Ihr Anwalt brachte sie um 250'000 Franken

Vor sieben Jahren hat ein Treuhänder Maya Lehmanns Erbe unterschlagen. Auf Gerechtigkeit wartet sie bis heute – weil das Justizsystem komplett überlastet ist.

Warten und Tee trinken: Verzögerungen bei strafrechtlichen Verfahren sind heutzutage üblich, vor allem bei Finanz- und Wirtschaftsdelikten. Illustration: Benjamin Güdel

Warten und Tee trinken: Verzögerungen bei strafrechtlichen Verfahren sind heutzutage üblich, vor allem bei Finanz- und Wirtschaftsdelikten. Illustration: Benjamin Güdel

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Es dauert Monate, ehe Maya Lehmann, wie wir sie hier nennen wollen, Verdacht schöpft. Bloss scheint ihr dieser Verdacht so ungeheuerlich, dass sie ihn zunächst verdrängt. Ihr Vater ist 2012 verstorben. Der Anwalt, den er zwei Jahre zuvor als Willensvollstrecker für die Verteilung des Erbes an sie und ihren Bruder beauftragt hat, der ist doch sicher anständig. Hat er nicht vor einem Monat am Telefon wortreich beteuert, es sei alles in Ordnung, er werde die 250'000 Franken, die Maya Lehmann zustehen, jetzt endlich überweisen? Nur ein paar Abklärungen, nur noch die eine oder andere Unterschrift. Und dass er schon zum dritten Mal, wenn sie in der Winterthurer Kanzlei anruft, gerade an einer Sitzung, ausser Haus oder krank ist – das kann Zufall sein. Und die drei Mails, die er seit dem Telefongespräch unbeantwortet gelassen hat?

Heute weiss Maya Lehmann, was sie damals, vor sieben Jahren, ahnte, aber nicht wissen wollte: dass der Anwalt ihr Erbe unterschlagen hatte. Die 60-Jährige sitzt am Esstisch einer modernen Wohnung in einem Winterthurer Mittelstandsquartier, helle Räume, Parkett, Gleittür zur überdachten Terrasse. Lehmann erzählt ruhig und sachlich, manchmal lassen sie die Erinnerungen den Kopf schütteln. Eine Viertelmillion, die wahrscheinlich weg ist – das ist nicht die alles verändernde Katastrophe, die das Leben in ein Zuvor und Danach zerteilt. Aber es ist ein riesiger finanzieller Verlust. Und eine Enttäuschung. «Dass ausgerechnet ein Anwalt so etwas macht – ich hätte es nie für möglich gehalten.»

Zehn Jahre warten

Im Mai 2016 reicht Lehmann bei der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland Strafanzeige wegen Veruntreuung ein. Danach dauert es vier Monate, bis der Beschuldigte erstmals einvernommen wird. Er ist geständig. Das Geld seiner Mandantin habe er gebraucht, um seine Kanzlei vor dem Untergang zu retten. Vier Monate dauert es auch, bis die Staatsanwaltschaft durch eine sogenannte Grundbuchsperre verhindern will, dass der Beschuldigte sein Haus einem Strohmann verkauft. Doch eine Woche zuvor hat er genau dies getan. Das Haus gehört jetzt seinem Schwiegervater, und der Erlös des Verkaufs ist nicht pfändbar, weil ihn der Anwalt in die Pensionskasse einbezahlt hat.

Im September 2017 erhebt Lehmann gegen diesen Hausverkauf Klage. Dass er rückgängig gemacht wird, ist ihre einzige Hoffnung, das Erbe doch noch zu erhalten. Dann hätte der mittlerweile rechtskräftig verurteilte Anwalt trotz seines Privatkonkurses die Mittel, um zu bezahlen. Doch es dauert mehr als eineinhalb Jahre, ehe Lehmann im Mai 2019 zum ersten Mal zu dieser zweiten Anzeige befragt wird. «Ich hätte nie ­gedacht, dass unsere Justiz so träge ist», sagt sie.

