Hintergrund

Im Bann der drei Kirschen

Ein Immobilienverwalter besucht das Casino Basel und steckt hundert Einfränkler in einen Automaten. Fünf Jahre später hat er Karriere, Ruf und 6,5 Millionen Franken an Kundengeldern verloren. Das Casino sperrte ihn nicht: Es umgarnte ihn.

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«Ich habe fünf Abschiedsbriefe geschrieben. Einen für meinen besten Freund, einen für meine Frau, einen für meine Söhne, einen für meinen Chef. Und einen für alle anderen. Am Morgen des 12. Juni 2013 bin ich losgefahren, bei Diepoldsau über die Grenze, dann weiter, bis kurz vor Salzburg. Ich checkte in ein Motel ein. Ich hängte das ‹Do not disturb›-Schild an den Knauf. Ich füllte drei Gläser: eines mit Wasser, eines mit Whiskey. Und eines mit Cola. Darin löste ich die Schmerztabletten auf, die ich unterwegs gekauft hatte. Ich trank alle Gläser aus. Dann legte ich mich aufs Bett.»


Christian Müller* erzählt seine Geschichte nüchtern, als würde er über einen anderen reden. Er sitzt in der Küche einer Basler Wohnung, trinkt Leitungswasser, raucht Muratti Ambassador. Er lehnt nach rechts, mit wenig Körperspannung, tiefe Furchen haben sich in seine Stirn gegraben. Er sagt: «Ich war nie der Typ, der schnell Hilfe holte.»

Aktenzeichen V081120 029, Anklageschrift, Strafgericht Basel-Stadt:


«Spätestens ab Oktober 2003 verfiel der Beschuldigte dem Glücksspiel und wurde ständiger Gast des neu eröffneten, von der Airport Casino Basel AG geführten Spielcasinos in Basel, wo er regelmässig hohe Beträge verspielte.»


Müller erzählt, er sehe jenen Herbsttag noch klar vor sich, an dem alles begann. Es ist Mittag, der damals 36-Jährige steht vor seiner Stammbeiz und kann sich nicht zwischen Menü A und Menü B entscheiden. Auf beide Optionen hat er keine Lust. Er sagt sich: «Ach was, heute gönne ich mir etwas.»

Müller ist Jungunternehmer. Die Immo-Firma, die er mit einem Freund zusammen in der Nähe von Basel aufbaut, gedeiht. Er hat sich auf die Verwaltung von Stockwerkeigentum spezialisiert. Eben hat seine Frau das zweite Kind zur Welt gebracht. Müller ist glücklich, aber auch gestresst, die Firma zehrt an seinen Kräften. Er hat sich vorgenommen, mehr Struktur in seine Tage zu bringen, mehr richtige Mittagspausen zu machen – «damals habe ich mir zum Zmittag oft nur ein Sandwich ins Hirn gedrückt».

Sich etwas zu gönnen, heisst für ihn, spontan beim neuen Grand Casino Basel vorbeizuschauen, über das die ganze Stadt redet. Müller parkt seinen Opel Zafira hinter dem rötlich schimmernden Glaskubus, fährt mit der Rolltreppe ins Untergeschoss, tauscht einen Hunderter gegen Einfränkler. Münze um Münze verschwindet im Schlitz eines Cherry-Automaten. Müller sieht, wie sich die drei Walzen des Geräts drehen, Kirschen und andere Früchte flitzen vorbei – «ich hatte keine Ahnung, wie das Ding funktionierte». Er gewinnt, er verliert. Als das Geld weg ist, verlässt er das Casino ohne Groll. «Der Besuch war entspannend. ‹Endlich mal ein paar Momente nur für mich›, habe ich gedacht.»

Phase 1: Milchbüechli

Wer in der Schweiz ein Casino eröffnet, der braucht ein Sozialkonzept. Dieses muss Massnahmen enthalten, die den «sozial schädlichen Auswirkungen des Spiels vorbeugen oder diese beheben». So schreibt es das Spielbankengesetz vor. Das Personal muss Gäste beobachten. Wenn es sich herausstellt, dass jemand mit Beträgen spielt, die er oder sie sich nicht leisten kann, muss das Casino eine Sperre verhängen.

Müller kommt wieder, ein-, zweimal pro Woche. Zuerst fällt er nicht auf, obwohl er den Einsatz auf 200 oder 300 Franken pro Besuch erhöht. Das Geld kommt erst vom Familienkonto, später vom Kontokorrentkonto der Firma. Er spielt stets an denselben drei Cherry-Automaten, will die drei Kirschen auf den Walzen sehen, sie versprechen den Höchstgewinn. Er nennt das die «Milchbüechli-Phase», weil er sich Gewinne und Verluste aufschreibt. «Ich hatte es mehr oder weniger unter Kontrolle.» Bis er auf einen Schlag 20'000 Franken gewinnt. Diesen Kick will er wiederholen, es scheint ihm so einfach.

