Ihre Opfer leiden bis heute

Die thailändische Menschenhändlerin «Ma’am» wurde in 75 Fällen schuldig gesprochen worden und zu 10,5 Jahren Haft verurteilt.

«Sie war die Organisation», sagt Gerichtspräsident Markus Gross bei der Urteilsverkündigung über die Thailänderin. Zeichnung: Patrick Tondeux

«Sie war die Organisation», sagt Gerichtspräsident Markus Gross bei der Urteilsverkündigung über die Thailänderin. Zeichnung: Patrick Tondeux

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«Ich empfinde Bedauern für die Fehler, die ich gemacht habe», sagte die 58-jährige Thailänderin in ihrem Schlusswort. «Wenn ich die Chance erhalte, neu anzufangen, verspreche ich, dass ich nichts Falsches mehr machen werde.» Das Regionalgericht Berner Jura-Seeland nahm ihr die Reue nicht ab. Gestern hat es die Frau wegen Menschenhandels in 75 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zehneinhalb Jahren verurteilt. Es sprach sie auch der Förderung der Prostitution in 29 Fällen schuldig. Dazu kommen Verurteilungen wegen Förderung der rechtswidrigen Einreise und des rechtswidrigen Aufenthalts in der Schweiz sowie gewerbsmässig begangene Geldwäscherei.

«Sie hat bis heute weder das Ausmass noch die Intensität der sexuellen Ausbeutung je eingestanden oder gar bereut», sagte Gerichtspräsident Markus Gross bei der Urteilsverkündung. «Was an ihrem Fall beeindruckt, ist die Zahl der Opfer. Das Ausmass der sexuellen Ausbeutung ist ausserordentlich.» Während des Verfahrens habe die Thailänderin ihr Geständnis jeweils dem Aktenstand angepasst. Sie habe ihre Rolle heruntergespielt, indem sie sich «hinter anderen versteckt» habe. Zudem habe sie Leute, die sie belasteten, «sofort diffamiert». Die Aussagepsychologie werte solche Gegenangriffe als Zeichen für Lügen.

«Number one in Switzerland»

Für das fünfköpfige Gericht ist klar, dass die als «Ma’am» bekannte Thailänderin eine viel dominantere Rolle innehatte, als sie dies seit ihrer Verhaftung im Oktober 2014 je eingestanden hat: «Sie war die Organisation oder zumindest eine der Organisationen in Thailand. Vielleicht ist sie gar die Number one in Thailand. Wenn nicht, dann ist sie sicher die Number one in Switzerland.»

Die aus Sicht des Gerichts zentrale Frage lautete: Wussten die Opfer, zu welchen Bedingungen sie sich in der Schweiz würden prostituieren müssen? Entscheidend sei nicht die faktische Einwilligung zur Prostitution, da einem Teil der Frauen und Transmenschen bewusst gewesen sei, womit sie ihr Geld verdienen würden. Entscheidend sei, dass sie über die konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen nicht ins Bild gesetzt worden seien. Ein Teil der Opfer wurde gar arglistig getäuscht.

«Wussten die Sexarbeiterinnen, dass sie in Schuldknechtschaft 150 bis 200 Freier gratis machen müssen? Haben sie aus freiem Willen eingewilligt?», fragte der Gerichtspräsident. «In ein solches menschenverachtendes und ausbeuterisches System kann man gar nicht aus freien Stücken einwilligen.» Die Opfer seien «wie eine Ware gehandelt» worden. «Sie wurden angeworben, deponiert, eingesetzt, im Bedarfsfall verschoben oder ersetzt.»

Staatsanwältin Annatina Schultz und der Anwalt Philipp Kunz kommentieren das Urteil. Video: SDA/Tamedia

In 13 Fällen sprach das Gericht die Frau vom Vorwurf des Menschenhandels frei. Zwar vermutet es auch bei diesen Personen, dass sie sich auf Kosten der Thailänderin prostituieren mussten. Für eine Verurteilung reichte es jedoch nicht aus – weil ihre Namen nicht bekannt sind oder unklar ist, ob sie tatsächlich in die Schweiz reisten. Geschweige denn kann das Gericht beweisen, wo und wie sie allenfalls sexuell ausgebeutet wurden.

Für Verteidiger Philipp Kunz handelt es sich um ein «strenges Urteil». Seine Mandantin sei «erschüttert über das Strafmass». Staatsanwältin Annatina Schultz hingegen zeigte sich mit der «sehr hohen Strafe» zufrieden. «Die Thailänderin stand ganz am Anfang der Menschenhandelskette. Das war entscheidend.» Sowohl Kunz als auch Schultz wollen über einen allfälligen Weiterzug erst nach Eintreffen des schriftlichen Urteils entscheiden.

«Enorme Stärke»

Und die Opfer? «Ihr langwieriger Weg zurück in ein einigermassen normales Leben ist noch nicht zu Ende», sagt Susanne Seyt­ter von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ). Offen bleibe die Frage nach ihrer Zukunft. Das FIZ hofft, dass dank dem Urteil nun vermehrt Menschenhändler in der Schweiz zur Verantwortung gezogen werden. Der Ausgang eines Verfahrens hänge zum grössten Teil von den Aussagen der Betroffenen ab. «Die Teilnahme an einem Prozess erfordert enorme Stärke und Durchhaltevermögen», so Seyt­ter. «Sie durchleben oft die traumatischen Erlebnisse von Ausbeutung und Zwang im Gericht noch einmal.»

Der Gerichtspräsident zeigte sich gestern «beeindruckt vom Mut und von der Beharrlichkeit» der vier Opfer sowie der einen Zeugin, die vor Gericht aufgetreten waren – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Stellvertretend für alle 75 Opfer wiederholte er einige ihrer Aussagen. So unter anderem diese: «Man darf nicht krank werden oder ausgehen. Man darf auch nicht sterben. Es ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 10:34 Uhr

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