Im Sog der Metropole

Zürich schnappt sich die jungen Talente aus der halben Schweiz. Kleinere Städte und ländliche Kantone können sich kaum dagegen wehren.

Hochschulen machen Städte attraktiv: Studierende auf der Terrasse der ETH Zürich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Hochschulen machen Städte attraktiv: Studierende auf der Terrasse der ETH Zürich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Stellen Sie sich vor: Sie sind 18-jährig, wohnen auf dem Land, machen die Matura und träumen vom grossen Leben. Wo würden Sie zum Studieren hingehen? Nach St. Gallen oder Zürich?

Genau: Zürich. So denken viele. Deshalb treffen sich dort die Hälfte aller Abgänger von Deutschschweizer Gymnasien wieder. Deshalb klagt nun der Kanton St. Gallen, dass er jedes Jahr mehr gut ausgebildete Einwohner verliert.

Zürich lockt die Jungen schon länger. Das liegt an seinen guten Hochschulen. Und daran, dass Zürich die grösste Schweizer Stadt ist. Ehrgeizige hat es immer in die Metropolen gezogen. Diese versprechen Erfolg, Prestige, Abenteuer. Früher kehrten die Hochschulabgänger nach dem Studium allerdings häufig in ihre Dörfer und Kleinstädte zurück – dorthin, wo sie aufgewachsen waren. Heute bleiben mehr von ihnen auch nach dem Abschluss in Zürich.

Das hat damit zu tun, dass sich Zürich dank der 80er-Bewegung von der einstigen Biederkeit befreit hat. Es entspricht zudem einem internationalen Trend, dass sich Junge mit guter Ausbildung in wenigen, sogenannten Schwarmstädten sammeln – während sie die meisten anderen Orte meiden. Diese Ballung geschieht in Deutschland ebenso wie in den USA.

Teufelskreis des Stillstandes

Das Fiese daran ist: Die ungleiche Verteilung verstärkt sich von allein. Je mehr junge Leute abwandern, desto langweiliger wird ein Ort für die zurückbleibenden. Es gibt weniger Konzerte, weniger alternative Kultur. Konservative Kräfte erstarken, was noch mehr junge Menschen zum Weggehen bewegt. Dies wiederum hält Unternehmen davon ab, sich in Abwanderungsstädten niederzulassen. Denn dort haben sie Mühe, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. So funktioniert der Teufelskreis des Stillstandes.

«Wo sind all die Mädchen? Wo sind all die Freunde hin?», singt die deutsche Band Jupiter Jones in einem Lied über eine Provinzstadt. Die Antwort in Deutschland heisst: Berlin.

Umgekehrt läuft es in den Schwarmstädten. Weil ständig mehr junge Leute herkommen, verbreitert sich das kulturelle Angebot. Das Lebensgefühl frischt auf, junge Wähler setzen eine offene Politik durch. Unternehmen siedeln sich gerne in solchen Städten an, weil sie hier unter den besten Arbeitskräften aussuchen könnten. Dies wiederum ködert noch mehr junge Leute, wodurch sich die Attraktivität weiter steigert.

Dieser Schwung nach oben lässt sich an Zürich schön studieren. Der Anteil an Hochschulabsolventen hat sich in den letzten 15 Jahren von einem Drittel auf die Hälfte der Bevölkerung erhöht. Die Zürcher verdienen so viel wie nie zuvor. Die obere Mittelschicht und die Oberschicht haben sich stark vergrössert. Das macht sich auch im Stadtbild sichtbar. Die Kreise 3 und 4 wandeln sich gerade zu Unterhaltungszonen für den jungen urbanen Mittelstand.

Die Lösung: Mehr Hochschulen

Weil sich die Abkoppelung der Schwarmstädte von selber beschleunigt, lässt sie sich nur schwer stoppen. Und doch stösst sie an Grenzen. Der ununterbrochene Andrang verteuert das Wohnen in den gefragten Zentren. Kinderlose mit gutem Job kümmert dies kaum. Schwieriger wird es, wenn eine Familie dazukommt.

Neuste Zahlen aus den USA deuten darauf hin, dass viele Millennials das Gleiche tun, was ihre Eltern einst getan haben: Kaum gründen sie eine Familie, verlassen sie die Stadt. Zu stark drückt der Wunsch nach einem Haus mit Garten.

Die Gegner dieser These sagen: Diesmal läuft es anders. Zu stark schätzen die Neo-Städter den urbanen Lebensstil – das Velofahren, die Märkte und Cafés, die kurzen Wege. Folglich bleiben sie auch mit Kindern in der Stadt. Ausserdem weichen stadtmüde Zürcher eher nach Opfikon aus als nach St. Gallen. Ihr Job befindet sich ja weiterhin in Zürich.

So kann sich die Restschweiz kaum darauf verlassen, dass ihre verlorenen Töchter und Söhne das Heimweh packt und sie von sich aus zurückkehren. Um aufzuholen, brauchten die abgehängten Regionen laut Experten vor allem eins: mehr und bessere Hochschulen. Doch solche kosten viel Geld, das den von Abwanderung betroffenen Gebieten oft fehlt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 18:04 Uhr

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