Interview

«Im Homeoffice neigt man zu mehr Arbeit»

Noch tun sich viele in der Schweiz schwer mit dem Arbeiten von zu Hause aus. Warum eigentlich? Professor Jens Meissner spricht im Interview über Selbstdisziplin und wann es zu viel des Homeoffice wird.

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Wer einmal das Arbeiten von zu Hause aus getestet hat, will dies in der Regel nicht mehr aufgeben. In Firmen, die dies bereits getestet oder eingeführt haben, hat sich diese Arbeitsform bewährt (wir berichteten). Trotzdem herrscht in der Schweiz noch Skepsis gegenüber dem sogenannten Homeoffice. Seine grössten Stolpersteine sind die Ablenkung zu Hause, Misstrauen aus dem Arbeitsumfeld, der Organisationsaufwand und die Unternehmenskultur (Details siehe Box), wie Jens Meissner von der Hochschule Luzern sagt. Der Professor für Organisation, Innovation und Riskmanagement spricht im Interview über die entsprechenden Befürchtungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Herr Meissner, in welchen Bereichen ist Homeoffice sinnvoll, in welchen nicht?
Dies ist in Branchen sinnvoll, in denen Homeoffice produktiv und praktisch ohne Fehlkommunikation möglich ist: etwa in Dienstleistungsunternehmen wie Beratungen und Agenturen. Lehrberufe sind traditionell eher auf Arbeit zu Hause ausgerichtet, da neben dem Unterricht viel von dort aus erledigt wird. Branchenübergreifend findet man günstige Gelegenheiten zum Teil in Verwaltungen, teils in Stabs- und Managementfunktionen. Nicht für Homeoffice geeignet sind etwa die Anwesenheit erfordernden Berufe in der Produktion oder in Gastronomie und Tourismus.

Wenn ein Mitarbeiter zu Hause arbeitet, müssen die Kollegen im Büro die Stellung halten. Was bedeutet das für sie?
Sie müssen sich mit ihrem Homeoffice-Mitarbeiter vorab organisieren, damit nicht zu viel an denjenigen im Büro hängen bleibt. Es ist von Vorteil, wenn die Anrufe auf das Handy umgeleitet werden. Zudem bieten einige Firmen die Möglichkeit, via Internet die eigene geschäftliche Telefonnummer von zu Hause aus zu verwenden.

Viele Arbeitgeber befürchten, dass es zu Hause an Selbstdisziplin hapert und die Arbeit nicht gemacht wird. Wie berechtigt sind diese Befürchtungen?
Im Homeoffice arbeitet man tendenziell nicht zu wenig, sondern zu viel: Dazu gibt es gesicherte Erkenntnisse. Die Grenzen zwischen Privat- und Geschäftsleben werden verwischt. Der Mitarbeiter gewöhnt sich an die Verfügbarkeit zu Hause und trägt dies in den Feierabend hinein. Er möchte am Abend noch kurz seine Mails checken und bleibt doch wieder länger im Geschäftlichen hängen. Das ist mitunter mühsam für Angehörige. Dem Daheimgebliebenen fehlt oft das Abschalten, das bei anderen Arbeitnehmern mit dem Nachhauseweg entsteht und eine gewisse Distanz zur Arbeit schafft. Die Grundhaltung, immer verfügbar zu sein, führt definitiv nicht zu weniger, sondern zu mehr Arbeit. Da braucht es eine gesunde Mischung.

Kennen Sie Beispiele von Arbeitsplätzen, wo es nicht klappte mit dem Homeoffice?
Nein, ich kenne keine. Stolpersteine gibt es immer. Trotzdem ist mir keine einzige Firma bekannt, die das Homeoffice abschaffen wollte, nachdem sie erst einmal auf den Geschmack gekommen war.

Pendlerstress und Ablenkungen am Arbeitsplatz können einem Arbeitnehmer manchmal zu viel werden. Aber auch zu viel Homeoffice kann ungesund sein. Warum?
Viele Arbeitnehmer sind tatsächlich froh, wenn sie auch einmal aus dem Haus kommen und in einer anderen Umgebung arbeiten können. Dies sind zum einen Leute mit Familie. Diese wird von Studienteilnehmern oft als Ablenkungsfaktor angegeben. Einfach die Türe des Arbeitszimmers zu schliessen, um sich abzugrenzen, kommt einigen zu Hause Arbeitenden seltsam vor, weshalb sie das Büro bevorzugen. Zum anderen arbeiten auch Personen ohne Familie gerne mal beim Arbeitgeber vor Ort. Sie schätzen den direkten Austausch mit den anwesenden Kollegen und würden sich einsam fühlen, wenn sie allein zu Hause arbeiten würden. Das Büro wird auch von vielen jungen Leuten bevorzugt, weil die stetige Präsenz auch Karrierechancen mit sich bringt.

