«Ich wurde förmlich erschlagen»

Die Asylbeschlüsse des Nationalrats seien «eine Schande», schrieb Lukas Bärfuss. Tausende Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet stimmten ihm zu. Doch auch die federführenden Politiker erhalten von der Basis viel Lob.

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Die Tonlage war scharf, die Wirkung wuchtig. Lukas Bärfuss, Dramatiker und Schriftsteller, reagierte vergangene Woche im Tages-Anzeiger auf die Nationalratsbeschlüsse zum Asylwesen und bezeichnete sie schlicht als «Akt politischer Feigheit des Schweizer Parlaments». Dass Asylbewerber künftig statt Sozialhilfe nur noch Nothilfe erhalten sollen, sei «eine Schande». Dass Kriegsdienstverweigerung kein Asylgrund mehr sei und dass Botschaftsasyl aufgehoben würde, stelle de facto die Abschaffung des Asylrechts dar.

Bei der Leserschaft traf Bärfuss damit einen Nerv. Vor allem im Internet: Gut 4000 Leser klickten auf Facebook den «Gefällt mir»-Button. Bis jetzt wurde der Kommentar 97-mal weitergetwittert. Tenor: «Bärfuss haut den Nagel auf den Kopf.» Verbunden mit viel Lob: «Zum Glück gibt es noch Schriftsteller, die sich politisch positionieren.»

«Gönnten Sie sich ein Kalbsschnitzel?»

Besonders heftig attackierte Bärfuss FDP-Chef Philipp Müller und CVP-Nationalrätin Ruth Humbel, Sprecherin der staatspolitischen Kommission. Fragte bissig, ob die beiden sich nach anstrengender Debatte ein Kalbsschnitzel oder ein Vegi-Menü gegönnt hätten (für 39.50 Franken, respektive 26.50 Franken). Dabei hätten sie doch gerade dafür gesorgt, «dass Flüchtlinge hierzulande künftig nur noch Essensgutscheine eines Grossverteilers (8 Franken pro Tag)» bekämen.

Parlamentarier, so befindet der Dramatiker, hätten «im Kampf um Wahlanteile und Bequemlichkeit jeden inneren Kompass verloren: Deshalb werden sie sich mit den jüngsten Verschärfungen auch nicht zufriedengeben», um weiter zu profitieren «von der Brutalisierung der Gesellschaft».

Bärfuss’ böser Kommentar wurde in Bern gelesen. Nationalrätin Humbel fühlte sich so herausgefordert, dass sie noch am nächsten Tag eine Replik schrieb: «Empörung löst keine Probleme.» Sie gönne dem Dramatiker sein «subjektives Verständnis von Rechtstaatlichkeit: Aber damit schafft er weder Recht noch Gerechtigkeit.» Die Beschlüsse sollen die humanitäre Tradition der Schweiz und echte Flüchtlinge schützen.

Ärger über den Swimmingpool

Seit der Debatte werde sie bestürmt, sagt Ruth Humbel gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Mit etwa fifty-fifty positiven und negativen Reaktionen.» Ob sie sich Sorgen mache, dass die Debatte für die CVP schlecht gelaufen sei? «Nein, ich glaube, wir haben das richtig gemacht. Allenfalls die Begrifflichkeit hätten wir vielleicht ändern können: Zum Beispiel Grundhilfe statt Nothilfe.» Humbel stört sich im Gegenteil am offenen Streit in der CVP im Vorfeld. Und daran, dass jetzt die Landeskirchen und karitativen Organisationen die Entscheide so stark kritisieren.

Zudem ärgert sie sich, dass Lukas Bärfuss sich über ihren Swimmingpool lustig machte. «Ich stehe dazu, dass ich einen habe. Aber ich möchte nicht in der Öffentlichkeit darüber diskutieren müssen, wie ich wohne.»

«Als Politiker, vor allem als Mitglied der Mitteparteien, muss man so etwas aushalten können», sagt CVP-Nationalrat Gerhard Pfister. Auch er exponierte sich klar als Verfechter einer harten Linie. Bei ihm sind die Verhältnisse aber klarer: «90 Prozent der Zuschriften sind positiv, nur 10 Prozent negativ. In der Regel schreibe ich eine Antwort, und viele der Kritiker kann ich ihm Nachhinein umstimmen.»

«Auch solche Themen bewirtschaften»

FDP-Chef Philipp Müller, federführend bei der Vorlage, sieht das ebenso: «Immer, wenn ich Kritikern von links antworte und ihnen detailliert darlege, was wir wirklich beschlossen haben, und welche Verschärfungsideen der SVP wir abgeschmettert haben, dann kommen wir zu einem guten Verständnis.»

Auch bei bei ihm war die Mailbox voll: «Ich wurde förmlich erschlagen. Gut 80 Prozent der Mails waren positiv, 20 Prozent negativ. Es gab sehr kritische Reaktionen auch aus den eigenen Reihen. Dafür meldeten sich erstaunlich viele, die exekutiv tätig sind, also etwa in einer Gemeinde – und die waren sehr einverstanden mit den Beschlüssen.»

Politisch zieht Müller eine positive Bilanz: «Vergangene Woche sprach ich vor Unternehmern. Da beschloss ich, auch noch das Thema Asyl anzusprechen. Ich legte dar, dass es für die FDP wichtig sei, auch solche Themen zu bewirtschaften, weil sie so grosse Bevölkerungsteile beschäftigen.» Das Unternehmerpublikum war völlig einverstanden.

Erstellt: 18.06.2012, 16:01 Uhr

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