«Ich wurde aufgefordert, eine Ziege zu kaufen»

Germaine Seewer ist die erste Frau der Schweizer Armee, die den Grad des Brigadiers auf gleichem militärischem Karriereweg erreicht hat wie die Männer. Sie sagt, warum sie Frauen zu einer Armeelaufbahn rät.

«Es hat mich niemand gezwungen, eine Laufbahn bei der Armee einzuschlagen», sagt Brigadier Germaine Seewer, seit 2013 Chef Personelles der Armee. Mühe habe sie nur, «wenn man aus den Frauen einen Spezialfall machen will».

«Es hat mich niemand gezwungen, eine Laufbahn bei der Armee einzuschlagen», sagt Brigadier Germaine Seewer, seit 2013 Chef Personelles der Armee. Mühe habe sie nur, «wenn man aus den Frauen einen Spezialfall machen will». Bild: Beat Mathys

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Brigadier Seewer, unsere Verfassung schreibt die Gleichberechtigung vor. Müsste es demnach nicht auch eine allgemeine Wehrpflicht für Schweizer Frauen geben?
Germaine Seewer: Die Bundesverfassung hält auch fest: Für Schweizer Männer gilt die allgemeine Wehrpflicht; für Schweizerinnen ist der Militärdienst freiwillig. Erst wenn eine Frau zum Militärdienst zugelassen ist, kommt für sie das Prinzip der gleichen Rechte und gleichen Pflichten zum Tragen.

Ist Letzteres in einer Armee überhaupt möglich?
Ja sicher! Und dazu gehört auch noch der gegenseitige Respekt, denn Frauen und Männer bilden in der Armee eine Schicksalsgemeinschaft. Dann muss die Führung dafür sorgen, dass sich beide Geschlechter an die Regeln halten.

Die politisch korrekte Annahme, wonach die Anwesenheit von Frauen den Militärverband nicht beeinflusst, ist doch eine Idealvorstellung. Studien zur israelischen Armee zeigen, dass im Kriegseinsatz die Soldaten «abgelenkt» werden, weil sie ihre Kameradinnen beschützen wollen.
Es ist für mich schwierig, dazu eine Einschätzung abzugeben. Die Schweiz hatte noch nie Männer und Frauen gemeinsam in einem Kriegseinsatz.

Gut, nehmen wir Aussagen von Schweizer Soldatinnen: Die getrennten Schlaflager führten dazu, dass die Frauen vom Informationsfluss abgeschnitten seien, lautet eine Kritik.
Es ist klar, dass es Auflagen punkto Infrastruktur gibt, wenn Frauen und Männer gemeinsam dienen. Das gilt auch andernorts. In Schulhäusern und Klassenlagern herrschen genau gleiche Bedingungen. Nur trägt dort niemand Uniform. Das ist kein armeespezifisches Problem.

Was ist mit Übergriffen auf Soldatinnen?
Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen. Als Schulkommandant habe ich jeweils die jungen Rekruten über ihre Situation informiert und sie darauf aufmerksam gemacht, dass es zwischen einer Soldatin und einem Soldaten zu einer Liebesbeziehung kommen könne. In so einem Falle müssten sich aber beide bewusst sein, dass, falls die Beziehung in die Brüche gehe, keiner einfach nach Hause gehen könne deswegen.

Warum haben Sie sich bei der Armee gemeldet?
In meinem familiären Umfeld war es selbstverständlich, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Kommt hinzu, dass ich als Kind das Militär erlebt habe. Die Soldaten waren in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, präsent.

War es schwierig für Sie, bei den physischen Anforderungen mitzuhalten?
Ausdauer und physische Leistung waren für mich kein Problem. Ich bin körperlich fit, habe Militärmärsche absolviert und mehrfach an der Patrouille des Glaciers teilgenommen. Schnellkraftleistungen und der Hindernisparcours haben mir dagegen etwas mehr Mühe bereitet.

Wie sind Ihnen die Männer während Ihrer Offiziersausbildung begegnet?
Es war immer ein gegenseitiger Respekt da. Wer sich engagiert und Sach- und Fachkenntnisse einbringt, wird auch respektiert, wenn er einmal etwas nicht weiss – unabhängig davon, ob Mann oder Frau.