Lehmanns Anwalt heisst Thomas Sprenger. Laut dem Zürcher Juristen ist eine solche Verzögerung bei strafrechtlichen Verfahren heutzutage üblich, vor allem bei Finanz- und Wirtschaftsdelikten. «Abgesehen von schweren Gewaltverbrechen landet vieles auf der Wartebank, und diese Wartebank ist in den letzten Jahren immer länger geworden. Selbst ein einfacher Fall wie jener von Maya Lehmann kann Jahre dauern, und komplizierte Fälle ziehen sich unter Umständen länger als ein Jahrzehnt hin.»

Mehrere Anwälte, sei es in Bern, Basel oder Solothurn, stimmen Sprenger zu, auch wenn der Stau ihren Schilderungen zufolge in anderen Städten ­weniger schlimm ist als in der Finanzmetropole Zürich. 2018 gingen gemäss einer Statistik der Zürcher Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte 117 Neuanzeigen ein. Drei Jahre zuvor waren es weniger als die Hälfte. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Pendenzen um 33 Prozent auf 201 Fälle erhöht. Die Staatsanwaltschaft schreibt: «Mit Blick auf die Belastungssituation sind nicht nur die Neuanzeigen und Pendenzen zu berücksichtigen, sondern auch die Komplexitätszunahme bei den Verfahren.» Im Jahresbericht der Meldestelle für Geldwäscherei im Bundesamt für Polizei ist zu lesen: «Über 52 Prozent aller seit dem Jahr 2009 an die Strafverfolgungsbehörden des Bundes und der Kantone weitergeleiteten Verdachtsmeldungen sind noch hängig.»

«Wir erleben, wie Strafrecht und Strafprozessordnung vulgarisiert werden.»

Thomas Sprenger, Maya Lehmanns Anwalt

Ein Staatsanwalt spricht von einem perfekten Sturm. Fragt man nach, was diesen Sturm über der Schweizer Justiz für Finanz- und Wirtschaftskriminalität entfacht hat, sind sich Verteidiger und Strafverfolger weitgehend einig.

Da ist erstens die Digitalisierung. «Früher haben wir bei einer Hausdurchsuchung einige Ordner mitgenommen, heute sind es auf Servern, internen und externen Festplatten Unmengen von Daten», sagt Peter Pellegrini, leitender Staatsanwalt der Zürcher Staatsanwaltschaft III. Der in Solothurn ansässige Strafverteidiger Konrad Jeker erzählt von einem Fall, bei dem 30 Terabyte Daten sichergestellt wurden. «Ausgedruckt sind das mehrere Millionen Seiten.» Die Auswertung derart gigantischer Datenmengen wäre ohnehin schon mühselig, aber es kommt, zweitens, die Auseinandersetzung um Versiegelung und Entsiegelung hinzu.

Ein Beschuldigter kann verlangen, dass den Ermittlern der Zugriff auf beschlagnahmte Daten zunächst verwehrt wird. Seit 2011 die eidgenössische Strafprozessordnung in Kraft getreten ist, gilt dies für die ganze Schweiz. Nach einer Hausdurchsuchung fordern Strafverteidiger fast ausnahmslos die sogenannte Versiegelung. Danach muss ein Richter in Anwesenheit von Verteidigung und Staatsanwaltschaft klären, welche Daten für die Ermittlung relevant sind. Gehört jener Mailwechsel dazu? Und das Ferienfoto, das zwar privat ist, aber belegt, wann sich der Beschuldigte wo aufgehalten hat? Das ist langwierig, und wenn der Entscheid gefallen ist, stehen die eigentlichen Ermittlungen erst am Anfang. Laut gesetzlicher Vorgabe sollte ein Entsiegelungsverfahren höchstens einen Monat dauern. David Zogg, der stellvertretende Leiter der Staatsanwaltschaft III, sagt: «Unter sechs Monaten geht das nicht. Und einmal hat es drei Jahre gedauert.» Im Verfahren gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz zum Beispiel läuft ein Entsiegelungsverfahren, dessen Ende nicht absehbar ist.