Phase 2: Feuerlöschen

Das Casino hat Müller ab Oktober 2004 auf dem Radar – es muss grosse Auszahlungen dokumentieren, so will es das Geldwäschereigesetz. Die Statistik zeigt für jenen Monat: An sieben Tagen war Müller im Haus, 253 000 Franken wurden ihm ausgezahlt. Wie viel jemand in die Automaten hineinsteckt, registrieren Schweizer Casinos nicht.

Als sein Geschäftspartner wegen des Kontokorrentkontos kritische Fragen stellt, wechselt Müller die Geldbeschaffungsstrategie: Er greift nun per E-Banking auf die Konten der Stockwerkeigentümer zu, die er verwaltet. Wird das Loch auf einem Konto zu gross, stopft er es mit Mitteln von einem anderen Konto. Eine hastige Herumschieberei beginnt. «Feuerlöschen» nennt Müller das.

Er besucht jetzt das Casino fast täglich, oft mehrmals. Gegenüber seiner Frau erfindet er Ausreden. «Ich hoffte auf den Jackpot. Dann hätte ich übers Wochenende alle Konten angeschaut und die Löcher auf einmal gestopft.»

Phase 3: Panik

Um die Lücken in den Bilanzen zu verstecken, fälscht er Bankbelege, die er seinen Kunden schickt. Im Casino spielt er immer fiebriger, oft an drei Automaten gleichzeitig. Einsatz: 45 Franken pro Knopfdruck. «Manchmal sind mir die 1000er-Noten aus der Hosentasche gefallen. Ich merkte nichts davon, das Personal musste es mir sagen. ‹Was ist schon ein 1000er›, dachte ich.» Einmal verspielt er 20'000 Franken in 21 Minuten.

Das Casino umgarnt ihn derweil, Müller kriegt Essensgutscheine und Gratisdrinks– «man lud mich auch ans Tennisturnier Swiss Indoors ein», erzählt er.

Am 14. Februar 2006 kommt es zu einem Check. Müllers Umsätze werden immer auffälliger, überschreiten in manchen Monaten die Millionengrenze. Auf die Frage des Angestellten, wie viel er verdiene, sagt er: «Im höheren sechsstelligen Rahmen.» Ein Kreditinstitut überprüft Müllers Bonität, ohne sein Wissen. Resultat: «Finanzlage erscheint als geordnet.» Müller wird nicht gesperrt.

Dass langfristig das Casino immer gewinnt, will er nicht wahrhaben. Er glaubt, zu spüren, wann «seine» Automaten «reif» sind. Wenn ihm dann das Geld ausgeht, holt er in der Bank Nachschub. Aber der grosse Jackpot kommt nicht.

Im Herbst 2008 spitzt sich die Lage zu. Die Auszahlungen des Casinos an ihn haben inzwischen 29 Millionen Franken überschritten – davon ist nichts übrig, er hat alles in die Automaten reinvestiert. Netto ist er tief in der Verlustzone. Verzweifelt schiebt er Beträge von 80 oder 150 Franken zwischen den Kundenkonten hin und her. Am 18. November 2008 klingelt die Staatsanwaltschaft. Ein Kunde hat sie alarmiert, Müller hat einen Teil eines 50'000-Franken-Lochs zu spät gestopft. Die Beamten nehmen sich die Bilanzen vor, stellen kritische Fragen. Müller druckst herum. Dann platzt es aus ihm heraus: «Hört, ich muss euch etwas sagen. Ich bin spielsüchtig.»


«Um wie viel Geld gehts denn?»

«Ich weiss es nicht. Eine Million?»


Kochgruppe, FDP, Schulrat

Es ist sechsmal mehr. Der Schaden beträgt 6 504 839.24 Franken. Auf diese Zahl kommt die Staatsanwaltschaft, nachdem sie das Knäuel aus Hunderten von Transaktionsfäden entwirrt hat. Die Anklage lautet auf mehrfache Veruntreuung, mehrfache ungetreue Geschäftsbesorgung, mehrfache Urkundenfälschung, Misswirtschaft.

Dutzende Stockwerkeigentümer haben Tausende Franken verloren. Die Firma ist nicht mehr zu retten, sie geht in Konkurs. Der Geschäftspartner, der auch Götti von Müllers jüngerem Sohn ist, bricht den Kontakt ab. Im Dorf wird Müller geschnitten, er verlässt die FDP, den Schulrat, seine Kochgruppe. Seine Frau, die laut Müller von seiner Spielsucht nichts gewusst hat, hält zu ihm. Für den TA ist sie nicht zu sprechen.