Gab es Momente, in denen Sie sich gefragt haben: Was mache ich da überhaupt?
Grundsätzliche Zweifel waren es nie, aber selbstverständlich habe ich mich hie und da hinterfragt. Es ist aus meiner Sicht selbstverständlich, dass man gelegentlich Standortbestimmungen macht. Das tut jeder, der mit beiden Beinen im Alltag und im Berufsleben steht. Aber: Wer A sagt, muss auch B sagen. Ich stecke nicht wegen jeder kleinen Schwierigkeit den Kopf in den Sand.

Was hat bei Ihnen den Ausschlag gegeben, von der Miliz- zur Berufsarmee zu wechseln?
Ich habe ein Motto, das mich begleitet. Es stammt vom Pfarrer und Schriftsteller Anton Kner: «Unser Leben ist die Geschichte unserer Begegnungen.» Dann habe ich die Haltung, stets offen und flexibel zu sein und die Chancen zu nutzen, die sich einem bieten.

Seit 2013 sind Sie Chef Personelles der Armee. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Für mich sind Vertrauen, Information und Kommunikation wichtig. Ich tausche mich mit meinen Leuten aus. Wenn es aber am Ende darum geht, einen Entscheid zu fällen, tue ich das alleine. Schliesslich bin ich es auch, die die Verantwortung für den Entscheid trägt.

Was können Frauen zu einer männlich geprägten Kultur wie jener der Armee beitragen?
Frauen haben vielleicht bei gewissen Themen eine andere Sicht der Dinge. Als Vorgesetzte haben sie aber genauso Aufträge zu erfüllen und Ziele zu erreichen. Das steht und fällt mit der entsprechenden Person: Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück.

Wie haben die Untergebenen an Ihrem ersten Arbeitstag als Brigadier und Chef Personelles der Armee auf Sie reagiert?
Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mich ganz normal begrüsst. Ich habe an jenem Tag eine neue Funktion angetreten – nicht mehr und nicht weniger. Neu ist einzig, dass nun eine Frau im Chefbüro sitzt. Das Geschlecht ist egal. Es geht schliesslich um die Sache.

Sie hatten wirklich nicht das Gefühl, unter erhöhter Beobachtung der Männer zu stehen?
Natürlich falle ich als Frau in einer von Männern dominierten Organisation auf. Viele Leute habe ich schon gekannt, mit einigen von ihnen habe ich Abschnitte meiner beruflichen Armeelaufbahn bestritten. In der Armee stehen Frauen alle Funktionen offen. Es wird in der Gesellschaft zunehmend normal, dass Frauen Führungspositionen übernehmen.

Sie sind Doktor der Naturwissenschaften. Inwiefern hilft Ihnen diese Ausbildung bei Ihrer jetzigen Aufgabe?
Es ist eine angelernte Art und Weise zu arbeiten, eine analytische Methode. Die habe ich nicht beiseitegelegt, nur weil ich jetzt Uniform trage. Ich habe eine Affinität zu Zahlen. Zwei Stöcke über mir arbeiten diejenigen Mitarbeitenden, die sich mit den Armeebeständen beschäftigen. Da kommt es schon vor, dass ich mit meinem Hintergrund detaillierter Auskunft will oder ein Ergebnis anders anschaue. Ich profitiere heute von jeder beruflichen Erfahrung, die ich vor meiner aktuellen Funktion gemacht habe.

Sie haben als Militärbeobachterin im Ausland gedient: Welche Erfahrungen haben Sie als Frau gemacht?
Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: einerseits die Kultur des Einsatzlandes selbst und dann auch jene der dort im Einsatz stehenden Kräfte. Bei den nordischen Armeen etwa ist es gang und gäbe, dass Frauen als Kommandanten dienen. Dann gibt es auch Armeen, in denen das Rollenverständnis ein anderes ist. Aber darauf ist man vorbereitet und weiss damit umzugehen. Es ist schon auch vorgekommen, dass ich als Frau in Uniform schräg angeschaut worden bin.

