«Im Spital ist Routinearbeit sehr gefährlich»

Die Baby-Todesfälle an einem Spital in Mainz seien ein typisches Beispiel dafür, dass Routinearbeit unterschätzt wird. Dies sagt Elsbeth Wandeler vom Schweizer Berufsverband für Pflegefachpersonen.

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Elsbeth Wandeler, in Mainz sind drei Babys gestorben, weil sie mit Darmbakterien verunreinigte Nährlösung bekommen haben. Wie konnte so etwas passieren?
Offenbar muss es in der Spitalapotheke zur Verunreinigung gekommen sein. Die Pflege hat darauf wenig Einfluss. Der Fall zeigt einmal mehr typisch auf, wie risikoreich jegliche Arbeit im Spital ist. Nicht nur im Operationssaal, im Notfall oder in der Pflege, sondern auch in der Apotheke, in der Technik oder gar in der Küche. Es besteht überall ein Gefahrenpotenzial, wo nicht sauber und korrekt gearbeitet wird, und es ist fatal zu denken, eine Nährflüssigkeit zuzubereiten könne ja nicht so schwierig sein.

Wo sehen Sie Fehlerquellen?
Oftmals fehlt das Bewusstsein, dass eine kleine Unachtsamkeit schwerwiegende Folgen auf den Patienten haben kann. Viele denken, Pflegende müssten einfach ein grosses Einfühlungsvermögen haben. Der Rest sei Routine. Das BBT proklamiert wegen des Pflegepersonalnotstands die Attest-Ausbildung. Dies ist eine zweijährige Ausbildung auf tiefem Niveau, ähnlich einer Anlehre, für Leute, die intellektuell weniger Fähigkeiten haben, dafür bessere manuelle. Diese sollen für Routinearbeit zuständig sein. Gerade im Spital ist dies sehr gefährlich, denn auch Routinearbeit verlangt ein gewisses intellektuelles Verständnis über Zusammenhänge. Solche Light-Ausbildungen sind völlig unangebracht. Wenn in der Pflege ein Fehler passiert, geht es meistens um Leben und Tod. Wir können nicht einfach wie etwa die Autoindustrie ein fehlerhaftes Produkte vom Markt nehmen.

Kann ein Qualitätsverlust in der Pflegeausbildung solche Fehler fördern?
Ja. Alleine schon die Weiterbildung für die Arbeit in der Intensivstation dauert zwei Jahre. Das zeigt, wie anspruchsvoll die Arbeit ist. Eine solche Weiterbildung ist entsprechend teuer. Aber sie ist wichtig für die Patientensicherheit und darf nicht der Sparhysterie zum Opfer fallen. Dies wird sich mit der Einführung der Fallpauschale 2012 noch verstärken. Der Druck auf die Spitäler, möglichst günstig zu Weiterbildungen zu kommen, wird steigen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist der Stressfaktor. Stress steigert das Gefahrenpotenzial.

Werden in der Schweiz ebenfalls Fusionen in der Spitalapotheke abgefüllt?
Ja, es gibt spezifische Produkte. Es gibt aber auch viele Standardprodukte, die direkt von der Pharmaindustrie bezogen werden. Die Situation in Deutschland ist mit derjenigen in der Schweiz vergleichbar.

Hätte sich so ein Fall also auch in der Schweiz zutragen können?
Ich würde nicht zu behaupten wagen, dass es in der Schweiz keine solchen Fälle geben könnte.

Die Infusion war verunreinigt. Hätte die Pflegeperson reagieren müssen?
Eine Pflegeperson kann einer Infusion unmöglich ansehen, dass sie verunreinigt ist. Was jedoch in ihrer Verantwortung liegt, ist dafür zu sorgen, dass es zu keiner Verunreinigung durch sie kommt. Sie muss sich die Hände waschen, sie desinfizieren, die Infusion steril vorbereiten.

Wie häufig passieren derartige Verunreinigungen von Infusionen?
Dass Verunreinigungen in der Apotheke passieren, ist eher selten. Viel häufiger und gefährlicher ist die Infektion von einem Patienten zum anderen, dem Hospitalismus. Die Pflegeperson muss alle hygienischen Regeln befolgen, um dies zu verhindern. Wenn der Zeitdruck immer grösser wird, ist die Gefahr da, dass diese standardisierten Abläufe vernachlässigt werden. Ich bin sicher, dass es in Mainz solche standardisierten Abläufe gab. Aus irgendeinem Grund wurden sie nicht eingehalten. Kommt hinzu, dass Neugeborene besonders gefährdet sind. Die Frühchen sind die höchsten Risikopatienten, da sie keine eigene Abwehr haben und vermutlich noch 100 andere Faktoren mitspielen. Vielleicht hätte dieselbe Infusion bei einem anderen Patienten nicht dieselben verheerenden Folgen gehabt.

Gibt es ähnliche Fälle in der Schweiz, die glimpflich ausfallen?
Am häufigsten sind wohl Verunreinigungen im Essen. Wenn ein Gesunder ein schlechtes Tiramisu im Restaurant isst, ist es weniger verheerend, als wenn ein Patient es isst. Sogar die Arbeit in der Spitalküche braucht eine hohe Qualifikation.

Erstellt: 24.08.2010, 12:22 Uhr

Elsbeth Wandeler ist Geschäftsleiterin vom Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK.

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