Ideologen sind immer die anderen

Hat jemand eine andere Meinung, gilt er schnell als Ideologe – ein nutzloser Vorwurf.

Ideologie als Massenveranstaltung: Tanzende Nordkoreaner beim Parteitag in Pyongyang. Foto: DDP Images

Ideologie als Massenveranstaltung: Tanzende Nordkoreaner beim Parteitag in Pyongyang. Foto: DDP Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Moskau einfach!», bellten Bürgerliche bis in die 80er-Jahre, wenn sie genug hatten von linken Gegnern. Damit war Schluss, Gespräch beendet.

Auch fast 30 Jahre nach dem Zerfall des Sowjet­kommunismus bleibt der Ideologievorwurf eine politische Allzweckwaffe, leicht zur Hand wie ein Sackmesser, genauso vielseitig einsetzbar – und zwar von allen Seiten.

Weniger Parkplätze? Eine ideologische Zwängerei. Das Burkaverbot? Ebenso. Höhere Mindestlöhne? Ideologiealarm. Steuersenkungen für Reiche? Höchster Ideologieverdacht.

Jüngst fiel der Vorwurf im Streit um den Entlastungstunnel für die Zürcher Rosengartenstrasse. Linke und Grüne lehnen das Milliardenprojekt ab, weil es den Autoverkehr nicht verringert. Das Urteil der Bürgerlichen kam schnell: «Opfer der Ideologien» nannte die NZZ die vom Lärm der Rosengartenstrasse geplagten Quartierbewohner.

Als harte Ideologien gelten Weltanschauungen wie Stalinismus oder Nationalsozialismus; totalitäre Systeme, die sich so wenig um Wahrheiten wie um Menschenleben scherten. Autos von den Strassen zu holen, hat wenig mit solchen Weltanschauungen gemeinsam. Eine Mehrheit der Stadtzürcher unterstützt dieses Ziel, auch deshalb wählen sie links-grün. Es ist eine gewöhnliche politische Forderung, nicht besonders radikal, mit Argumenten abstützbar.

Wer schon solche Forderungen als ideologisch abtut, grenzt den Bereich des Nichtideologischen eng ein. Demnach dürften Politiker noch ein wenig an der Welt herumpolieren, Kleinigkeiten nachbessern. Alle grösseren Pläne gerieten unter Ideologieverdacht, was ein Zurechtstutzen der Politik auf reine Verwaltungsarbeit bedeutete.

Nennt man seine Gegner ideologisch, will man meist mehr: Als stur sollen sie dastehen, als weltfremd und unbelehrbar, als blind und taub gegenüber der Wirklichkeit. Damit wird ihnen die demokratische Zurechnungsfähigkeit abgesprochen. Wer den Ideologievorwurf erhebt, weicht der Auseinandersetzung aus. Denn mit Ideologen lohnt es sich gar nicht zu reden, sie bewegen sich in unzugänglichen Paralleluniversen.

Die Vorlage zum Vorwurf stammt aus der Philosophie. Frühdemokratische Aufklärer benutzten den Ideologiebegriff, um irrationale Machtverkrustungen wie den Feudalismus zu beschreiben. Karl Marx bestimmte Ideologien als Glaubenssysteme, mit denen die herrschende Klasse ihre Privilegien schützt; als Scheuklappen, die das Denken beschränken, ohne dass die Beschränkten etwas davon bemerken. Radikalisiert man diese Sicht, leiden alle Nichtmarxisten an «Verblendung», ihre Einwände sind ideologisch verseucht und damit wertlos. Ähnlich funktioniert der Ideologievorwurf heute, nur ist er politisch flexibel geworden.

Eine Verengung der Positionen

Ende der 70er-Jahre riefen Theoretiker das Ende der «grossen Erzählungen» aus. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien das «postideologische Zeitalter» endgültig anzubrechen; ein Zeitalter, in dem Utopien wenig zählten, Wahrhaftigkeit umso mehr, wie Verfechter schwärmten.

Tatsächlich hat sich das Meinungsspektrum seither verengt. Heute gibt es keine Rechten mehr, die Militärdiktaturen wie jene in Chile loben. Auch Linke, die maoistische Säuberungen verteidigen, sind beinahe verschwunden. Im Gegenzug entstanden Parteien wie die Grünliberalen, die sich als unideologisch inszenieren und behaupten, sie liessen sich bloss von Tatsachen lenken (was manche wiederum als «technokratische Ideologie» betrachten).

Obwohl Kommunismus und Faschismus die gegenwärtige Debatte kaum mehr beeinflussen, gedeiht der Ideologievorwurf. Vielleicht haben wir den Umgang mit den richtig harten Systemen verlernt und sind dadurch zu postideologischen Mimosen geworden. Vielleicht stärken die sozialen Medien diese Entwicklung, indem sie dafür sorgen, dass man sich im Internet vor allem mit Gleichgesinnten abgibt. Dabei gewöhnt man sich so stark an die eigene Ansicht, dass einem jede Abweichung als Ideologie vorkommt.

Egal. Gegen Ideologien hilft nur ständiges Hinterfragen. Wer es beim Vorwurf belässt, verrät vor allem eins: argumentative Bequemlichkeit.

Erstellt: 22.05.2016, 22:21 Uhr

Artikel zum Thema

Die bessere Zuchtmethode

Kommentar Die Ablehnung der neuen Gen-Technologien hat nichts mit Fakten, sondern nur mit Ideologie zu tun. Mehr...

Ihr sprecht nicht für mich!

Mamablog Mit bald vier Kindern ist unser Autor wohl ein Held für deutschnationale Familienromantiker. Für deren Ideologie hat er jedoch nur Verachtung übrig. Zum Blog

Nicht naiv sein

Analyse Das Atomabkommen mit dem Iran lässt auf eine neue Ära hoffen. Aber niemand sollte erwarten, dass das Regime seine ideologischen Überzeugungen aufgibt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Die Schweiz zum halben Preis entdecken

Exklusiv und nur für kurze Zeit: Mobility-Testabo für 43 Franken inkl. gratis Hotelcard!

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...