«Ich würde niemals eine Burka anziehen»

Sura al-Shawk hat für Aufsehen gesorgt, weil sie mit dem Kopftuch Basketball spielen will – aber nicht darf. Der Islamische Zentralrat ist ihr hingegen zuwider. Sie spricht von «den grässlichen Männern mit den langen Bärten».

«Mit dem Kopftuch fühle ich mich näher bei Gott»: Sura al-Shawk will das Kopftuch auch beim Basketball tragen.

«Mit dem Kopftuch fühle ich mich näher bei Gott»: Sura al-Shawk will das Kopftuch auch beim Basketball tragen. Bild: Keystone

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Es war der sportliche Erfolg, der Sura al- Shawk im letzten Sommer zum Verhängnis wurde. Nachdem die Gymnasiastin von einem lokalen Klub zum Luzerner Frauenteam der 1. Liga Regional aufsteigen konnte, störte sich der Basketballverband plötzlich an ihrem Kopftuch. Er stellte die gebürtige Irakerin mit Schweizer Pass vor die Wahl: Entweder die 20-Jährige legt das Kopftuch ab, oder sie darf nicht mehr an offiziellen Spielen teilnehmen. Shawk ging vor Gericht, verlor aber erstinstanzlich vor Luzerner Amtsgericht. Wenn der Verband den Entscheid nicht revidiert, zieht sie den Fall weiter.

Schlagzeilen machen inzwischen aber andere Muslime: Nicolas Blancho und seine Mitstreiter vom Islamischen Zentralrat. Sura al-Shawk lehnt deren Forderungen ab und fühlt sich durch sie keineswegs vertreten.

Frau Shawk, der Islamische Zentralrat sieht sich als Stimme der Schweizer Muslime. Was halten Sie von der Organisation?
Diese grässlichen Männer mit den langen Bärten? Ich will nichts mit ihnen zu tun haben. Sie sind Extremisten und haben nicht einmal muslimische Wurzeln. Sie werden grosse Mühe haben, die Muslime zu überzeugen. Die meisten Gläubigen teilen deren Ansichten nicht.

Hatten Sie je Kontakt mit jemandem vom Zentralrat?
Nein, aber ich war einmal an einem Auftritt des deutschen Predigers Pierre Vogel, der Kontakte zum Zentralrat unterhält. Vogel wurde vor ein paar Jährchen Muslim und predigt nun überall. Ich musste die ganze Zeit lachen. Er hat nur Blödsinn erzählt. Er will ein Monopol für die Vertretung des Islam in ganz Europa. Ich bin aufgestanden und habe gesagt, ich liesse mich sicher nicht von ihm vertreten. Er hat dann versucht, mich auf seine Seite zu ziehen und mich für seine Propaganda zu gewinnen.

Welchen «Blödsinn» hat Pierre Vogel erzählt?
Er sagt: Jede Frau – ob sie will oder nicht – muss ein Kopftuch tragen. Einmal nahm er an einer Podiumsdiskussion mit einem Christen und einem Juden teil. Alle wurden gefragt: Wer kommt in den Himmel? Der Christ und der Jude sagten: Jeder hat das Recht auf seinen Glauben. Niemand kann beweisen, wer in den Himmel kommt. Nur Vogel sagte: Ihr kommt alle in die Hölle. Zwei meiner Grosseltern waren Christen und gutmütige Menschen. Ich glaube nicht, dass sie in die Hölle kommen und Vogel in den Himmel. Allah ist nicht unfair. Vogel ist das Gegenteil von ihm.

Was halten Sie von Steinigungen?
Ich habe das Wort zum ersten Mal vor zwei Jahren im Literaturunterricht am Gymnasium gehört. Zu Hause – in der Schweiz und im Irak – habe ich nie von einer Frau gehört, die gesteinigt wurde. Die Steinigung ist kein Wert des Islam. Im Gegenteil: Der Islam will der Frau Würde geben. Auf keinen Fall darf man Frauen steinigen.

