«Ihr freier Lebensstil lastet auf unseren Schultern»

Nach dem Marsch für die Wiedergutmachungsinitiative ziehen die Initiaten Guido Fluri und Ursula Biondi Bilanz und sprechen über einzelne Begegnungen. Immer mehr Fragen kommen von Jugendlichen.

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In sieben Tag von Bern nach Genf – für die Initianten und Unterstützer der Wiedergutmachungsinitiative war die vergangene Woche ein Kraftakt. Am Donnerstag übergaben sie am Ende eines Solidaritätsmarschs die Petition an die UNO.

Für die rund hundert Betroffenen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen war der Weg dorthin hart und emotional. In Bern, Freiburg, Neuenburg, Yverdon, Lausanne und schliesslich in Genf sammelten sie Unterschriften, sprachen mit Menschen auf der Strasse und tauschten sich mit anderen Betroffenen aus.

Laut Hauptinitiant Guido Fluri hat sich ihre Arbeit gelohnt: «Die Zahl der Unterschriften ist auf fast 60'000 gewachsen», sagt er. Nach knapp drei Monaten ein rekordverdächtiges Ergebnis. Bis im Herbst will Fluri die nötigen 100'000 Unterschriften zusammenbekommen und damit ein« starkes Zeichen setzen».

120 Führungen im Kinderheim Mümliswil

Mit dem Solidaritätsmarsch versucht der Unternehmer – selbst einmal Heimkind – weiter Unterstützung für das Anliegen gewinnen. «Die unter 30-Jährigen sind oftmals schlecht über die Vergangenheit der Schweiz mit fürsorgerischen Zwangsmassnahmen informiert», sagt er. Mit den Kundgebungen würden sie auch die gesellschaftliche Aufklärung vorantreiben.

Dass Jugendliche aber mehr über dieses dunkle Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte wissen wollen, zeigt ein Blick nach Mümliswil im Kanton Solothurn. Hier steht die Nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder, welche gestern ein Jahr alt wurde. Das Fazit ist für Fluri «überraschend»: 120 Führungen haben stattgefunden - vor allem mit Schulklassen und Studenten.

Viele Betroffene sind zum Jubiläum nach Mümliswil gereist. Die vielen Einzelschicksale zu sehen, hat Fluri erneut erschüttert. «Ich spreche von alten Menschen, die unter starken psychischen und physischen Folgen der Misshandlungen leiden, mit maximal 2000 Franken im Monat leben und es trotzdem oftmals nicht wagen, Forderungen zu stellen», sagt er.

Herzzerreissende Blicke

Eine von denen, die für diese Menschen spricht, ist Ursula Biondi. Die Zürcherin kam als 17-Jährige in die Strafanstalt Hindelbank, weil sie schwanger war. Unter katastrophalen Umständen brachte die heute 64-Jährige schliesslich ihren Sohn zur Welt.

Nun kämpft sie an forderster Front für Wiedergutmachung. Zusammen mit Gleichgesinnten sammelte sie in der vergangenen Woche in der Westschweiz dafür Unterschriften. In Erinnerung geblieben ist ihr die Begegnung mit einer jungen Frau, die als Kind von ihrem Vater und ihrem Grossvater missbraucht wurde. Ins Heim gekommen, habe man sie als Schlampe bezeichnet, geglaubt habe ihr niemand. Nicht vergessen kann Biondi auch die Tränen eines jungen Mannes mit vielen Tätowierungen. «Tout de suite, je vais signer ça,» zitiert sie ihn. Auch bei vielen anderen Begegnungen sei der Blick in die Augen herzzerreissend gewesen.

Auch sie spürt das Interesse der jüngeren Generation. Immer häufiger klopfen Lehrer und Vereine beim Initiativkomitee an. Gerade nächste Woche tritt Biondi erneut vor eine Schulklasse, um ihnen von ihren Jugendjahren zu erzählen. «Ich möchte ihnen klar machen, dass ihr freier Lebensstil auf unseren Schultern lastet», sagt sie. Würden heute noch dieselben Gesetze gelten, wären viele von ihnen im Gefängnis oder in Heimen.

Prominente Unterstützung

Nachdem sich der Bundesrat bei den Betroffenen entschuldigt hat und das Parlament die administrativ Versorgten per Gesetz rehabilitiert hat, fordert die Initiative nun auch die finanzielle Wiedergutmachung. Mit einem Fonds über 500 Millionen Franken sollen schwer Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen entschädigt werden. Zudem soll das dunkle Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte wissenschaftlich aufgearbeitet werden.

Viele Unterstützer der Wiedergutmachungsinitiative tragen prominente Namen. Beim Start am 19. Juni in Bern waren unter anderem der Schriftsteller Franz Hohler, Schauspieler Max Hubacher, Rapper Tommy Vercetti sowie der Berner SVP-Regierungsrat Christoph Neuhaus vor Ort. «Für das Unrecht, das Verdingkindern, Versorgten und Zwangsterilisierten angetan wurde, braucht es ein Zeichen, das über Worte des Bedauerns hinausgeht», sagte Hohler.

Genauso scharfe Worte fielen zum Abschluss der Solidaritätsveranstaltung in Genf. Als Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats nahm Jean Ziegler die Petition entgegen. «Es gibt 20'000 Opfer, die noch leben. Sie haben das Recht auf Wiedergutmachung. Die Forschung muss klären, wie das in einem demokratischen Staat wie der Schweiz geschehen konnte», sagte er. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2014, 20:29 Uhr

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