Wie viel Homeoffice ist empfehlenswert?
Bei einem Vollzeitpensum scheinen ein bis zwei Tage pro Woche eine gute Lösung. Für manche Leute reicht auch alle zwei Wochen ein Tag. Sinnvoll ist auch, wenn der Arbeitnehmer unregelmässig – zum Beispiel an einem Tag pro Monat – von zu Hause aus die E-Mails abbauen kann. Die Beteiligten wünschen sich einen gesunden Mix aus Heim- und Büroarbeit.

Insgesamt überwiegen bei der Flexibilisierung des Arbeitslebens also die Vorteile?
Ja, sie bringt neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit sich. Diese sollen Arbeitgeber und -nehmer gemeinsam erproben, um höhere Produktivität und eine grössere Mitarbeiterzufriedenheit zu erreichen. Wichtig ist aber auch, dass man bewusst mit den Ängsten umgeht – etwa mit denen vor Kontrollverlust oder vor Vereinsamung. Das Gefühl, es nicht mehr im Griff zu haben, ist der grösste Stressfaktor und sollte so auch wahrgenommen werden.

Erstellt: 28.11.2012, 17:32 Uhr

Erforschte verschiedenste Aspekte des Homeoffice: Prof. Dr. Jens O. Meissner, Professor für Organisation, Innovation und Riskmanagement an der Hochschule Luzern (Wirtschaft). (Bild: Hochschule Luzern)

Prof. Dr. Jens O. Meissner

Jens O. Meissner ist Professor für Organisation, Innovation und Riskmanagement an der Hochschule Luzern (Wirtschaft) sowie Gründer des Instituts für Wirtschaftsstudien Basel. Er promovierte an der Universität Basel über organisationale Kommunikation. Meissner publizierte diverse Arbeiten zum Thema Homeoffice, seit 2010 in der Regel verbunden mit dem Schweizerischen Home Office Day (Link siehe unten). Unter anderem war er am Forschungsprojekt «Ressourcenimpact mobiler Arbeitsformen» beteiligt. Meissner verfasste zudem den E-Mail-Ratgeber «E-Mail & Co.» (Versus Verlag, Zürich).

Die Stolpersteine des Homeoffice

1. Ablenkung zu Hause: Bei einigen lenkt die Familie, speziell kleine Kinder, vom Arbeiten ab. Auch der Haushalt und Hobbys sind Faktoren.

2. Misstrauen von Vorgesetzten und Mitarbeitern: Es wird gerne angenommen, dass der Kollege im Homeoffice nicht produktiv ist. Dies geht manchmal einher mit mangelnder Wertschätzung gegenüber dem zu Hause Arbeitenden. Vorgesetzte müssen zudem «unsichtbare» Mitarbeiter führen, ihnen im Voraus vertrauen, sich gegenüber Gruppen ohne Homeoffice-Möglichkeit rechtfertigen und zudem – das ist ein heikler Punkt – für einen gerechten sozialen Vergleich zwischen den Mitarbeitern sorgen. Will heissen: Die im Büro arbeitenden Kollegen sollten sich nicht benachteiligt fühlen gegenüber dem Homeoffice-Mitarbeiter.

3. Organisatorischer Aufwand: Zum einen müssen die physischen Bedingungen für Homeoffice geschaffen werden, etwa bezüglich Arbeitscomputer oder Pult. Zum anderen haben die Beteiligten untereinander zu klären, wie sie sich organisieren, wenn die einen Kollegen zu Hause arbeiten: Wie und wann sind diese erreichbar? Beides bedeutet mehr Aufwand für die Betroffenen.

4. Das System drumherum: Wenn die Arbeitsorganisation umgestellt wird, braucht es manchmal einen kulturellen Wandel. In grossen, hierarchischen Organisationen stelle ich immer wieder fest: Das Top-Management denkt, an der Basis würden Mitarbeiter und ihre direkten Vorgesetzten das Homeoffice regeln. Doch unten geht man häufig davon aus, «die da oben» würden sich etwas dazu ausdenken. So wird das «Gefecht» im Mittelmanagement ausgetragen, das sich in der Sandwich-Position befindet. Die Verantwortung für die Arbeitsform ist schlussendlich häufig nicht mehr klar.

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