Befürworten Sie Beschneidungen?
In Afrika werden Frauen beschnitten, obwohl der Islam es nicht vorschreibt. Beschneidungen sind ein Verbrechen.

Der Zentralrat bietet Frauenturnen in einer Turnhalle an, bei der Männer von aussen nicht reinschauen können. Ist das gut?Ja. Viele Frauen möchten nicht, dass sie beim Sport beobachtet werden. Auch ich gehe nie in ein Schwimmbad, weil ich mich nicht im Bikini zeigen möchte. Wenn es möglich wäre, würde ich aber gerne Sonnenbäder nehmen – allerdings nur unter Frauen.

Was halten Sie von Burkas?
Es steht nirgends im Koran, dass Frauen eine Burka oder einen Niqab tragen müssen. Der Islam verbietet es teilweise sogar: Meine Mutter ging nach Mekka, wo es Vorschriften gibt, wie man sich anziehen muss. Das Gesicht darf man dort nicht bedecken. Frauen, die um die Kaaba laufen, müssen die Burka ausziehen. Ich würde niemals eine Burka anziehen. Darin wäre ich ein schwarzes Nichts, ohne Identität. Wenn eine Frau eine Burka tragen will, soll sie es jedoch tun dürfen. Sonst kommen alle möglichen Verbote. Das Bild einer Frau mit Burka passt aber nicht in die Schweiz.

Sie kämpfen für das Recht, beim Basketball ein Kopftuch zu tragen. Der Basketballverband Pro Basket und das Luzerner Amtsgericht haben Ihnen dies verboten. Wie gehen Sie damit um?
Das Verbot belastet mich. Basketball ist ein Ventil, mit dem ich alles rauslassen kann. Am Gymnasium hatte ich eine schlechte Phase. Ich erhielt Drohbriefe, ich solle abhauen in meine Heimat. Am Anfang habe ich dies persönlich genommen. Jeden Tag neue Briefe. Erst nach einigen Tagen konnte ich der Trauer Raum geben. Der Trauer, dass ich nicht mehr spielen darf.

Trainieren Sie noch?
Ja. Aber zuerst fühlte ich mich derart überflüssig, dass ich vier Monate nicht mehr zum Training ging. Dafür habe ich die Kleinen trainiert. Sie sind herzig. Es ist schön, wie sie über das Kopftuch hinwegschauen. Nun spiele ich auch in einem Stück am Luzerner Theater mit: «Antigone» von Sophokles. Antigone verstösst gegen das Gesetz, weil sie es aus höheren Gründen für richtig hält. Wegen der Parallelen zu meinem Fall hat mich das Theater angefragt. Im Basketball-Klub bin ich immer noch sehr aktiv, darf an den offiziellen Spielen aber nicht mehr mitmachen.

Geben Sie sich geschlagen?
Nein, ich kämpfe weiter für mein Recht zu spielen. Das Urteil des Amtsgerichts ziehe ich ans Obergericht weiter, wenn mich der Verband nicht nach einer erneuten internen Abklärung spielen lässt. Wenn möglich, möchte ich einmal in der Nati A spielen.

Befürchten Sie nicht, dass Sie als Symbol für extreme Formen der Verschleierung missbraucht werden könnten?
Nein. In gewissen Ländern ist das Kopftuch zwar ein Symbol für die Unterdrückung der Frau. In meinem Fall ist es das Gegenteil: Ich werde unterdrückt, denn ich trage das Tuch freiwillig. Warum soll ich nicht spielen dürfen? Ein Kopftuch stört nicht im Basketball. In der Schweiz muss ich mich gegen alle durchsetzen: Auch meine Eltern wollten nicht, dass ich ein Kopftuch trage. Sie hatten Angst, dass es Probleme bringt – später an der Uni oder bei der Arbeit.

