan haben, um Ihnen einen Gefallen zu tun?
Niemals. Auch ein Kinderpsychiater sagt, das Kind könnte das nie so zeichnen, wenn es das nicht auch so erlebt hätte.

Aufgrund der Zeichnung wurde eine Petition lanciert und mit über 9000 Unterschriften eingereicht. Glauben Sie, dass der Fall neu aufgerollt wird?
Ich wäre schon mal froh, wenn der Richter auf der Basis von Marcos Zeichnung und anderer Elemente wie Expertenaussagen sagen würde: «Wir wissen nicht, was passiert ist.» Der Hund war es jedenfalls nicht.

Das sagte auch die Veterinärin, die den Fall untersucht hatte in der Sendung «Zone d’Ombre» auf TSR. Kennen Sie sie?
Nein, sie war vom Gericht beauftragt. Sie schreibt auf 22 Seiten, was sie untersucht hat, und kommt zum Schluss, dass es unmöglich der Hund war. Aber der Richter hat 21 Seiten ignoriert und nur ihre Aussage berücksichtigt, dass der Hund nicht geschult sei. Die Expertin regte sich so darüber auf, dass sie dem Fernsehen Auskunft gab. Sie erhielt umgehend eine Strafklage, weil sie über ein noch hängiges Verfahren gesprochen hat. Es gibt noch andere Experten, die gerne aussagen würden, wie zwei Ärzte aus Genf, sie haben aber Angst vor Strafklagen.

Wenn der Fall ad acta gelegt ist, warum dürfen Sie dann nichts sagen?
Der Fall ist nicht abgeschlossen, nur hängig. Falls neue Elemente auftauchen sollten. Als Vater ist mir übrigens egal, ob der Fall abgeschlossen oder hängig ist, ich will wissen, was passiert ist.

Wie sieht es mit dem Rechtsweg aus?
Ich kann keine Einsprache machen, weil der Fall nicht abgeschlossen ist. Wäre er abgeschlossen, könnte ich immerhin das nächsthöhere Gericht anrufen.

Wie fest ist Luca involviert?
Er ist informiert. Wir reden aber nicht ständig darüber. Er will nicht viel, er will nur vom Gericht hören: Du hattest recht. Das ist ganz wichtig für ihn. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2010, 10:16 Uhr

Überreichte in Sion eine Petition mit über 9000 Unterschriften: Lucas Vater Nicola Mongelli (Bild: Keystone )

Der Fall Luca Mongelli

Luca Mongelli ist Tetraparetiker und blind. Am 7. Februar 2002 hatte seine Mutter den damals Siebenjährigen schwer verletzt, nackt und bewusstlos auf einem verschneiten Feld bei Veysonnaz (VS) gefunden. Seine Körpertemperatur betrug noch 28 Grad. Sein vierjähriger Bruder Marco war dabei, als es geschah. Für den Untersuchungsrichter stand der Schuldige fest, der Familienhund habe den Jungen so zugerichtet. Obwohl Luca Mongelli sagte, er sei angegriffen worden und trotz vieler offener Fragen, schloss der Richter die Untersuchungen zwei Jahre später ab.

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