Können Sie sich genauer an die eine oder andere Situation erinnern?
Bei einem Auslandeinsatz in Kosovo war ich mit meinem Mitarbeiter an einem Treffen. Dabei wurde er gefragt: «Ist sie Ihre Assistentin?» Oder in Afrika wurde ich in meiner Zeit als Militärbeobachterin einmal vom Teamleader aufgefordert, auf dem Markt eine Ziege zu kaufen, weil das in seiner Kultur eben Aufgabe der Frau ist. Ich habe das nicht getan.

Und damit in Kauf genommen, Ihr Gegenüber zu brüskieren?
In solchen Situationen habe ich stets erklärt, dass ich als Militärbeobachterin die gleiche Funktion und die gleichen Aufgaben wahrnehme wie meine männlichen Kollegen und meine Arbeit zu erledigen habe.

Nervt es Sie eigentlich, wenn Sie ständig auf das «Frauenthema» angesprochen werden?
Es hat mich niemand gezwungen, eine Laufbahn bei der Armee einzuschlagen. Ich trage Uniform und erledige meinen Job – mit dem einzigen Unterschied, dass ich eine Frau bin. Mühe habe ich nur, wenn man aus den Frauen einen Spezialfall machen will. Es soll doch selbstverständlich sein, dass Frauen auch solche Aufgaben übernehmen.

Inwiefern ermutigen Sie junge Frauen, in der Armee zu dienen?
Anhand meines persönlichen Beispiels und im persönlichen Gespräch. Ich ermuntere sie, diesen Schritt zu wagen und auch eine Kaderausbildung anzupacken. Ich sage ihnen, dass damit viele Erfahrungen verbunden sind, welche sie im Leben und in ihrer Persönlichkeit weiterbringen. Alleine das Netzwerk, das sie während der Zeit in der Armee aufbauen können, kann sich für das spätere Berufsleben als wertvoll erweisen. Gäbe es mehr Frauen in der Armee, wäre wohl auch die Akzeptanz des Militärs in der ganzen Gesellschaft grösser.

Eben: Die Realität sieht so aus, dass Frauen gar nicht in die Armee wollen.
Es gibt viele junge Frauen, die den Wunsch haben, ihn aber nicht öffentlich äussern. Möglicherweise fehlen das Verständnis und die Unterstützung ihrer Familie oder ihrer Freunde.

Die Akzeptanz für Frauen, die sich in der Armee engagieren wollen, ist demnach immer noch klein?
Die Armee ist ein Abbild der Gesellschaft. Es gibt immer noch Berufe, die als typisch weiblich oder männlich wahrgenommen werden. Warum gibt es nicht mehr Kindergärtner oder Krankenpfleger? Ich sage nur: Wenn die Möglichkeit besteht und der Reiz vorhanden ist, als Mann einen sogenannten Frauenberuf oder als Frau einen typischen Männerberuf zu ergreifen – warum es nicht tun?

Erstellt: 07.04.2014, 11:43 Uhr

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Im Gespräch

Das Wort «Leistung» fällt im Dialog mit Germaine Seewer häufig. Ihr Wille zur Leistung hat die 50-Jährige weit gebracht: Sie ist die erste Frau der Schweizer Armee, die den Grad des Brigadiers auf genau gleichem Weg geschafft hat wie die Männer. Brigadier ist vergleichbar mit dem Nato-Rang des Einsterngenerals.

Als höchster weiblicher Offizier steht Seewer seit dem Jahr 2013 dem Bereich Personelles der Armee mit 450 Mitarbeitern an acht verschiedenen Standorten vor. Zuvor war sie – damals noch als Oberst im Generalstab - Chef Ausbildung Luftwaffe und Stellvertreter des Chefs Luftwaffenstab.
Das Gespräch findet in Seewers Büro in Bern an einem kleinen Sitzungstisch statt. Seewer trägt einen Tarnanzug. Sie formuliert ihre Antworten in kurzen Sätzen und mit ruhiger Stimme. Der unverkennbare Dialekt verrät Seewers Herkunft: Sie ist Walliserin. Im Hintergrund steht eine rot-weisse Standarte der Schweizer Armee. An der Wand hängen unter anderem Bilder von Herren in Uniform – es sind Seewers Vorgänger.

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