Europäer befürchten, dass viele Musliminnen ihr Kopftuch nicht freiwillig tragen und dadurch der Kampf für Gleichstellung untergraben wird.
Wie gesagt, in manchen Ländern trifft dies zu. In Syrien zum Beispiel werden Frauen auch nicht ausgebildet. In unserer Familie ist dies aber anders: Meine vier Tanten waren Geschäftsfrauen und haben Business gemacht. Wenn ich einmal heirate, werde ich nicht als Hausfrau zu Hause hocken und alles aufgeben, wofür ich studiert habe. Ich frage mich auch, warum so viele Musliminnen nur Hausfrauen werden.

Wenn wir vom Heiraten sprechen: Wollen Sie einmal einen Muslim heiraten?
Das ist eine schwierige Frage. Ich möchte mich nicht einschränken und jenen wählen, den ich wirklich liebe. In der Schweiz wäre es wohl ein Zufall, wenn dies ein Muslim wäre. In der Erziehung sind islamische Werte wichtig.

Ihr Kopftuch ist sehr individuell. Es sieht eher aus wie ein extravagantes Mode-Outfit als wie ein traditionelles Kopftuch.
Ich binde meine Haare in der Regel mit zwei grossen Tüchern zusammen. Das obere ist dann ein Schal. Ich habe den Stil selber entwickelt und kleide mich gerne modisch. Manchmal trage ich auch ein klassisches Kopftuch. Ich binde es aber unter dem Kinn nicht zu. In muslimischen Ländern würde man es nicht so tragen. Eigentlich müssten Frauen ihren Hals bedecken. Ich hasse es aber, wenn mich etwas in der Bewegung einschränkt. Der Koran enthält keine genaue Anleitung, wie man ein Kopftuch knüpfen soll.

Was bedeutet das Kopftuch für Sie?
Mit dem Kopftuch fühle ich mich näher bei Gott. Ich verliere die Verbindung zu ihm nicht, auch wenn ich mal keine Zeit zum Beten habe. Ohne Kopftuch habe ich mich nie richtig wohlgefühlt in meiner Haut. Gläubig wurde ich auf der Flucht aus dem Irak in die Schweiz. Diese Reise während vier Monaten war sehr hart. Ich war neun, manchmal mussten wir stundenlang mit dünnen Kleidern im tiefen Schnee verharren. Es gab Momente, in denen wir nichts als die Hoffnung auf Gott hatten. In diesen Momenten begann mich die Religion stark zu interessieren.

Wann haben Sie begonnen, ein Kopftuch zu tragen?
Mit 17 Jahren. Vorher war ich ein eher oberflächlicher Mensch. Ich konnte nicht aus dem Haus, ohne zuvor meine Haare zu waschen, glätten und frisieren. Eines Tages war ich in der Moschee, wo ich schon immer ein Kopftuch getragen hatte. Meine Mutter kriegte starkes Nasenbluten, und wir mussten mit ihr zum Notarzt. Ich vergass, dass ich das Kopftuch immer noch anhatte. Dann fiel mir auf, dass ich mich so viel wohler fühlte als vorher.

Warum?
Ich will nicht als Objekt angesehen werden, sondern als Person. Ich mag anzügliche Blicke nicht. Und ich mag es nicht, wenn einer sagt: Wow, die ist megageil. Viele meiner Kollegen haben ihre Freundinnen nur, weil sie hübsch sind. Auf innere Werte pfeifen sie. Das ist die grösste Beleidigung für eine Frau. Nachdem ich das Kopftuch angezogen hatte, wollten mich alle Freunde davon abhalten. Ich habe es mir überlegt: Es ist, wie wenn man auf einer Klippe steht und denkt: Was wäre, wenn man springen würde? Man spielt mit dem Gedanken, würde es aber nie tun. Niemals.

Erstellt: 10.05.2010, 21:01 Uhr

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