Das Gefängnis bleibt Müller vorerst erspart. Er beginnt eine Therapie. Während die Staatsanwaltschaft ermittelt, findet er in Zürich Arbeit bei Immo-Firmen. Dann taucht ein neues Problem auf: Er sei erpresst worden, sagt Müller. Jemand habe damit gedroht, seine Vergangenheit offenzulegen, wollte Schweigegeld. Er habe bezahlt, zuerst mithilfe der Familie, dann mithilfe eines Darlehens. Als der Erpresser mehr forderte, habe er wieder angefangen, von Firmenkonten Geld abzuheben – und den Schaden mit Casinobesuchen in Deutschland und Frankreich zu decken versucht. So schreibt er es in einem Brief ans Strafgericht. Ermittlungen oder Beweise dazu gibt es nicht. Klar scheint einzig, dass sein neuer Chef ihn am 12. Juni 2013 konfrontieren will. Müller steigt ins Auto, fährt los in Richtung Diepoldsau.


«Die Schmerzmittel haben nicht gereicht. Ich bin im selben Bett wieder aufgewacht. Später bin ich auf die Autobahn gestanden, aber jedes Mal weggerannt, wenn ein Lastwagen kam. Mein dritter Plan war, eine Flasche Whiskey auszutrinken und auf einen See hinauszuschwimmen. Als ich am Ufer stand, brachte ich keinen Schluck hinunter.»


Stattdessen steuert Müller sein Auto zurück in die Schweiz, nach St. Gallen. Dort tritt er per E-Mail in Kontakt zu seinem besten Freund; der überredet ihn, nach Basel zurückzukehren. Müller lässt sich in die Universitäre Psychiatrische Klinik einliefern, wo eine «schwere depressive Episode mit akuter Suizidalität» diagnostiziert wird. Er bleibt zwei Monate, Mitte August wird er entlassen. Seither bereitet er sich auf seinen Prozess vor, der am Montag vor dem Basler Strafgericht beginnt. Sein Anwalt will die Strafe unter drei Jahren halten, dann muss er womöglich nur einen Teil absitzen.

Müller sagt: «Beim Casino passierten Fehler, und man kann sich auch fragen, welche Rolle die Banken gespielt haben. Aber am Schluss liegt die Verantwortung für meine Sucht bei mir.»

Das Urteil der fünf Richter wird am Mittwoch erwartet.



* Name geändert

Erstellt: 06.09.2013, 19:53 Uhr

Folgen für die Spielbanken

Der «Fall Müller» hat für das Casino ­Basel Konsequenzen. Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) leitete eine Untersuchung ein und stellte «gravierende Unterlassungen» in Bezug auf die Kontrollpflichten fest. Das Personal habe «auf praktisch allen Stufen versagt». Die Kommission verhängte im Juni 2011 eine Rekordbusse von 4,9 Millionen Franken. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte den Entscheid im Juni 2013, reduzierte die Busse aber auf 3,1 Millionen. Das Casino zieht das Urteil weiter. «Dieser Fall ist absolut untypisch», sagt Gert Thönen, VR-Vize beim Casino Basel. «Man kann nicht von uns verlangen, dass wir die kriminellen Machenschaften dieses Mannes hätten aufdecken sollen.» Der Fall geht jetzt ans Bundesgericht.

Ob die Casinos bei der Früherkennung von Spielsüchtigen allgemein zu wenig hart durchgreifen, ist heiss umstritten. Casinokritiker wie der Psychiater Mario Gmür sagen, die Spielbanken würden die Süchtigen nach wie vor «königlich behandeln», statt zu sperren. Gert Thönen entgegnet: «Unser Konzept funktioniert.» Es seien inzwischen mehr als 4000 Spieler gesperrt. Die Psychologin Christa Bot, welche die Helpline SOS Glücksspiel betreut, sieht sich immer wieder mit Fällen konfrontiert, in denen die Spielbanken nicht oder zu spät eingriffen. «Aber generell kann man den Schwarzen Peter nicht den Casinos zuschieben.» Die Bemühungen, die Süchtigen herauszufiltern, seien klar da.

Sicher ist, dass die Bussen der ESBK im Präzedenzfall Müller und einem ähnlichen Fall in Schaffhausen (eine UBS-Angestellte verspielte 2,8 Millionen) den Druck auf die Spielbanken erhöhen. Faktisch installieren die Gerichte eine umgedrehte Beweislast: Wer exzessiv zockt, gilt als Sperrkandidat. Er darf nur weiter­spielen, wenn er schriftlich belegt, dass er genügend Kapital besitzt.

Die aktiven Spielsperren sind in den letzten fünf Jahren von 19'000 auf 36'000 hochgeschnellt, gleichzeitig schrumpft der Casinomarkt. Das hat mit dem starken Franken zu tun und der grösseren Konkurrenz im nahen Ausland. Aber auch die zunehmenden Sperren lassen die Umsätze wegschmelzen – zumindest darin sind sich Suchtexperten und Casino­betreiber einig. (ms)

Bei Problemen mit dem Glücksspiel: Helpline SOS Spielsucht, 0800 040 080, im Internet: www.sos-spielsucht.ch.

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