Dann sind, drittens, die prozessualen Rechte von Beschuldigten und Opfern stark ausgeweitet worden. Bei einem Fall mit mehreren Beschuldigten etwa dürfen bei der Befragung eines Verdächtigen alle anderen auch dabei sein, mit ihrem jeweiligen Anwalt. Das macht es allein schon schwierig, einen Termin zu finden. Und dann beklagen, viertens, Verteidiger und Staatsanwälte, dass es immer mehr Straftatbestände gebe. Einer sagt: «Praktisch jeder Lebensbereich ist mittlerweile verstrafrechtlicht. Bei jedem Füdligesetz gibt es eine Straftatbestimmung dazu.»

All dies führt zwischen den Beteiligten zu Konflikten. Laut einem pensionierten Staatsanwalt fechten Verteidiger selbst kleinste prozessuale Fehler unerbittlich an. «Sie kaprizieren sich auf prozessuale Mängel, die materielle Wahrheit tritt in den Hintergrund.» Die Verteidiger weisen den Vorwurf zurück. Es sei legitim, wenn sich ein Beschuldigter wehre, so gut es ihm das Gesetz erlaube. Den Staatsanwälten werfen die Verteidiger ihrerseits vor, oft zu schnell und zu viel zu beschlagnahmen – «alles, was sich bewegt», in den Worten Konrad Jekers. Oder zu häufig trotz dürftiger Beweise Anklage zu erheben, sich in «etwas zu verbeissen, was offensichtlich nicht strafbar ist».

«Möglich, dass es explodiert»

Was es bräuchte, um das Problem zu entschärfen, ist ebenso banal wie politisch umstritten: mehr Ressourcen, mehr Personal, mehr Geld. «Wahrheit und Gerechtigkeit sind teuer», sagt Marcel Niggli, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Freiburg. Eine Gesellschaft müsse bereit sein, sich eine funktionierende Justiz zu leisten. Die Strafprozessordnung sei wieder zu vereinfachen, fordert ein Staatsanwalt. Man müsse bestimmte Delikte entkriminalisieren, sagt ein Verteidiger. Dass etwas davon geschieht, darüber macht sich keiner der Befragten Illusionen. Ein Basler Wirtschaftsanwalt sagt: «Möglich, dass das ganze System explodiert.»

Ermittlungsverfahren sind in der Schweiz auch deshalb langwierig, weil die Beweise vor der Gerichtsverhandlung erhoben werden. Dafür sind die Prozesse meist relativ kurz, anders als in Deutschland, wo die Beweisaufnahme während der Verhandlung vor Gericht erfolgt. Dennoch befürchtet Niggli, das Vertrauen, das die Bevölkerung der Justiz entgegenbringt, werde wegen der langen Verfahren erodieren. «Wir erleben, wie Strafrecht und Strafprozessordnung vulgarisiert werden», bekräftigt der Zürcher Strafverteidiger Sprenger. Das bedeutet: Geschädigte, die wie Maya Lehmann nicht zu ihrem Recht kommen. Beschuldigte, die sich jahrelang in einem juristischen Leerraum zwischen Freispruch und Verurteilung befinden. Verdächtige, die auf unbestimmte Zeit nicht auf ihr Konto zugreifen können. Und überlastete Staatsanwälte. «Nach meinen Beobachtungen nimmt die Zahl übermüdeter, beruflich ausgebrannter Staatsanwälte merklich zu», sagt Sprenger.

Sieben Jahre nachdem Lehmanns ­Vater gestorben ist, hat sie ihr Erbe noch immer nicht erhalten. Ihre Akten liegen jetzt bei der Staatsanwaltschaft Zürich Sihl. Anwalt Konrad Jeker mutet Geschädigten jeweils gleich zu Beginn die Wahrheit zu: «Sie werden warten, bis Sie schwarz sind.»

Erstellt: 11.07.2019, 21:03 Uhr

In Zahlen

33 Prozent

Um so viel hat sich seit 2015 die Zahl der Pendenzen bei der Zürcher Staats-anwaltschaft III erhöht. Die Zahl der Neuanzeigen hat sich im selben Zeitraum verdreifacht.

52 Prozent

Mehr als die Hälfte aller Verdachtsfälle, welche die Meldestelle für Geldwäscherei seit 2009 an die Strafverfolgungsbehörden von Bund und Kantonen weitergeleitet hat, sind noch hängig.

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